Sich im 18. November einrichten: Raumerkundung der Einsamkeit

Solvej Balle gilt als eine der dänischen Vorzeigeautorinnen des Minimalismus bzw. der experimentierenden Literatur der frühen Neunziger Jahre, in denen sie sich mit ihrer verdichteten (Kurz-)Prosa – nach ihrem Debut Lyrefugl (1986, Der Leiervogel) vor allem mit dem Erzählband Ifølge loven. Fire beretninger om mennesket (1993, Nach dem Gesetz. Vier Berichte über den Menschen) – einen Namen gemacht hatte. Neben schmalen Bändchen mit lakonischen Titeln wie & (1990), Eller (1998, Oder), Hvis und (beide 2013, Wenn und Dann), die eher zwischen Kurzprosa und Lyrik einzuordnen sind, und nach zwei essayistischen Bänden hat Balle nach längerem Schweigen mit dem großen (Ent-)Wurf eines siebenbändigen Romans neue Aufmerksamkeit erlangt. Seit 2020 erscheinen nun jährlich ein-zwei Bände der Septologie, die den widerspenstigen Titel Om udregning af rumfang (Über die Berechnung des Rauminhalts) trägt und an der sie laut eigener Aussage seit 1987, also seit über dreißig Jahren, gearbeitet hat.1 Diese Arbeitsweise ist bezeichnend für Balles sozusagen destillierte Prosa, die auf durchdachter Komposition, umfassenden Recherchen und sprachlicher Präzision beruht und bei der jedes Wort sitzt. Als sprachlich so schlicht wie elegant und sinnlich-präzise, als „tindrende smuk” (funkelnd schön), und „sansebåren […] kombineret med en æstetisk kræsenhed” (sinngetragen […] kombiniert mit einer ästhetischen Ausgesuchtheit) wurde ihre Schreibweise denn auch in der dänischen Kritik gepriesen: „At læse hende føles som at lade åens vand eller strandens sand glide mellem fingrene, det er som at blive kærtegnet af sproget selv” (Sie zu lesen fühlt sich an, wie wenn man das Wasser des Flusses oder am Strand den Sand durch die Finger gleiten lässt, es ist, als würde man von der Sprache selbst liebkost. –Information, 31. Januar 2020).

Zeit-Loop als existentieller Erkundungsraum

Ein Jahrzehnte währendes Schreibprojekt birgt die Gefahr, dass die einst originelle Grundidee unterdessen anderweitig bearbeitet worden ist. Balles Erzählung von Tara Selter, die im Ewigkeits-Loop eines einzigen sich stetig wiederholenden Tages – dem 18. November – gefangen ist, wurde deshalb in der Kritik wiederholt zu Harold Ramis’ Filmkomödie Groundhog Day (1993, Und täglich grüßt das Murmeltier) in Beziehung gesetzt, obwohl es bis auf die Ausgangssituation eines in einer Zeitschleife gefangenen Individuums kaum Gemeinsamkeiten gibt. Vor allem die Grundstimmung, die in Balles Roman eher melancholisch und von existentieller Einsamkeit geprägt ist, dürfte einen Hauptunterschied zum komödiantischen Klamauk des amerikanischen Kinoerfolgs ausmachen. Aber auch die Kombination von aufmerksamer sinnlicher Wahrnehmung und gedanklichem Tiefgang, mit der Balles auf sich selbst zurückgeworfene Protagonistin Tara ihre Welt und ihre Möglichkeiten auslotet, lässt den Plot im Unterschied zum Film zu einem grundlegenden Erkundungsraum menschlicher Bedingungen werden.

