Johannes Anyuru: En storm kom från paradiset

anyuru_enstormWurzeln im Begeisterungsturm. Johannes Anyuru: En storm kom från paradiset (2012)

Johannes Anyuru ist Schwedens literarischer Überflieger des Jahres 2012. Mit dem Roman En storm kommer från paradiset (Ein Sturm weht vom Paradiese her) hat er selbst einen Sturm der Begeisterung in der schwedischen Kulturlandschaft hervorgerufen.

Die in Schweden endende Irrfahrt eines ugandischen Kampfpiloten steht im Vordergrund des Romans. Es ist jedoch kein Flugzeugunglück, das den Piloten ‚P‘ in den Norden Europas befördert, sondern vielmehr ein sozialer Absturz: Dem jungen P stehen im postkolonialen Uganda zunächst alle Türen offen, da sich das Land nach der Unabhängigkeit neu organisieren muss und Karrierewege leicht zugänglich sind. Im Militär, so glaubt P, ließe sich sein Traum vom Fliegen am Besten verwirklichen, und nach der erfolgreichen Musterung kann die Karriereleiter bei der ugandischen Luftwaffe erklommen werden. Zu Ausbildungszwecken wird P an eine Militärakademie in Griechenland abkommandiert. Dass P in Europa einen Großteil seines Lebens verbringen wird, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht Teil seines Zukunftsplans. Doch Idi Amins Putsch in Uganda macht ihm aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit die Rückkehr unmöglich. Seinen Traum, Pilot zu werden, kann P mit dem fortan geltenden Flüchtlingsstatus nicht mehr ausleben. Die Rückkehr auf den afrikanischen Kontinent ist in dieser Hinsicht für ihn vielversprechender. Ein vermeintliches Jobangebot lockt ihn nach Sambia, wo ihn allerdings Verhörräume und Flüchtlingslager erwarten. P gelingt die Flucht nach Kenia und lebt dort zunächst am Existenzminimum. Erst durch die Heirat mit einer Schwedin gelangt P zurück nach Europa.

Die Nationalität der Frau ist das entscheidende Detail für die erfolgte Rezeption des Romans in Schweden. P stehe nämlich nicht für ‚pilot‘; es stehe für ‚pappa‘, so zumindest sieht es das schwedische Feuilleton. Eine Meinung, die an den biographischen Hintergrund Anyurus anknüpft, der eben Sohn eines ugandischen Kampfpiloten und einer Schwedin ist. Damit kann der Roman von der Kritik eingereiht werden in die Serie von (auto)biographischen Romanen, die in den letzten Jahren auf dem schwedischen Buchmarkt erschienen sind und allesamt von ‚Vätern‘ handeln. Neu ist, dass nun auch Autoren (die männliche Form wird hier bewusst verwendet) mit Migrationshintergrund über ihre Väter schreiben. Svenska Dagbladets Rezensent Mustafa Can sieht in der literarischen Annäherung an die ‚fremden‘ Väter die Suche nach einem eigenen Platz in der schwedischen Gesellschaft (siehe Can, Mustafa: „I brottet mellan fäder och nytt fädernesland“, dt. Im Bruch zwischen Vätern und neuem Vaterland, SvD vom 29.12.2012 ). Gleichzeitig eifern diese Söhne angeblich den  Autor*innen ohne Migrationshintergrund nach, die bereits vor ein paar Jahren mit ihren Vätern literarisch abgerechnet haben. So das gängigere Narrativ auf Schwedens Kulturseiten (siehe z.B. die Rezension „En bra bok om en pappa“, dt. Ein gutes Buch über einen Papa, von Mikaela Blomqvist und Mersies May in Göteborgsposten vom 28.09.2012). Ist Anyuru also auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft? Und kann er ihn durch Nachahmung finden?

Im Kanon der Hochkultur wurde ihm bereits ein Platz reserviert. Sein Roman war 2013 schwedischer Wettbewerbsbeitrag für den Literaturpreis des Nordischen Rates. Am Ende der Nominierungsbegründung von Eva Ström hieß es: „En storm kom från paradiset är ett mästerverk som tvingar oss att ompröva inte bara synen på vårt hemland, utan också på varje människa vi möter, som har rötter utanför den egna erfarenheten“ (En storm kom från paradiset ist ein Meisterwerk, das uns nicht nur zwingt, unseren Blick auf unser Heimatland zu ändern, sondern auch auf jeden Menschen, den wir treffen, der Wurzeln außerhalb unserer eigenen Erfahrung hat). Die kollektive Erfahrung macht hier das Heimatland aus. Die Besonderheit von Anyurus Literatur scheint der vermeintliche Zugang zu einer fremden Erfahrungswelt zu sein. Damit wird er jedoch auch dem Kollektiv fremd gemacht, das sonst angeblich die eigenen Erfahrungen homogen teilt. Die Nominierung hat wie jede Medaille ihre zwei Seiten.

