Stine Pilgaard feiert die Sprache

Schon der Debütroman von Stine Pilgaard wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin bei dem dänischen Lesepublikum bekannt. Nach dem Erstling Min mor siger (Meine Mutter sagt), der 2012 an diesem Ort besprochen wurde, folgte 2015 der wiederum viel gelobte und ebenso viel gelesene Roman Lejlighedssange (Gelegenheitslieder). Von der Kritik hervorgehoben wurde auch hier vor allem das Sprachgefühl der Autorin, ihr Sinn für Komik und präzise Dialoggestaltung. Fünf Jahre später legt sie nun wieder einen Roman vor, der von den Rezensenten auf ähnliche Weise gepriesen wird. So schrieb Lone Nikolajsen in Information von einer „formfuldendt komedie om normalitet“ (formvollendeten Komödie über Normalität; 15.5.2020). Immer werden die humoristisch oder parodistisch geschilderte Alltäglichkeit der Ereignisse, die Wiedererkennbarkeit und der Sprachwitz betont. Merete Reinhold schrieb in Berlingske Tidende: „Man bliver med andre ord et både gladere og mildere menneske af at læse denne bog, og uden at man rigtig opdager det, får man tillige indsigt i dem og os, sig selv og de andre.“ (Man wird mit anderen Worten ein fröhlicherer und sanfterer Mensch durch die Lektüre dieses Buches, und ohne dass man es gewahr wird, gewinnt man gleichzeitig Einsichten in sie (die Figuren) und uns, in sich selbst und in andere; 20.5.2020). Insofern war das Buch eine gute Wahl, um den neuen Gutkind Verlag, der zu der schwedischen Bonniers Gruppe gehört, zu begründen.

Obwohl auf dem Titelblatt die Gattungsbezeichnung Roman steht, sollte Stine Pilgaards neues Buch nicht um seines Plots willen gelesen werden, sondern mit Blick für das Detail. Die Erzählung hat zwar einen chronologischen Aufbau und einen gewissen drive, doch ein langsames Lesen, ein Genießen in kleinen Häppchen lohnt sich weit mehr als ein zielgerichtetes Verfolgen des Handlungsfadens. Es sind die kleinen Pointen, die nahezu aphoristisch daherkommen und die Einsichten versprechen. So geht es z.B. einmal um das Älterwerden und die Verärgerung darüber, dass Frauen „blive[r] opfattet som et madprodukt med en udløbsdato“ (als ein Lebensmittel mit einem Verfallsdatum aufgefasst werden; 32), ein anderes Mal um den Charakter der Volkshochschule als „et koncentrat, en Maggi-terning af menneskenes drømme om fællesskab“ (ein Konzentrat, ein Maggi-Würfel menschlicher Träume von einer Gemeinschaft; 29): ein drittes Mal geht es darum, dass ”[t]ermerne, der bruges i forbindelse med dating, er hentet fra forbrugersproget” (die Ausdrücke, die in Verbindung mit dating benutzt werden, aus der Verbrauchersprache entlehnt sind; 208).

Die Ich-Erzählerin berichtet in knappen, anekdotisch geprägten Abschnitten vom Leben einer Kleinkind-Mama, die als ”påhæng” (Anhang), wie sie es nennt, eines Lehrers nach Westjütland, gezogen ist, in ”de korte sætningers land” (das Land der kurzen Sätze; 264). Dazu muss man nun wissen, dass eine dänische Volkshochschule eine Art Internat mit einem Allgemeinbildungsauftrag ist, das meist von jungen Leuten direkt nach dem Schulabschuss für ein Jahr besucht wird. Weiterhin muss man wissen, dass der Westen von Jütland eine flache, von Wind und Windkraftanlagen dominierte Landschaft ist, die im Ruf steht, die Heimat sehr schweigsamer Menschen zu sein. Diese und andere in Dänemark bekannte Tatsachen lassen den Roman für deutsche Leser*innen zu einem Stück Landeskunde werden. Doch darum geht es natürlich nur am Rande. Im Zentrum der Handlung stehen die Erfahrungen der jungen Mutter in einer für sie fremden Umgebung. Sie verbringt unendlich viel Zeit damit, Fahrstunden zu nehmen und berichtet viel von der Müdigkeit der jungen Eltern und dem nicht einfachen Hineinwachsen in die Mutterrolle. Dazu gehört, dass sie neue Freunde und eine kompetente Tagesmutter findet. Am Rande bekommen wir auch ein paar Einblicke in das Volkshochschulleben, die Unterrichtsthemen und die Verliebtheiten der Jugendlichen. All das wird lebhaft und einem munteren Ton erzählt, und doch ist die Handlung nur von begrenztem Interesse. Über erfolglose Fahrstunden haben wir schon bei Dorte Nors, über Kleinkindeltern bei Nikolaj Zeuthen und über die dänische Provinz bei Helle Helle oder Ida Jessen gelesen; thematisch bietet der Roman also wenig Neues.