Tara Selter, die mit ihrem Lebensgefährten Thomas das Antiquariatsunternehmen T&T Selter unterhält und sich dabei auf illustrierte Prachtbände aus dem 18. Jahrhundert spezialisiert hat, befindet sich gerade auf einer Auktionsreise in Bordeaux, als sie ‚aus der Zeit fällt‘ und den 18. November ständig erneut erleben muss, als eine Wiederholung bis ins kleinste Detail. Doch die Gefangenschaft im sich wiederholenden Tag bedeutet weder Gefangenschaft in einem einzigen Handlungsmuster noch ewigen Stillstand – im Gegenteil, auf rätselhafte Weise gehen Wachstums-, Alterungs- und Wundheilungsprozesse für Tara ganz normal weiter, und auch einige erworbene Gegenstände lassen sich in den nächsten 18. November ‚hinüberretten‘. Der gesamte erste Band stellt Taras Bemühen dar, sich mit und in der stehengebliebenen Zeit, diesem sich ewig wiederholenden 18. November, zu arrangieren und Lösungen zu finden, um der Temporalenklave zu entkommen. In Tagebuchaufzeichnungen, aus denen das Buch besteht und die die unterschiedlichen Phasen ihrer Krisenbewältigung zum Ausdruck bringen, zählt Tara nicht nur die vielen 18. November-Tage, sondern dokumentiert auch dieses Sich-Arrangieren in der ungewohnten Zeitstruktur und immer wieder neue Versuche der Adjustierung durch achtsames Tasten und Ausloten, Wiederholen und Abwandeln:

Jeg har ikke fundet en vej ud af den attende november, men jeg har fundet veje og stier gennem dagen, små passager og tunneller, jeg kan færdes i. Jeg kan ikke slippe ud, men jeg kan finde ind. (I, S. 91)

Ich habe keinen Weg aus dem achtzehnten November hinausgefunden, aber ich habe Wege und Pfade durch den Tag gefunden, kleine Passagen und Tunnel, durch die ich mich bewegen kann. Ich kann nicht herauskommen, aber ich kann hineinfinden.

Zunehmende Entfernung

Dass Tanjas temporales Missgeschick eingreifende Folgen für ihre Beziehung zu Thomas hat, wird bereits auf den ersten Seiten deutlich, die mit # 121, d.h. dem 121. achtzehnten November und damit bereits in einem Gewöhnungszustand beginnen – „Jeg har vænnet mig til tanken“ (I, S. 7; Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt) –, der allerdings auch ihre Isolation verdeutlicht. Ihr aus der Zeit gefallener und dadurch seltsam parasitärer Zustand, der ihr eine unbemerkte und unsichtbare Existenz im eigenen Haus abfordert, minutiös abgestimmt auf das voraussagbare Tagesablaufsmuster des ahnungslosen Ehemannes, ist das resignierte Resultat vorausgehender Versuche, den Partner in ihr Zeitdilemma mit einzubeziehen. Gemeinsam hatten sie eine Zeitlang diesen einzigen Tag, den 18. November, genutzt, um wieder in eine gemeinsame Zeit zu finden und Gründe, Muster und Mechanismen des ‚Zeitdefekts‘ zu erforschen – durch ein geradezu musikalisches Projekt, das als Thema mit Variationen beschrieben wird, als eine dynamische Choreographie voller Rhythmus und Tanz – und damit als eine Art ‚Raumerkundung‘ der Zeit:

Vi fandt ind i en rytme. […] Vores undersøgelse var i konstant forandring, nærmest som en slags dans, der førte os rundt i rummet, en uskyldig og lidt kejtet videnspolka, en forundringsvals, en munter opdagelsesballet, en forpustet stepdans mellem fakta og observationer, en undersøgelsestango med to dansende, der afsøgte rummet uden at søge en udgang eller et sted at holde hvil. (I, S. 59)

Wir fanden in einen Rhythmus. […] Unsere Untersuchung war in konstanter Veränderung, beinahe wie eine Art Tanz, der uns durch den Raum führte, eine unschuldige und etwas unbeholfene Wissenspolka, ein Verwunderungswalzer, ein munteres Entdeckungsballett, ein atemloser Stepptanz zwischen Fakten und Beobachtungen, ein Untersuchungstango mit zwei Tanzenden, die den Raum absuchten, ohne einen Ausgang oder einen Ruheort zu suchen.

