Sachbuch und Familienalbum: zu den Zwangsumsiedlungen der Sámi

Cover des Buchs "Herrarna satte oss hit" von Elin Anna Labba

Das kleine Kind schreit verängstigt, obwohl es seinen eigenen Vater sieht: Elle erkennt sein Gesicht nicht; die Sprache, die er spricht, ist ihr fremd. Aus Angst, dass sie als Säugling den Winter in der zeltähnlichen Kote nicht überleben könnte, wurde Elle als Baby bei einer anderen Familie untergebracht. Eigentlich möchten ihre Eltern sie so schnell wie möglich wiederhaben, doch als sie zwangsumgesiedelt werden, wird die Familie auseinandergerissen. Erst mit drei Jahren kann Elle von ihrem Vater abgeholt werden. 

Ihre Familie ist nur eine von vielen, deren Geschichte die samisch-schwedische Journalistin Elin Anna Labba in Herrarna satte oss hit beschreibt. Das Anfang 2020 erschienene Buch wurde im selben Jahr mit dem prestigeträchtigen Augustpreis in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet. Die Monografie enthält eine starke persönliche Note, die für ein dokumentarisches Format wohl etwas ungewöhnlich ist. Diese rührt jedoch daher, dass Herrarna satte oss hit Labbas Bedürfnis entsprang, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen,  da ihre Familienbande durch die Zwangsumsiedlungen durchtrennt wurden. Das Buch beschränkt sich aber keineswegs auf eine reine Aufarbeitung der Familiengeschichte, sondern möchte auf ein vernachlässigtes Kapitel der skandinavischen Geschichte aufmerksam machen. Zugleich setzt Labba die Zwangsumsiedlungen in einen globalen Kontext, indem sie darauf hinweist, dass diese Art der Vertreibung ein gängiges Muster in der Unterdrückung indigener Völker ist und dennoch zu selten thematisiert wird:

„Sverige följer i det här ett mönster som gäller för urfolk världen över. I Australien tvångsomhändertas aboriginers barn, på Kallallit Nunaat har man tvångsinternerat inuiter. I USA kallas stigarna som Cherokee och andra nationer har tvingats vandra för The Trail of Tears. Urfolks ärvda sår finns nästan aldrig i historieböckerna. Även i Sverige är den samiska historien samisk, den räknas inte som svensk. På norsk sida av Sápmi handlar det här om ’svensksamerna’. Där räknas det inte heller till något som rör dem.” (S. 181) 

„Schweden folgt hier einem Muster, das indigene Völker auf der ganzen Welt betrifft. In Australien wurden die Kinder der Aborigines in Gewahrsam genommen, auf Kallallit Nunaat [Grönland] wurden Inuit zwangsinterniert. In den USA werden die Pfade, die man Cherokee und andere Nationen zu gehen zwang, The Trail of Tears genannt. Die vererbten Wunden indigener Völker finden in Geschichtsbüchern fast nie Erwähnung. Auch in Schweden gilt die samische Geschichte als samisch und nicht als schwedisch. Auf der norwegischen Seite von Sápmi wird von ‚Schwedensam*innen‘ gesprochen. Dort wird es auch nicht als etwas wahrgenommen, was Norwegen betrifft.“ (alle Übersetzungen von HN)

Die Zwangsumsiedlungen begannen 1919 in Schweden; die Gründe dafür liegen jedoch um einiges weiter zurück. Ausschlaggebend waren die entstehenden Grenzen zwischen den skandinavischen Ländern und Finnland: Während sie in den vergangenen Jahrhunderten auf der Landkarte nur grob skizziert waren, wurden sie im Laufe des 18. Jahrhunderts immer präziser festgelegt. Auch der Zeitgeist der Nationalromantik verschlechterte die Situation für Minderheiten, denn in Norwegens „imagined community“ (Benedict Anderson) war kein Platz mehr für die Sámi. Der norwegische Staat beschloss, das Land im Norden, das viele nomadische Sámi seit langer Zeit als Rentierweide gebrauchten, nun nur für die ‚eigenen‘ Leute landwirtschaftlich verfügbar zu machen. Schweden und Norwegen einigen sich 1919 in der Renbeteskonvention (dt.: Rentierweidenübereinkommen), die Anzahl der Rentiere an vielen Orten zu beschränken, deren saisonale Routen zu unterbinden und Rentierhaltung an den Küsten sowie auf Inseln und Halbinseln überhaupt zu untersagen. Viele Sámi, die zuvor dort gelebt hatten, sollten an südlichere Orte umgesiedelt werden. Die zuständige staatliche Behörde in Schweden war das Lappväsendet, der die Lappvogte unterstanden, die die Umsiedlungen organisierten. Als Kontrollorgan fungierte dabei auch die Kirche, da die Pfarrer die Namen der Umzusiedelnden an ihre Kollegen im Süden weiterleiteten und so kontrollieren konnten, wer umgesiedelt worden war. Eine Alternative zu den Umsiedlungen gab es im Übrigen kaum – wer sich weigerte, hatte mit hohen Geldstrafen zu rechnen bzw. musste einen großen Teil der eigenen Rentiere schlachten – beides hätte den finanziellen Ruin für die meisten bedeutet. 