Aber nachdem Pilgaards Erzählerin einen Job als Kummerkasten-Redakteurin bei dem Lokalblatt bekommen und begonnen hat, zu dem berühmten dänischen Volkshochschul-Gesangbuch (noch so ein Landeskunde-Thema!) neue ”højskole(protest)sange” (Volkshochschul(protest)lieder) hinzuzudichten, bringt das nicht nur Abwechselung in ihr Leben, sondern auch in die Form des Romans. Die (natürlich fiktiven) Fragen und Antworten des Kummerkastens auf der einen und die Liedtexte auf der anderen Seite werden in den fortlaufenden Romantext über das Alltagsleben der Erzählerin eingefügt. So ergibt sich ein schneller Wechsel von drei unterschiedlichen Textsorten, was strukturell das häufig unterbrochene Dasein der schreibenden Mutter eines kleinen Kindes spiegelt. Bei genauerem Nachsehen entdeckt man allerdings, dass dieser zufällig wirkende Wechsel doch einer regelmäßigen Struktur folgt: Das Buch besteht aus drei Teilen und jeder Teil enthält genau neun Kummerkasten-Passagen und drei Lieder, von denen eines die jeweiligen Teile beschließt. Auf diese Weise macht die Form auf die Konstruiertheit der Schilderung aufmerksam und deutet an, dass es um anderes und mehr geht als um die meist lustigen Episoden. Auch wenn vieles davon sehr nah an dem Leben der Autorin ist und leicht wiedererkennbare Elemente aus der Wirklichkeit enthält (so tritt z.B. Anders Agger auf, ein in Dänemark bekannter Moderator, der an der Westküste lebt), geht es sicher nicht um eine autobiographische Selbstbespiegelung oder gar um Bekenntnisliteratur, was schon durch die Distanz schaffende Komik verhindert wird. Besonders deutlich wird das in den Kummerkasten-Antworten, die gerade keine psychologischen Tiefenbohrungen darstellen, sondern verallgemeinern, verwundern oder gar das Anliegen der Fragenden auf den Kopf stellen und verdrehen, wenn sie zu Konklusionen kommen wie: ”spørg ikke dig selv, hvem du vil giftes med, spørg, hvem du kunne tænke dig at blive skilt fra” (frag dich nicht, wen du heiraten willst, frag, von wem du gerne geschieden würdest; 135).

