Ins Paradies vertrieben. Negar Naseh: De fördrivna (2016)

Negar Naseh De Fördrivna Cover 2016Die tragischen Ereignisse an Europas Außengrenze im Mittelmeer sind aus den Nachrichten bekannt. In literarischen Erzählungen müssen Schilderungen dieser politischen Lage noch gesucht werden. Ein Fundstück ist De fördrivna (Die Vertriebenen), der zweite Roman der schwedischen Autorin Negar Naseh. Die Handlung des Romans führt den Leser in das sommerliche Sizilien. Nasehs 2014 erschienener und vom Feuilleton gut aufgenommener Debütroman Under all denna vinter (Während all dieser Winter) spielte hingegen noch in Schweden zur kalten und düsteren Jahreszeit. Eine Gemeinsamkeit beider Romane ist die spannungsgeladene Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen in isolierten Verhältnissen. Die Szenerie des neuen Romans liegt in direkter Nachbarschaft zur Insel Lampedusa, die mittlerweile zur Chiffre für das ‚Flüchtlingsdrama‘ geworden ist. In De fördrivna ist damit im Gegensatz zu Nasehs Debüt explizit eine politische Dimension eingebaut.

Negar Nasehs Roman versteht sich als Stellungnahme zur humanitären Katastrophe im Mittelmeer. Mit den im Titel auftauchenden Vertriebenen scheinen allerdings weniger Flüchtlinge im konkreten Sinne gemeint zu sein. Das im Zentrum der Handlung stehende schwedische Ehepaar Miriam und Filip ist metaphorisch Stockholm ‚entflohen‘ und hat sich mit der frisch geborenen Tochter Olivia auf Sizilien niedergelassen.

Die Motivation der beiden, nach Sizilien zu ziehen, ist zunächst klar. So wird z.B. für Miriam festgestellt: „På Sicilien släpper hon kylan. Här är hon omgiven av vårblommar. Av pinjeträd och olivlundar. Det finns ingenting hon ångrar med flytten”(S. 17 – Auf Sizilien verlässt sie die Kälte. Hier ist sie umgeben von Frühlingsblumen. Von Pinienbäumen und Olivenhainen. Es gibt nichts, weswegen sie den Umzug bereut.). Die in diesen Sätzen ausgedrückte Bestimmtheit über das eigene Handeln lässt aufhorchen. Der Ort Sizilien und so auch die Feststellung, dass es keinen Grund zum Ärgernis gäbe, werden jeweils an den Satzanfang gestellt. Dass dies eine falsche Annahme ist, wird dem Leser auf knapp 170 Seiten vorgeführt. Es wird nämlich erzählt, wie sich Miriam und Filip im Laufe eines Sommers auseinanderleben und inwieweit die weltpolitische Lage dabei eine Rolle spielt.

Die zitierten Sätze fallen angesichts des Gesamtstils des Romans besonders auf. In De fördrivna werden in erster Linie die Gedanken der Figuren wiedergegeben. So nimmt der Leser nicht nur an Miriams Innenleben teil, sondern ebenso an Filips und dem ihrer zeitweiligen Besucher, dem befreundeten Paar Ashkan und Erika. Die Fokalisierung wechselt zwischen den Figuren von Szene zu Szene und teilweise innerhalb der Szenen. Dabei wird in erster Linie nur mit Personalpronomen gearbeitet. Aufmerksames Lesen ist deshalb erforderlich, um zu erfahren, aus wessen Perspektive das Geschehen gerade vermittelt wird. Diese häufigen Wechsel haben den Effekt, dass dem Leser die Figuren nah und zugleich fern erscheinen. Einerseits wird die emotionale Lage der Beteiligten detailliert geschildert, andererseits wird ihnen immer wieder schnell die Aufmerksamkeit entzogen.

Der Leser erfährt, dass Miriam depressiv ist. Als Anästhesistin hat sie Zugang zu diversen Betäubungsmitteln, mit denen sie versucht sich ihren Alltag erträglich zu machen. Am häufigsten greift sie allerdings zum Gin Tonic. Ihr Ehemann Filip ist Künstler mit wachsendem internationalen Renommee. Er fürchtet vor allem, dass er durch die für ihn anstehende Elternzeit seine bisherige Freiheit wahrscheinlich aufgeben muss. Lieber stürzt er sich in seine Arbeit. Beide sind gewissermaßen ‚Realitätsflüchtlinge‘ und könnten so als die Vertriebenen des Titels identifiziert werden. Der befreundete Reporter Ashkan wirft ihnen für ihre Realitätsflucht „vit melakoli“ (weiße Melancholie) vor. Ashkan ist selbst als Flüchtlingskind aus dem Iran nach Schweden gekommen und beansprucht aus diesem Grund für sich eine weniger privilegierte soziale Positionierung als das Ehepaar. Mit dem Begriff „vit melankoli“ meint er, dass Miriam und Filip als Weiße nur Interesse an der Flüchtlingskrise und rassistischen Problemlagen vorschützen würden. Insgeheim sehnten sie sich aber nach einer vermeintlich weniger komplexen Vergangenheit zurück. Sie benehmen sich, als ob sie aus der nostalgischen Vorstellung eines ‚Paradieses‘ vertrieben worden seien. Der Vorwurf lautet, dass Miriam und Filip sich aufgrund ihres Weißseins innerlich von den politischen Problemen der Gegenwart distanzieren könnten, obwohl sie räumlich ins Zentrum des Geschehens gezogen sind.

Damit ist ein Kernanliegen des Romans umrissen. Als Motto ist dem Text ein Zitat der antiguanischen Autorin und postkolonialistischen Kritikerin Jamaica Kincaid vorangestellt: „Eventually the masters left, in a kind of way; eventually, the slaves were freed, in a kind of way“. Mit diesem Verweis auf das Fortbestehen kolonialistischer Denkweisen widmet sich der Roman dem globalen Machtgefälle von Nord nach Süd.

Die stilistische Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz zu den Figuren korrespondiert mit der inhaltlichen Ebene des Romans, da die intimen Konflikte eines schwedischen Akademikerpaars vor dem Hintergrund transnationaler politischer Problemlagen inszeniert werden. Der Roman stellt die Frage, mit welcher Gewichtung ‚eigene‘ und ‚fremde‘ Probleme bearbeitet werden sollten, aber er bietet keine einfachen Lösungen an. So findet z.B. Miriam aus ihrer Depression heraus, indem ihr Interesse für politisches Engagement geweckt wird. Filip hingegen – der mit Ashkan sogar Lampedusa besucht, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen – bleibt von der Lage unberührt. Während der Roman für Miriam aufgrund ihrer neuen Haltung kein gutes Ende bereithält, findet Filip zu neuem Glück. Negar Nasehs Roman lädt den Leser dazu ein, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Figuren, sowie Verbindendes und Trennendes zu suchen. De fördrivna ist durch die potenzielle Offenheit seines Titels und seines ambivalenten Stils ein diskussionsanregender Beitrag zum literarischen Diskurs über die derzeitige humanitäre Katastrophe im Mittelmeer.

Negar Naseh: De fördrivna. Stockholm: Natur & Kultur, 2016.
(Philipp Wagner, Greifswald)

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