Das Rentierweidenübereinkommen blieb für viele Betroffene undurchsichtig – es wurde ins Schwedische, Norwegische und Finnische übersetzt, jedoch nie in die samischen Sprachen. Hinzu kam, dass wenige Sámi lesen oder schreiben konnten. Dies gereichte den Behörden mitunter zum Vorteil: Während der ersten Jahre brauchte es noch eine zustimmende Unterschrift der Umzusiedelnden, doch da viele Analphabet*innen waren, verstanden viele nicht, was sie unterschrieben. Die Behörden hatten schließlich auch kein Interesse daran, transparent zu kommunizieren – so erfuhren viele Umgesiedelte erst bei der Ankunft an ihrem zugewiesenen Wohnort, dass die Umsiedlungen permanent waren. Nicht nur das Verschweigen von Informationen, sogar das Vorgaukeln falscher Tatsachen war dabei nicht ungewöhnlich: Vielen Sámi wurde weites, ungenutztes Weideland für ihre Rentiere versprochen, dabei wurde das Land im Süden bereits von anderen Sámi und deren Rentieren genutzt; durch die Zwangsumgesiedelten wurde der Platz also knapp, was wiederum zu Spannungen zwischen den Sámi führte. Labba stieß in ihrer Recherche sogar auf gefälschte Dokumente. So soll sich jemand für finanzielle Unterstützung zur Umsiedlung bei den Behörden bedankt haben, bloß erklärt die erwähnte Person Labba im Interview, dass er nie einen Geldbetrag erhalten und dementsprechend auch nie ein Dankesschreiben eingereicht hätte. 

Verteidigt wurden die Umsiedlungen mit der Begründung, dass die Betroffenen ja Nomad*innen seien und somit ohnehin über keinen festen Wohnsitz verfügten. Dass die nomadischen Sámi nicht an willkürlichen Stellen Halt machten, sondern zwischen den altbekannten jahreszeitabhängigen Weideplätzen der Rentiere wanderten, kümmerte die Behörden nicht. 

Die Zwangsumsiedlungen waren nur ein Teil der vielen diskriminierenden Maßnahmen gegen die Sámi: Treibende Kraft hinter diesen waren im 19. und 20. Jahrhundert vor allem die rassistischen Ideen des Sozialdarwinismus, laut denen die Sámi weniger „entwickelt“ wären als die übrigen Menschen in Skandinavien – die letzten Reste einer primitiven Kultur, die bald vom Fortschritt hinweggerafft werden würde. An vielen der (zwangsumgesiedelten) Sámi wurden Untersuchungen nach damals akzeptierten wissenschaftlichen Maßstäben durchgeführt, um diese Hierarchisierung zu legitimieren: Schädel- und Körpervermessungen, Fotografien, für die sich die Sámi nackt ausziehen mussten – Methoden, die aus heutiger Sicht nur als Pseudowissenschaft bezeichnet werden können. Die Kataloge des Staatlichen Instituts für Rassenbiologie in Schweden sind nur einige der vielen Quellen, die Labba in ihrer Recherche für Herrarna herangezogen hat. Das Institut war lange unter der Führung von Herman Lundborg, dessen Leben und rassistische Einstellungen Maja Hagerman in Käraste Herman dokumentiert hat, welches 2015 für den Augustpreis nominiert war. 

Labbas Buch erzählt keine fortlaufende Geschichte, Berichte der historischen Begebenheiten wechseln sich mit Labbas Reflexionen über die eigene Familienvergangenheit ab. Fotografien wurden ebenso einbezogen wie Interviewausschnitte, Faksimiles von Gesetzestexten der schwedischen und norwegischen Behörden, Zeitungsartikel, Briefe, Landschaftsfotografien und -zeichnungen sowie Texte des Joik, des traditionellen samischen Gesangs. Die Präsentation der multimedialen Quellen macht das Buch auch zu einem überzeugenden ästhetischen Objekt. Der fragmentierte Aufbau des Buches mag gleichzeitig auch versuchen, der durch die Zwangsumsiedlungen ausgelöste Zersplitterung Ausdruck zu verleihen. 