Stimmen, wie die von Ström, weisen Anyuru also eine Randlage zu. Von dort aus nimmt er allerdings immer wieder in den Medien Stellung. Anyuru höjer rösten i debatt om utanförskap (Anyuru erhebt die Stimme in der Debatte um Ausgrenzung) heißt es dann auf der Website des schwedischen Fernsehsenders SVT. Anyurus Stimme ist vom Rand aus deutlich hörbar, denn er ist prominenter Kritiker des Rassismus in Schweden. Ausgrenzende Sätze wie in Ströms Kommentar gehören dadurch zum Alltagsgeschäft. Welchen Zweck aber hat das Gerede von den Wurzeln? Bei genauerer Betrachtung können die Rezensionen nur über die Metapher von den Wurzeln stolpern. Anyuru ist in Schweden aufgewachsen und am ehesten noch in den Vororten schwedischer Großstädte verwurzelt – damit zwar höchstwahrscheinlich außerhalb der Erfahrungswelt der meisten Kulturskribent*innen, aber nicht außerhalb Schwedens. Es wäre sicherlich falsch zu leugnen, dass Anyurus Roman nicht in Verbindung mit den Erfahrungen seines Vaters stünde. Ich möchte jedoch vorschlagen, den Blick kurz von Anyurus Vater abzuwenden, um den Roman im Ganzen zu lesen.

Nach einer „Kernfamilie“ lässt sich im Roman im doppelten Sinne vergeblich suchen. Zum einen taucht eine Mutter nur auf wenigen Seiten auf und zum anderen zerstört sie dabei alle Fotografien des Vaters, die seine einst vielversprechende Vergangenheit dokumentieren. Dieser Vorgang geschieht zwar lange vor der Geburt des Kindes, aber die Szene erklärt die Unmöglichkeit eines intakten Familienbildes. Der politisch unsichere Status in Kenya veranlasst die Mutter, alle Fotografien zu vernichten. In Sicherheit ist der Vater dadurch nicht – sogar im vermeintlich rettenden Schweden verfolgt ihn die Vergangenheit und die Familie wird schließlich daran zerbrechen. Das Vaterbild wird angeschlagen, und es gibt nicht einmal mehr Fotos, die einen besseren Zustand belegen könnten. Die einzigen Abbildungen des Buches zeigen, noch bevor die Handlung beginnt, in Sequenz den Hochsprung eines Leichtathleten. Wie der in der Luft festgehaltene Sprung ausgeht, bleibt unklar. Dies wird zum Sinnbild für die anschließende Erzählung. Die nach ihrer Vernichtung verlorenen Bilder werden an Kapitelanfängen durch Bildbeschreibungen der Erzählstimme ersetzt. Ein Porträt des Vaters kann in diesem Roman nur erzählt, aber nicht dokumentiert werden. Greifbare Fakten gibt es kaum, sondern nur die Fiktion des Romans. P ist nicht zwangsläufig ‚pappa‘ oder Anyurus realer Vater Paul. Es ist ein anonymer Platzhalter. Diese nicht-biographische Lesart bietet der Autor selbst im Interview mit Rakel Chukri für die Zeitung Sydsvenskan an („I en skeppsbruten himmelsguds spår“, dt. In der Spur eines schiffsbrüchigen Himmelsgottes, 25.11.2012).

P ist demnach ein ästhetischer Kunstgriff, der allzu autobiographische Lesarten zu Fall bringt. Ps Geschichte ist zudem nicht der einzige Erzählstrang des Romans. Mehrmals liefert der Wechsel der Erzählstimme zu einem erzählenden ‚Ich‘ den noch fehlenden Sohn im Familienbild. Das ‚Ich‘ markiert immer wieder, dass es sich auf einer Ps Geschichte vorgelagerten Ebene befindet und reflektiert die Möglichkeit über den eigenen Vater zu erzählen, der aufgrund biographischer Details als P identifizierbar ist. Das erzählende Ich beschäftigt sich davon abgesehen mit seinem eigenem Umzug und kann nicht leicht verortet werden. Es verlässt die Vororte Göteborgs und begibt sich in eine bessere Wohngegend. Während des Erzählens befindet es sich somit immer im Dazwischen. Erzählt wird an Durchgangsstationen, wie z.B. einem Hotel, eine ‚Klassresa‘, wie es im Schwedischen heißt – also eine Geschichte von sozialem Auf- bzw. Abstieg. Diese findet allerdings innerhalb der schwedischen Landesgrenzen statt, und die Erzählung von fernen Ländern ist nur Kulisse. Die erzählerische Ausgestaltung des Romans über den Vater, und damit den fiktiven Gehalt des Erzählten, stellt das Ich entsprechend immer wieder aus:

Jag tänker att jag är ett träd med rötterna uppryckta. Jag läser ännu en gång texten han skrev den där hösten och jag noterar för första gången att mer än en tredjedel eller kanske till och med så mycket som hälften utgörs av hans minnen från det halvårs värnplikt som han genomgick i Uganda innan han sändes till Aten: långradiga beskrivningar av hur det går till att marschera, listor över befälens öknamn, beskrivningar av rutinen i militärbarackerna och den taktiska excercisen.
(Ich denke, dass ich ein Baum mit herausgezogenen Wurzeln bin. Ich lese noch einmal den Text, den er letzten Herbst geschrieben hat und stelle zum ersten Mal fest, dass mehr als ein Drittel oder sogar fast die Hälfte der Aufzeichnungen sein halbes Jahr Wehrpflicht ausmachen, die er in Uganda absolviert hat, bevor er nach Athen geschickt wurde: langatmige Beschreibungen darüber, wie marschiert wird, Listen über die Schimpfnamen der Befehlshabenden, Beschreibungen der Abläufe in den Militärbaracken und der taktischen Übungen; S.176).

