Landnahme ohne Pathos

Seit ungefähr dreißig Jahren ist Ida Jessen eine in Dänemark etablierte und viel gelesene sowie mit renommierten Preisen ausgezeichnete Autorin. Ihr facettenreiches Werk, dessen bekannteste Texte in der dänischen Provinz spielen und sich durch psychologisch einfühlsame Figurenporträts auszeichnen, ist in mehrere Sprachen übersetzt worden (vgl. Neues Lesen, Dezember 2012 und März 2017). Mit ihrem neuen voluminösen Roman betritt die Autorin jedoch ein neues Terrain – was eine passende Metapher für einen Roman darstellt, der von Landnahme und Besiedlung handelt. Im dänischen Feuilleton wurde Kaptajnen og Ann Barbara als »sagtmodig Western« (Information, 23.10.2020) bezeichnet, der anstelle von Indianern und der Prärie die jütische Heide und deren Besiedlung fokussiert. Insofern kann man den in der Mitte des 18. Jahrhunderts spielenden historischen Roman als Landnahmeroman bezeichnen. Damit greift die Autorin eine im 19. Jahrhundert populäre Gattung auf, die meist mit dem englischen Begriff als »settler novel« bezeichnet wird, weil sie vor allem von der Besiedlung Nordamerikas berichtet und auf meist heroische Schilderungen von Landnahmen konzentriert ist. Auch in der skandinavischen Literatur gibt es solche Romane über Auswanderer, Pioniere und ›Nybyggere‹. In den heute fast vergessenen Erzähltexten ging es um die Eroberung einer angeblichen leeren, herrenlosen Landschaft, um den harten Kampf gegen die Natur und um den entbehrungsreichen, aber mutigen Neubeginn auf einer tabula rasa, auf der eine neue Gesellschaft etabliert wird. Nicht immer betrafen diese Gründungserzählungen die sogenannte neue Welt, auch im Inneren der skandinavischen Länder gab es Kolonialisierungsprojekte, so wurde in Dänemark die Urbarmachung der jütischen Heide, wo die klimatischen Voraussetzungen und die Beschaffenheit des Bodens dem ›Nybygger‹ das Äußerste abverlangten, als landesinterne Landgewinnungsmaßnahme betrieben. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beschrieben Autoren wie Johan Skjoldborg (En Stridsmand, 1896) und Harri Søiberg (»Den vestjyske Udbygger«, 1906), wie »herreløst Land« (herrenloses Land) und »urgammelt, udyrket Land« (uraltes, unbebautes Land) von dem Pflug des Siedlers bezwungen wurde.1 Die Texte stellen ein Projekt der Unterwerfung und (männlichen) Eroberung dar, das Insistieren auf dem Neubeginn beschwört Selbstbestimmung, Fortschrittsglauben und Ermächtigung, die Skjoldborg durch einen biblischen Vergleich hervorhebt: »Som Solen skred frem paa sin Bane, og Vandet løb ned til Stranden, gjorde dette Menneskepar sig Jorden underdanig« (S. 103; Während die Sonne auf ihrer Bahn voranschritt und das Wasser zum Strand hinablief, machte sich dieses Menschenpaar die Erde untertan).  