Doch da der 18. November für Thomas jedesmal „en nyåbnet og næsten ubrugt dag“ (I, S. 30; ein neu geöffneter und beinahe unverbrauchter Tag) ist, mit dem auch die Erinnerung an Taras vorausgehende 18. Novembertage ausgelöscht ist, und sie ihm jedes Mal von Neuem ihre Situation und die bisherigen (Miss-)Erfolge schildern muss, sieht sie allmählich ein, dass sich der Abstand zwischen ihren Erlebnis-/Erlebenshorizonten, zwischen seinem einzigen und ihren zahlreichen 18. November-Tagen, stetig vergrößert, bis sie die Ausweglosigkeit des „undersøgelsestango“ (Untersuchungstangos) und die Einsicht in ihre selbsttrügerische „optræning i uskarphed“ (I, S. 57; Einübung in Unschärfe) zum Alleingang zwingt.

Versuche der Wieder-Holung

Die tägliche Wiederholung – von Wetterverhältnissen, Geräuschen, alltäglichen Abläufen, Zeitpunkten und Begebenheiten – mündet in Taras systematischen Versuch der Wieder-Holung des stehengebliebenen Zeitpunkts: Taras Ziel ist es, am 365. Tag wieder ‚einzusteigen‘ in einen normalen Zeitablauf, der den 18. November in die gewohnte Kette einmalig ablaufender Tage einreihen soll. Dazu zählt sie zum einen die Tage, um zum besagten Zeitpunkt ihre Bordeaux-Reise zu wiederholen, und versucht zum anderen, gewissermaßen ‚unter‘ ihrem ständigen 18. November das ablaufende Jahr zu erspüren und sich der Illusion hinzugeben, ihre wiederholte Zeit sei nur eine Folie, durch deren ‚Ritzen‘ und Lücken es möglich sein könnte, die verlorene ‚gewöhnliche‘ Zeit zu erahnen:

Jeg mærker det mest om morgenen. Somme tider føles det, som om jeg vågner til en helt anden dag. Jeg tænker september. Det er lyset fra vinduet eller et vindpust, når jeg åbner min dør. En lun vind, der er forsvundet igen få sekunder efter. Korte glimt, der dukker op og forsvinder, som om der er sprækker i min dag, som om der løber en anden tid under mine dage, et almindeligt år, der siver op nedefra. Jeg leder efter sprækkerne, jeg går ud i byen og finder september, jeg vejrer som en hund. Det varer et øjeblik, så er det borte igen. (I, S. 130-131)

Ich merke es am meisten morgens. Manchmal fühlt es sich an, als erwachte ich zu einem ganz anderen Tag. Ich denke September. Es ist das Licht vom Fenster oder ein Windhauch, wenn ich meine Tür öffne. Ein lauer Wind, der nur wenige Sekunden später wieder verschwunden ist. Kurze Blitze, die auftauchen und verschwinden, als gebe es Ritzen in meinem Tag, als liefe eine andere Zeit unter meinen Tagen, ein gewöhnliches Jahr, das von unten heraufsickert. Ich suche nach den Ritzen, ich gehe in die Stadt und finde September, ich wittere wie ein Hund. Es dauert einen Augenblick, dann ist es wieder fort.

Ob das Experiment des Wiedereinstiegs in die ‚gewöhnliche‘ lineare Zeit glückt, ließ der erste Band noch mit einem winzigen Hoffnungsschimmer offen; – der zweite Band (der mit Tag # 368 beginnt) stellt aber die Vergeblichkeit des Unternehmens gleich zu Beginn klar und öffnet damit einem neuen Projekt Raum – nach einer Art Re-Adjustierung oder Rekalibrierung, die auch als ‚Umbau‘ beschrieben wird. Nachdem der erste ‚Jahreszirkel‘ voller 18. November-Tage weder einen Wiedereinstieg in die Zeit noch eine Rückkehr in ihr Zusammenleben mit Thomas ermöglicht hatte und sie einsehen muss „at jeg har mistet min retning“ (II, S. 14; dass ich meine Richtung verloren habe), versucht Tara nun, ihre 18. November-Tage mit „årstidens ingredienser“ (II, S. 82; Ingredienzen der Jahreszeiten) zu versehen und sich eigenhändig einen Jahresablauf zu konstruieren, indem sie an verschiedene Orte Europas reist, die ihrem Tag ein leichtes Flair von Herbst, Winter oder Frühjahr vermitteln können. So überredet sie etwa ihre Familie, mit ihr Weihnachten zu feiern, und verbringt Abschnitte in Schweden und Norwegen, um Wintertage zu erleben, sucht an verschiedenen Orten Frankreichs Frühjahrs- und Sommeratmosphäre und landet schließlich in einem milden, wetterneutralen „dag uden årstider“ (II, S.138; Tag ohne Jahreszeiten) in Düsseldorf, wo sie sich wohnhaft niederlässt. Dort wird aber auch ihre Tasche mit allen Aufzeichnungen der Jahreszeitenreise, die sie für künftigen Gebrauch mit Orten und Hoteladressen dokumentiert hatte, gestohlen, wodurch sich das Projekt der konstruierten Jahreszeiten als fragwürdig und hinfällig erweist.