Dies ist nicht der Stoff, aus dem ein spannender Roman gemacht wäre. Es muss noch etwas geschehen sein, damit am Ende das ‚gute Buch über einen Papa‘ entstand. Das Ich, als vermeintlicher Autor des restlichen Erzähltexts, greift also ein. Nicht der eintönige Kasernendrill ist es, der die Publikumssehnsucht nach einer neuen Erfahrungswelt außerhalb der eigenen Erfahrung stillt, sondern das Abenteuer. Diese Sehnsucht wird allerdings schnell zur Erwartungshaltung an den Roman: Endlich wird erzählt, wie und warum es zu den ‚Flüchtlingsdramen‘ im Mittelmeer kommt. Die Bilder aus der Abendschau erhalten ein Prequel in Buchform: Es gibt Einblick, welche Erfahrungen Menschen dazu treiben, die gefährliche Überfahrt zu versuchen. Erfahrungen, wie  bspw. brutale Verhöre durch Behörden. Deren realistische Schilderung ist eine Stärke des Romans, wie mehrere Rezensionen bereits festgestellt haben. Allerdings sind die Verhöre inspiriert von Anyurus Erfahrungen mit schwedischen Behörden und wurden nur zugespitzt, behauptet zumindest der Autor im bereits erwähnten Interview mit Rakel Chukri. Damit weist er, wie sein vermeintliches Ich im Roman, auf die Rolle der Fiktion bei Produktion und Rezeption hin – die eigentliche Stärke des Romans. Anyuru eröffnet damit auch die Frage nach der narrativen Funktion des Verhörs. Es bringt uns dem Protagonisten näher, es zwingt ihn regelrecht, seine Identität preiszugeben, eine Identität, die die Behörden bereits zu kennen meinen. Die meisten Informationen über P liefert der Verhörsleiter in direkter Rede, während die verhörte Figur keine Chance bekommt, durch entsprechende Erzählperspektive oder eigenen Redebericht ihre eigene Geschichte zu präsentieren.

Die Macht des Erzählens ist das Hauptthema des Romans. Nicht umsonst ist der Romantitel En storm kom från paradiset dem Fragment Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte entliehen. Benjamins Gedanken zu einer Geschichtsschreibung der Unterdrückten werden aufgerufen, und sein berühmter ‚Engel der Geschichte‘ erhält in Anyurus Vaterfigur eine neue Inkarnation. Der Engel wird vom Sturm aus dem Paradies davongetragen und ist machtlos, während sein Blick auf die sich unter ihm türmenden Trümmer der Geschichte gerichtet ist. P wird dem Engel gleich vom Wind der Ereignisse gefasst und von ihm davon getragen.

Mehrmals greift der Roman die Metapher von Benjamins Engel auf. Sie wirft auch Licht auf Anyurus Projekt, sich eine Stimme in der schwedischen Hochkultur zu verschaffen. Eine Stimme für viele, die im medialen Selbstbild der schwedischen Gesellschaft oft übertönt und bevormundet werden. Ein Selbstbild, um das die (kulturelle) Elite des Landes zur Zeit mit der rechtspopulistischen Partei Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) ringt. Johannes Anyuru arbeitet derweil an seiner literarischen Karriere durch ästhetische Leistung und das Sich-zu-Eigen-Machen der europäischen Literaturtradition; nicht durch Nachahmung des Literaturtrends der sog. ‚pappaböcker‘ (Papa-Bücher) in Schweden. Es bleibt zu hoffen, dass der Begeisterungssturm ihn nicht davonweht. Bislang zeigt er Bodenhaftung und wählt sich seinen Platz am liebsten selbst. So engagiert er sich in den sozial gebrandmarkten Vororten Schwedens. Am bekanntesten ist wohl das von ihm betreute skrivprojekt (Schreibprojekt) der Pantrarna (Die Panther), einer selbstorganisierten Interessensvertretung der Vorortsbewohner*innen, die das mediale Bild ihrer Heimatorte verändern wollen. Vielleicht verhilft dieses Engagement der schwedischen Kulturlandschaft zu einem festeren Stand – ohne Wurzeln – gegen die Sverigedemokraterna.

Johannes Anyuru: En storm kom från paradiset. Stockholm: Norstedts, 2012.
(Philipp Wagner, Wien, März 2014)

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