Wenn nun Ida Jessen diese Gattungstradition neu belebt, setzt sie völlig andere Akzente, ja, sie schreibt das Genre um und gibt ihm durch diese Revision eine neue Berechtigung. Ihr Roman spielt in den 1750er und 60er Jahren in der damals nahezu unbesiedelten Heidelandschaft südwestlich von Viborg und schildert den vergeblichen Kampf des aus Deutschland stammenden Kapitäns Ludwig von Kahlen gegen die unwirtliche Landschaft, den Sand und den Wind, gegen die hemmende Administration der Krone, vertreten durch die Kopenhagener »Rentenkammer«, und gegen die Anfeindungen des brutalen Gutsherren Schinkel von Hald. Der einzige Vertraute des Kapitäns ist der mittellose Theologe Søren Thestrup, der sich auch für die Vermessung und Besiedlung der Heide interessiert, aber ihn kaum unterstützen kann. Zunächst lebt und arbeitet von Kahlen ganz allein, dann gesellt sich eine Frau, Ann Barbara, zu ihm und Anmai Mus, ein »taterpige« (Sintomädchen), wird von einem umherziehenden Glaser bei ihm zurückgelassen. Von Kahlen hat den Auftrag, die unbesiedelte Heidelandschaft zu kartieren, und setzt sich zum Ziel, sie urbar zu machen und Siedlungen anzulegen. Er versucht, Bauern aus Mecklenburg zur Ansiedlung zu gewinnen, doch er scheitert mit diesem Projekt genauso wie an seinem persönlichen Kampf: Der sandige Boden bringt kaum Erträge, Wölfe sind eine ständige Gefahr, das Geld ist knapp und geht zur Neige, sein stolzes Pferd wird von einem Bienenschwarm getötet, schließlich vernichtet ein Sandsturm die gesamte Ernte und im Winter herrschen Kälte und Hunger. Der Kapitän wird zur Aufgabe seines übermächtigen Vorhabens gezwungen. Ida Jessen revidiert damit die optimistischen Landnahmefantasmen, die das Narrativ bis dahin dominiert hatten – bis hin zu seinem bekanntesten Vertreter, Knut Hamsuns Roman Markens Grøde (1917; Der Segen der Erde), zu dem sich Jessens Text wie ein Gegenentwurf liest.

Doch es sind nicht die literarischen Intertexte, die den Roman maßgeblich prägen, sondern umfangreiche historische Quellen. Für die männlichen Hauptpersonen gibt es historische Vorbilder, die Autorin hat sich auf Archivmaterial und historische Studien gestützt, hat Dokumente, Briefe und Tagebücher studiert und in lokalhistorischen Archiven und der Bibliothek von Sorø geforscht. Sie beruft sich auf Valdemar Andersens Standardwerk über Den jyske hedekolonisation (1970) und zieht auch die Studien H.P. Hansens aus dem 19. Jahrhundert heran, der sich dem sog. fahrenden »Natmandsfolk«, das meist der Volksgruppe der Sinti angehörte, gewidmet hatte. Und doch ist auf der Basis von Daten und Fakten ein fantasievoller und lebendiger Roman entstanden, der vor allem durch die Hinzufügung der nicht-historischen Frauenfiguren an Komplexität und Farbigkeit gewinnt. Erstaunlicherweise sind es gerade die fiktionalen Aspekte, die den Realismus des Siedlerromans erhöhen: Indem sie den weiblichen Beitrag betonen, revidieren sie den traditionellen männlichen Heroismus des Genres. Respektvoll werden die Figuren aus einer Außenperspektive in erster Linie durch ihre Handlungen geschildert, nur gelegentlich gibt es kurze Einschübe mit personaler Fokalisierung, die uns die Charaktere näherbringen. Durch den Verzicht auf eine psychologisierende Haltung der Erzählinstanz wird aber immer eine gewisse Distanz zu den historischen Personen aufrechterhalten; wir lernen sie kennen, doch sie bleiben uns fremd, so wie die Zeit und das Milieu zwar anschaulich, aber als fern geschildert werden.

Die beiden Frauen treten als tatkräftig und mündig hervor, aber ihre Herkunft und ihre Gefühle bleiben weitgehend verborgen, sie bewahren ein Moment des Geheimnisvollen. Anmai Mus wird zunächst durch ihre Unerschrockenheit und kindliche Wildheit charakterisiert, sowie durch eine fremde, unverständliche Sprache. Doch sie ist auch klug, der Kapitän lehrt sie lesen und schreiben, sie interessiert sich für die Messungen und Instrumente des Kapitäns und wird zu seiner Assistentin, so dass dem Stereotyp der »taterpige« ein liebenswerter, unabhängiger Charakter entgegengesetzt wird. Ann Barbara ist eine handlungsstarke und mutige Frau, die den Kapitän bei seinem Kampf um das Heideland zupackend unterstützt. Sie übt schließlich Selbstjustiz gegenüber dem tyrannischen Gutsherrn und wird dafür zur Lagerhaft verurteilt. Und doch gibt es eine Art von Happy End, in das sich auch die zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte zwischen Ann Barbara und dem Kapitän einfügt.