Monströse Daseinsform

Jeg er et fremmedlegeme, en fejl. […] Jeg er faldet ud af dagen […] Jeg er et underligt væsen, der ikke burde færdes blandt mennesker med retning. (II, S. 18)

Ich bin ein Fremdkörper, ein Fehler. […] Ich bin aus dem Tag herausgefallen […] Ich bin ein wunderliches Wesen, das nicht unter Menschen mit Richtung verkehren sollte.

So lässt sich Taras Situation beschreiben nach wirkungslosem Zählen der Tage, vergeblicher Einübung in vorhersagbare Tagesmuster, erfolgloser Dokumentation und Konstruktion von Jahresabläufen. Und doch hat es zuweilen den Anschein, als seien all die anderen, die „mennesker med retning“ (Menschen mit Richtung), in der Zeit und der Erinnerungslosigkeit gefangen, also ohne Erinnerung an den ‚gestrigen‘ 18. November, immer in unnahbarer Stagnation, die Tara das eigene Dasein als umso monströser erscheinen lässt. Die Erkenntnis der eigenen parasitären Existenz drängt sich auf angesichts der zunehmend leerer werdenden Supermarktregale und beim Verzehr des Gartengemüses: Der Lauch, den sie aus dem Garten holt, bleibt auch am nächsten 18. November verschwunden, während sich die Lücken, die andere hinterlassen, schließen, die Spuren anderer nach einem Tag ausgelöscht sind:

Uden mig vender Thomas’ dag tilbage, verden bliver repareret, porren er tilbage i rækken, og jeg er sikker på, at det er det samme med løgene. […] Jeg ved, at hvis jeg henter løg til mig selv i skuret, vil de forsvinde. Jeg ved det, for jeg har set, hvem vi er: Thomas er et spøgelse, og jeg er et monster. Det er sådan, der er. Det er tiden, der har gjort det. Uden mig er Thomas et spøgelse, men jeg er et monster, et uhyre, et skadedyr. […] Thomas sætter ingen spor i verden, jeg æder den op. Han er et mønster i huset, jeg er et monster i værelset. (I, S. 105)

Ohne mich kehrt Thomas’ Tag zurück, die Welt wird repariert, der Lauch ist zurück in der Reihe, und ich bin sicher, dass es sich mit den Zwiebeln genauso verhält. […] Ich weiß, dass, wenn ich für mich Zwiebeln aus dem Schuppen hole, sie verschwinden werden. Ich weiß das, weil ich gesehen habe, wer wir sind: Thomas ist ein Gespenst, und ich bin ein Monster. So ist es. Die Zeit hat das gemacht. Ohne mich ist Thomas ein Gespenst, doch ich bin ein Monster, ein Ungeheuer, ein Schädling. […] Thomas setzt keine Spuren in die Welt, ich esse sie auf. Er ist ein Muster im Haus, ich bin ein Monster im Zimmer.