Was alle drei Texttypen verbindet, ist ein Subtext, der die Sprache selbst zum Gegenstand hat. Viele überraschende Formulierungen bringen den humoristischen Charakter des Romans hervor, aber sie machen darüber hinaus selbstreflexiv auf die elementare Bedeutung der Sprache, auf ihre Unentbehrlichkeit aufmerksam. Sprache, Subjekt und Wirklichkeit gehören zusammen. So heißt es, die Erzählerin ”tænker i prosa” (denkt in Prosa; 20), ja, sie wird selbst zu einer Erzählung (”jeg blev selv til en fortælling”, 43), und in einem sehr schönen, an ihren Partner gerichteten Liebeslied erklärt sie ”vi mødtes i sproget, et hemmeligt sted” (wir haben uns in der Sprache getroffen, an einem geheimen Ort; 100). Die Sprache tritt in ihren vielen Facetten als elementar für das menschliche Zusammenleben hervor: Es geht um den Spracherwerb des Kleinkindes, um die Bedeutung der Namengebung für das ganze Leben, um Sprache als Ausdrucksform und Kommunikation, um Gesprächstempo und verschiedene Codes und sprachliche Register sowie schließlich um Sprache als Erneuerung und schöpferische Kraft. All das funktioniert nicht reibungslos; wenn auch Sprache und Gedanken untrennbar verbunden sind, kann es problematisch sein ”når tanker transformeres til ord uden tegn på redigering” (wenn Gedanken in Wörter tranformiert werden ohne jegliches Zeichen der Überarbeitung; 83). Es kann zu Kommunikationsproblemen kommen, wenn es mit der Erzählerin durchgeht und sie gewissermaßen vom Diskurs gesteuert wird und schließlich ”står alene i en suppe af lyde” (alleine in einer Suppe von Lauten steht; 18). Es gibt Situationen, da überkommt sie das Gefühl ”af at have glemt mit manuskript” (mein Manuskript vergessen zu haben; 82) oder Menschen, die von Liebe sprechen wollen, ”går vild i en jungle af metaforer” (verlieren sich in einem Dschungel von Metaphern; 141). Sie warnt vor fehlender Präzision, ”mod forretsmetaforer i salatdiskussionen” (vor Vorspeisenmetaphern in der Salatdiskussion; 119). Aber es geht auch um sprachlichen Einfallsreichtum und um ihre Ausdruckskraft, wenn die Erzählerin Sprache mit ”en avanceret sexleg” (einem avancierten Sex-Spiel; 235) vergleicht und mahnt: ”Gør jer umage!” (Gebt Euch Mühe!; 235). Diese Überblendungen von Sprache, Leben und Subjektivität sind unterhaltsam und setzen die aus den vorherigen Romanen bekannte Dialog-Kunst und Sprach-Artistik fort. Doch über ein amüsantes oder unverpflichtendes Sprachspiel geht der permanent unterlegte Verweis auf die Sprache hinaus. Der Roman vertritt dadurch einen fundamentalen Glauben an die Sprache als eine elementare menschliche Fähigkeit zum Selbstausdruck sowie als Basis für Kommunikation, Gemeinschaftsbildung und Kreativität.

Besonders in den eingefügten Liedern zeigt sich die verwandelnde Kraft der Sprache, wenn nicht nur neue, sondern oft überraschende Wörter zu bekannten Melodien aus dem Volkshochschul-Gesangbuch hinzugefügt werden. Da findet sich ein sozialdemokratisches Kampflied neben bekannten Grundtvig- und Bellman-Liedern und dem in Dänemark legendären Poul Dissing (noch mehr Landeskunde!). ”Lille Idas sommervise” (aus Astrid Lindgrens Emil i Lönneberga) wird zu einer Elegi, religiöse Lieder werden säkularisiert, es gibt ein Frühlingslied ohne Hoffnung und ein Winterlied ohne Schnee. Begleitend zu dem Buch wird eine Musik-CD veröffentlicht, auf der Katrine Muff Enevoldsens neue Vertonungen der Lieder zu hören sind. Eines davon, das wunderbare ”Fortabt er jeg stadig” (Verloren bin ich immer noch; 100), wird in die kommende Ausgabe des Højskolesangbogen (Volkshochschul-Gesangbuch) aufgenommen werden und ist unter https://www.youtube.com/watch?v=7aLEDxP9f9w auf youtube zu hören.

Immer wieder überrascht die Sprache dieses Romans und gibt der Überzeugung Ausdruck, auf die Wirklichkeit einwirken und sie verändern zu können. Nach der in der Moderne vorherrschenden Sprachskepsis und der postmodernen These von der endlosen Zirkulation der Signifikanten, feiert Stine Pilgaard die Möglichkeiten und die Kraft der Sprache. Unprätentiös, witzig und souverän benutzt sie deren Werkzeuge und zeigt gleichzeitig den Reichtum an Möglichkeiten, den die Sprache bietet. Ausdrucks- und Kommunikationsschwierigkeiten sind durchaus Teil dieses sprachlichen Handelns, doch getragen wird der Roman von dem Glauben an die Sprache.

Stine Pilgaard: Meter i sekundet. Roman, Gutkind Verlag, Kopenhagen, 2020.

(Annegret Heitmann)

Dieser Beitrag wurde in Dänemark veröffentlicht und getaggt , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Sowohl Kommentare als auch Trackbacks sind geschlossen.
  • Archiv