Es ist ein handlungsreicher, ja spannender Roman, der sich nicht zuletzt durch seine klare Sprache auszeichnet, die weniger historisierend als vielmehr schlicht und zeitlos ist: manchmal eher lakonisch die Widrigkeiten konstatierend, manchmal durch eingefügte Briefe die Zeit und die Charaktere plastisch ausmalend, oft dialogreich und lebendig die Szenen vor Augen führend, meist aber ernst und ruhig in knappen Sätzen berichtend. Eine Hauptrolle spielt die jütische Natur, deren Charakteristik in eindringlichen und doch sehr schlichten Schilderungen hervorgehoben wird:  

Vinden farer over himlen, og skyer og regn. Varmen og kulden bæres frem af vinden. Vinden tuder, ingen ved, hvorfra den kommer, den synger og hyler, vinden er der altid. Natten og dagen er der også. Ulve er der, hugorme ruller sig sammen, sommergule sommerfugle patruljerer, lærker stiger op. Rovfugle er der. Boliger er der ikke. Mennesker er der ikke. Lyset og mørket er der, og gråt er der. Natten og dagen er der, og årstiderne er der. Vinden, Vinden er der. (S. 7)  

Der Wind fährt über den Himmel, und Wolken und Regen. Die Wärme und die Kälte werden vom Wind vorwärts getragen. Der Wind weint, keiner weiß, woher er kommt, er singt und heult, der Wind ist immer da. Die Nacht und der Tag sind auch da. Wölfe sind da, Schlangen rollen sich zusammen, sommergelbe Schmetterlinge patrouillieren, Lerchen steigen auf. Raubvögel sind da. Wohnstätten sind nicht da. Menschen sind nicht da. Das Licht und das Dunkel sind da, und Grau ist da. Die Nacht und der Tag sind da, und die Jahreszeiten sind da. Der Wind, der Wind ist da.

So wird die jütische Heide auf der ersten Seite des Romans unpathetisch und doch poetisch mit deutlichem Anklang an Inger Christensens Gedichtsammlung Alfabet (1981) beschrieben und damit gleich zu Beginn eine Widerrufung von Anfangs- und Allmachtsfantasmen anzitiert, da Christensens Text ein Schöpfungsszenario entfaltet, das die Zerstörung bereits in sich trägt. In ähnlichem Sinne entfaltet auch der Roman eine Ehrfurcht vor der Schönheit, aber auch der Macht der Natur. Er setzt den Menschen, die sich um die Besiedlung der kargen Landschaft bemüht haben, ein respektvolles Denkmal, ohne sie zu heroisieren. Der historische Roman, der die Vorgeschichte der schließlich erfolgreichen Urbarmachung der jütischen Heide spannungsreich erzählt, erreicht eine Balance von lebendiger Nähe und anerkennender Distanz durch seine Sprachkunst und fantasievolle Figurendarstellung. Eine Übersetzung ist Deutsche (oder gar eine Verfilmung) ist trotz des Lokalkolorits durchaus wünschenswert.

Ida Jessen: Kaptajnen og Ann Barbara. Roman, Kopenhagen: Gyldendal, 2020.

(Annegret Heitmann)

1 Vgl. Skjoldborg: En Stridsmand, Kopenhagen, 1896, S. 1; Søiberg: „Den vestjyske Udbygger“, in: Øde Egne. Vestjyske Kysthistorier, Kopenhagen, 1906, S. 5-6.

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