Im Resonanzkörper des Zeitbehälters

Die Begrenztheit der Ressourcen, der Tara mit sparsamer Genügsamkeit, weitläufiger Verteilung der Nahrungsquellen und der Suche nach überflüssiger Verfallsware zu begegnen versucht, ist nur eine von vielen Beobachtungen dieser eigentümlichen Temporal-Isolation, die Tara als einen Zeitbehälter beschreibt, als ein Gefäß, aus dem sie nicht mehr herauskommt, das sie aber mit Gegenständen teilt. So wird ein römischer Sesterz, der mit ihr aus der linearen Kalenderzeit des ersten 18. Novembers in den ewig-wiederholten 18. November ‚gefallen‘ ist, plötzlich zum Bedeutungsträger, zum Sinnbild für „et standset øjeblik“ (II, S. 157; einen stehengebliebenen Augenblick) und zum Auslöser für ihr nächstes Projekt – ein intensives Studium des Römischen Reiches, das ihr eine Art Strukturmuster für ihre eigene Situation liefert:

[…] romerne var standset. En lang rejse, og så kom de ikke videre. De var nået til grænsen, de bevægede sig lidt frem og så tilbage, og så var de standset og byggede en mur, og riget var holdt op med at vokse. En vaklen på stedet. Stop. Fæstnet. Pling. / Og der sad jeg, i den attende november, og kunne ikke komme videre. Pling. Standset. Samme historie. […] Mønten. Romerriget. Tara. Stop. Fæstnet. Pling. Vi var af samme slags. (II, S. 157)

[…] die Römer waren stehengeblieben. Eine lange Reise, und dann kamen sie nicht weiter. Sie waren bis an die Grenze gelangt, sie bewegten sich etwas vor und dann zurück, und dann waren sie stehengeblieben und bauten eine Mauer, und das Reich hatte zu wachsen aufgehört. Ein Schwanken auf der Stelle. Stopp. Hängengeblieben. Pling. / Und da saß ich, im achtzehnten November, und konnte nicht weiterkommen. Pling. Hängengeblieben. Gleiche Geschichte. […] Die Münze. Das Römische Reich. Tara. Stopp. Hängengeblieben. Pling. Wir waren von derselben Art.

Spätestens an dieser Stelle hat auch der Titel des Buches vollkommen überzeugt. Die Erkundung der Lebensmöglichkeiten in einer Zeitschleife der Wiederholung wird in verschiedenen Varianten zur „Berechnung des Rauminhalts“: „[…] min tid er ikke en cirkel, og den er ikke en linje […]. Den er et rum, et værelse, en pool, et kar, et bassin, en beholder.“ (II, S. 143; meine Zeit ist kein Zirkel, und sie ist keine Linie […]. Sie ist ein Raum, ein Zimmer, ein Pool, eine Wanne, ein Becken, ein Behälter.) Die Volumenberechnung dieses Restbehälters für aus der Geschichte herausgefallene Gegenstände – „Det var ikke tingenes historie, det var alt det, der var faldet ud af historien, der tiltrak mig“ (II, S. 155; Nicht die Geschichte der Dinge zog mich an, sondern all das, was aus der Geschichte herausgefallen war) – gestaltet sich als Raumchoreographie, als „Untersuchungstango“, als Einpassung in Ablaufmuster, als Jahreszeitenreise und als Austarieren des verbleibenden Platzes. Taras Schreibprojekt dient dabei nicht nur der existentiellen Selbstverortung, sondern auch der poetologischen Nachzeichnung von Mustern, einem rhythmischen Nachspüren alltäglicher Abläufe, die aus dem befremdlichen Resonanzkörper des ‚Zeitgefäßes‘ heraus einen ganz neuen Klang bekommen.

Jeg går langs en afgrund, jeg tæller dage og skriver ned. Jeg gør det for at huske. Eller jeg gør det for at holde sammen på dagene. Eller jeg gør det måske, fordi papiret husker, hvad jeg siger. Som om jeg er til. Som om der er nogen, der lytter. (II, S. 19)

Ich gehe an einem Abgrund entlang, ich zähle Tage und schreibe auf. Ich tue das, um mich zu erinnern. Oder ich tue es, um die Tage zusammenzuhalten. Oder ich tue es vielleicht, weil das Papier erinnert, was ich sage. Als ob ich da wäre. Als ob es jemanden gäbe, der zuhört.

Solvej Balle: Om udregning af rumfang, Bd. I und II, Marstal: Pelagraf, 2020.

(Hanna Eglinger, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU))


1 Politiken, 13.8.2016.

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