Peter Høeg: Effekten af Susan

hoegPeter Høeg ist ein zwar international erfolgreicher, doch vom dänischen Feuilleton wenig geliebter Autor. Seine ersten beiden Bücher, vor allem der Erzählband Fortællinger om natten (1990), wurden zunächst enthusiastisch begrüßt, seine stilistische Brillanz, Imaginationsfähigkeit und erzählerische Kreativität galten als Indizien für eine große literarische Karriere; mit  Frøken Smillas fornemmelse for sne (1992) trug er dann (neben Jostein Gaarder) ganz entscheidend zum internationalen Durchbruch der skandinavischen Literatur auf den Buchmärkten der westlichen Welt bei. Mittlerweile sind Høegs Werke in 33 Sprachen übersetzt, doch die seit 1993 publizierten vier Romane brachten dem Autor kaum Lob in der heimischen Literaturkritik ein. Auch sein im Mai erschienener neuer Roman Effekten af Susan erhielt überwiegend kritische Rezensionen in der dänischen Presse. Die Berlingske Tidende schrieb, dieser Hybridroman, der Thriller, Apokalypse und Populärwissenschaft in durchaus ambitionierter Weise mische, sei zwar unterhaltsam, aber zu konstruiert, um als große Literatur zu gelten. Ekstrabladet hielt hingegen den Spannungsbogen für zu »træg« (träge), auch Information urteilte negativ. Von den großen Tageszeitungen druckte lediglich Politiken eine recht positive Besprechung und attestierte dem neuen Roman das Potential zu einem Comeback, das an den Erfolg von Fräulein Smilla anschließen könnte: »Peter Høeg er i topform med videnskabelig superwoman« (Peter Høeg ist mit wissenschaftlicher Superfrau in Topform).

Die Parallelen zu dem früheren Roman sind denn auch offensichtlich. Sie beginnen damit, dass Høeg wiederum eine starke Heldin entwirft, eine ungewöhnliche Frau, die nicht nur im Zentrum dieses Romans steht, sondern auch seine Erzählerin ist. Susan Svendsen ist Experimentalphysikerin, beschäftigt an der Universität Kopenhagen und mit Verbindungen in die höchsten Kreise von Wissenschaft und Gesellschaft. Abgesehen von ihrem Glauben an die Gesetze des Periodensystems, d.h. die Rationalität der Naturwissenschaften, besitzt sie eine Art spirituelle Eigenschaft, die dem Roman den Titel gibt: Sie kann bei ihrem Gegenüber, in bestimmten Situationen und unter bestimmten Voraussetzungen, Ehrlichkeit hervorrufen. Dieser »Effekt« birgt letztendlich die Möglichkeit zu humanitärem Miteinander, die Nähe zum anderen Menschen ist es, die der Roman in seinem Schlusskapitel als ein ethisches Ziel formuliert: »Længst inde i en selv er de andre mennesker« (S. 330; Im eigenen Innersten sind die anderen Menschen).

Die Verbindung von Ratio und Intuition, von logischem Scharfsinn und Streben nach menschlicher Gemeinschaft verkörpern auch die Ehepartner Susan und Laban: der Ehemann der Hauptfigur ist Musiker und Komponist und steht damit für Kreativität und Gefühl, womit die gängigen Geschlechterzuschreibungen verkehrt werden:

­Han peger op på månen, den er tæt ved at være fuld, omkring den lysende skive er et opalfarvet regnbuefænomen, the circle of the moon.

– Susan, hvad ser du?

– Refraktion, den supernumeriske bue.

Han nikker tankefuldt. Vi har gjort det her før, det er en gammel leg mellem os, et spil der går tilbage til da vi lærte hinanden at kende. Laban udpeger et fysisk fænomen. Vi beskriver så for hinanden hvad vi ser.

Aldrig nogensinde så vi det samme.

-Jeg ser en følelse. Af skæbne. Af uafvendelighed. I de uafvendelighed er der samtidig harmoni. (S. 171)

Er zeigt auf den Mond, der beinahe voll ist und um die leuchtende Scheibe herum ein opalfarbenes Regenbogenphänomen aufweist, the circle of the moon.

– Susan was siehst du?

– Refraktion, den supernumerischen Bogen.

Er nickt gedankenvoll. Wir haben das schon öfter gemacht, es ist ein altes Spiel zwischen uns, ein Spiel, das auf die Zeit zurückgeht, als wir uns kennenlernten. Laban weist auf ein physisches Phänomen hin, und wir beschreiben füreinander, was wir sehen.

Wir haben niemals dasselbe gesehen.

-Ich sehe ein Gefühl. Von Schicksal. Von Unabwendbarkeit. Im Unabwendbaren liegt gleichzeitig Harmonie.