Den größten Teil des Buches nehmen Abschnitte ein, die auf jeweils eine Person und deren Familie fokussieren und die Erlebnisse der bággojohtin, wie die Umsiedlungen auf Nordsamisch auch genannt werden, mit einer erzählerischen Dynamik wiedergeben. Durch die durchgehende Fokalisierung einer Figur schildert Labba die Zwangsumsiedlungen und gibt Einblick in die Gedanken der Betroffenen. Zwar kann das Gefühlsleben der Betroffenen nur rekonstruiert werden, aber die Innensicht wird nicht fiktiven Figuren überantwortet, sondern verweist auf dokumentarisch verbürgte Biographien: Im Zuge ihrer Recherchen, auf denen diese Schilderungen beruhen, hat die Autorin Interviews mit nahezu hundert 100 Zeitzeug*innen und deren Nachkommen geführt. Anstatt die Diversität der Schicksale einer vereinfachten und homogenisierenden Darstellung durch eine Reduktion auf Eckdaten zu opfern, wird die Vielfältigkeit der Erfahrungen durch diesen ‚Zoom‘ auf Individuen und deren unmittelbare Bezugspersonen verdeutlicht. 

”Vad finns kvar för dem om de stannar? Om de stannar, tvingas de nog ändå iväg senare. Första gången herrarna ville ha iväg dem var Jouná inte ens född. Han känner ingen som har klarat sig bra de sista åren. De har själva förlorat en tredjedel av renarna på bara några år. Sedan gränserna stängdes har det blivit mer och mer outhärdligt.” (S. 39)

„Was bleibt ihnen, wenn sie bleiben? Wenn sie hierbleiben, werden sie ja doch später gezwungen werden umzusiedeln. Beim ersten Mal, als die Herren sie loswerden wollten, war Jouná noch nicht einmal geboren. Er kennt niemanden, der oder die in den letzten Jahren gut zurechtgekommen ist. Sie selbst [Jouná und seine Familie] haben ein Drittel ihrer Rentiere in nur wenigen Jahren verloren. Seitdem die Grenzen geschlossen wurden, ist alles immer unerträglicher geworden.“ 

Auch die Fotografien (die jeweils mit den Namen der Abgebildeten versehen wurden) verstärken die persönliche Ebene. Insgesamt wird so eine Intimität zwischen Lesenden und Beschriebenem geschaffen. Dadurch kann bei der Lektüre der Monografie der Eindruck entstehen, es werde durch ein Familienalbum geblättert. Dies mag mitunter sogar ein intertextueller (bzw. intermedialer) Verweis auf einen der berühmtesten samischen Autor*innen sein: Nils-Aslak Valkeapää (Áillohaš) inkludierte in seinem Gedichtband Beaiviáhčážan (dt. Die Sonne, mein Vater) ebenso verschiedene Fotografien, um eine große, samische Familie und deren Verbundenheit darzustellen (Vuokko Hirvonen: „Saamische Literatur“. In: Jürg Glauser (Hg.) Skandinavische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 20162, S. 499).

Darüber hinaus trägt Herrarna, dazu bei, den kargen Forschungsstand zu den Zwangsumsiedlungen zu erweitern: Obwohl das Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten gegenüber den Sámi langsam wächst, gibt es bisher nur wenige Publikationen, die sich dezidiert mit den bággojohtin auseinandersetzen. (Darunter ist eine dreiteilige Doku-Reihe von SVT mit dem Titel Bággojohtin, in der Elin Anna Labba selbst auftritt und über ihre Forschungsarbeit erzählt). Darüber hinaus versucht das Buch auch, das Schweigen in der samischen Community zu brechen und einen Austausch zu ermöglichen, den das Trauma der Zwangsumsiedlungen lange unmöglich gemacht hat. In einem Interview erzählt die Enkelin einer Zwangsumgesiedelten über ihre Großmutter: 

„Hon ville tillbaka till Norge”.
”Berättade hon något om tvångsförflyttningarna?”
”Nej, det kom aldrig på tal. Hon nämnde det aldrig. Det var som att det var förträngt.” (S. 28)

„Sie wollte zurück nach Norwegen.“
„Hat sie von den Zwangsumsiedlungen erzählt?“
„Nein, das kam nie zur Sprache. Das hat sie nie erwähnt. Es war, als hätte sie es verdrängt.“ 

Elin Anna Labba: Herrarna satte oss hit. Om tvångsförflyttningarna i Sverige. Stockholm: Norstedts, 2020. 

(Hannah Nüchtern)

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