Über diese Fähigkeiten hinaus hat Susan körperliche Stärke, Kraft, Ausdauer, Sex-Appeal, Mut, hohe Intelligenz, eine schnelle Auffassungsgabe – sie ist in der Tat eine »superwoman«, die typisch weibliche mit einer Vielzahl von traditionell Männern zugeschriebenen Eigenschaften vereint. Wie Smilla vor ihr verkörpert sie insofern ein die Normen überschreitendes Frauenbild. Mit Geschlechterstereotypen und überkommenen Familienbildern räumt der Roman gewissermaßen im Vorübergehen auf:

Det danske samfund har en massiv mainstream. Hvis man følger den, får man medvind, man får fremdrift og et skub i ryggen af at gøre som alle andre. Det eneste, man skal, er at få sin uddannelse, inden man er 30, sikre sig en mand og nogle børn og en villa, fra man er 30 til 40, frasere alkoholforbruget, overleve midtvejskriserne, kridte skoene og være klar, når børnene flytter hjemmefra, til at tage den sidste lange spurt i det danske kapløb, der hedder ›den, der har mest, når hun dør, har vundet‹.

Die dänische Gesellschaft hat einen massiven Mainstream. Wenn man ihm folgt, hat man den Wind von hinten, man bekommt Antrieb und einen Schubs in den Rücken davon, dass man dasselbe tut wie alle anderen. Das einzige, was man tun muss, ist seine Ausbildung zu beenden, bevor man 30 ist, sich einen Mann, ein paar Kinder und eine Villa sichern, wenn man zwischen 30 und 40 ist, den Alkoholverbrauch schönreden, die Midlife-Krise überwinden, nicht nachgeben und bereit sein, wenn die Kinder ausziehen, den letzten langen Spurt im dänischen Wettlauf anzutreten, der da heißt, ›derjenige, der am meisten hat, wenn er/sie stirbt, hat gewonnen‹.

Vor allem aber, und das ist der zweite Punkt, in dem dieser Roman an den Erfolgs-Vorgänger anschließt, werden die ungewöhnlichen Eigenschaften der Hauptfigur benötigt, um ein Genre umzusetzen, das wohl am ehesten als Öko-Thriller bezeichnet werden kann. Der komplizierte Plot entzieht sich der Nacherzählung und sollte auch, da der Roman vor allem Thriller-Fans begeistern wird, nicht verraten werden. Doch es geht um nicht mehr und nicht weniger als die ultimative ökologische Katastrophe, die von einer in den 1970er Jahren installierten ›Zukunftskommission‹ ziemlich exakt prognostiziert wurde. Um die Mitglieder und vor allem um die von politisch Mächtigen geheim gehaltenen Protokolle dieser Kommission dreht sich die quest dieses Romans, die Susan und ihre Familie mehrfach in Lebensgefahr bringt und schließlich – so viel sei dann doch verraten – alle Hindernisse überwinden lässt. Die Welt wird durch ihre Aktionen allerdings nicht gerettet, aber der Autor mag gehofft haben, dass mit einer spannenden Romanhandlung und einem apokalyptischen Szenario mehr Menschen auf ökologische Missstände und skrupellose Machtpolitik aufmerksam werden als durch wissenschaftliche Berichte oder politische Warnungen.

Mit seiner hybriden Gattung, dem als action novel verpackten ernsten Anliegen, das ökologisches Bewusstsein mit einer Aufforderung zur Mitmenschlichkeit verbindet, liegt der Roman ebenso im Trend wie mit seinem Bezug auf Physik und Naturwissenschaften, die in etlichen aktuellen Romanen und Filmen eine Rolle spielen. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit von Plot-Konstruktion und Figurenhandeln zu stellen, erübrigt sich wohl in diesem Genre – so offensichtlich ist die Konstruiertheit, die Menge der Zufälle und Übertreibungen, die übermenschliche Kraft der Heldin, die Gewaltbereitschaft und Bosheit der Gegner, dass überhaupt nichts in diesem Roman dem oben genannten mainstream entspricht. Ist es Ausdruck von kritischer Selbstreflexivität, wenn es im Roman selbst heißt, die Berichte der Zukunftskommission seien unterdrückt worden, weil ihr Katastrophenszenario so unwahrscheinlich erschien, dass es die Menschen für Unsinn (eigentlich: Geisterbeschwörung = »åndemaneri«, S. 270) gehalten hätten? Anders gefragt: Welche Wirkung haben Übertreibungen, wenn es darum geht, ernsthafte Warnungen auszusprechen, oder ist eine Fiktion keine Übertreibung, sondern besitzt die Kraft zur Veranschaulichung?

Fest steht, dass Peter Høegs Fabulierfreude und sein Erfindungsreichtum seiner bekannten Stilsicherheit in nichts nachstehen. Durch die spannungsgeladene Handlung, die mit Stemmeisen und Schraubenzieher kämpfende Heldin und nicht zuletzt schon durch seinen Titel (The Susan-effect) hat der Roman Chancen auf einen erneuten internationalen Erfolg oder eine Verfilmung. Um ihn als Literatur wirklich schätzen zu können, muss man aber action-plots mögen – und die mag bestimmt nicht jeder.

Peter Høeg: Effekten af Susan, København: Rosinante, 2014, 330 S.
(Annegret Heitmann, München, August 2014)

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