Grönländische Einsamkeit und andere Verfehlungen

Buchcover von "Blomsterdalen" von Niviaq Korneliussen

Nach 60 Jahren war es kürzlich soweit: Der Literaturpreis des Nordischen Rates ging zum ersten Mal in seiner Geschichte an Grönland – genauer gesagt an die 31-jährige Niviaq Korneliussen mit ihrem Roman Naasuliardarpi oder Blomsterdalen (Das Blumental, 2020). Die in Nuuk geborene und in Südgrönland aufgewachsene Schriftstellerin ist in der Literaturszene aber nicht erst seit dem mit diesem prestigeträchtigen Preis ausgezeichneten Werk ein Begriff. Bereits ihr erster Roman HOMO Sapienne brachte ihr internationale Anerkennung ein. Er erschien 2014 zunächst auf Grönländisch, dann in Korneliussens eigener dänischer Übersetzung und wurde ebenfalls für den genannten Literaturpreis nominiert. Der Debütroman wurde in mehrere Sprachen übersetzt – darunter unter dem etwas sperrigen Titel Nuuk #ohne Filter (2016) ins Deutsche. Blomsterdalen dagegen entstand zunächst in dänischer Sprache, bevor Korneliussen den Roman für die grönländische Ausgabe umschrieb.

Die thematische Ausrichtung von Blomsterdalen ist von Anfang an klar ersichtlich. Die Erzählung kreist um die seit Jahrzehnten horrend hohe Zahl an Suiziden in Grönland, von der vor allem Jugendliche und junge Erwachsene wie von einer Epidemie betroffen sind. Wäre Grönland ein eigener Staat, so heißt es im Buch, dann würde es das Ranking der Länder mit den höchsten Suizidraten der Welt anführen. „45. Kvinde. 38 år. Hænging.“ (S. 11; 45. Frau. 38 Jahre. Erhängen.) ist auf einer der ersten Seiten zu lesen. Damit beginnt ein Countdown, der das gesamte Buch durchzieht: Immer mehr Todesfälle werden verzeichnet, bei allen handelt es sich um Suizidopfer. Die Zahl 45 ist dabei nicht zufällig gewählt, waren es doch auf der Atlantikinsel 2019 ebenso viele Menschen, die den Freitod wählten. Die Form dieser die Erzählung strukturierenden Nachrichten verändert sich über die drei Teile des Romans – De, Du und Jeg (Sie, Du und Ich) – hinweg: Sie werden persönlicher, ihre Intensität, der Detailreichtum und auch das Grauen steigern sich. Beinahe unerträglich werden sie zum Ende hin, wo etwa folgender Satz zu lesen ist: „Sorte hænder, de sorte hænder rører ved min krop, og jeg har lyst til at sige til mig selv, du er smuk, men jeg kan ikke bevæge mig.“ (S. 310; Schwarze Hände, die schwarzen Hände berühren meinen Körper, und ich will mir selbst sagen: du bist schön, aber ich kann mich nicht bewegen.) Durch die dekontextualisierte Präsentation dieser kurzen Ausschnitte bleibt es der Fantasie der Lesenden überlassen, die möglichen Umstände zu rekonstruieren – eine unschöne Aufgabe: Von Gewalt, Verwahrlosung und sexuellen Übergriffen ist hier zu lesen und von der verzweifelten Suche nach einem Platz in dieser Welt. Dabei kommen Angehörige ebenso zu Wort wie die hoffnungslosen Opfer selbst, und die Wucht dieser in ihrer Kürze umso eindringlicheren Darstellungen hinterlässt ihre Spuren bei den Lesenden.

Die Protagonistin in Blomsterdalen, deren Namen wir nicht erfahren, stammt nicht aus derart schwierigen Verhältnissen. Dennoch wird schnell deutlich, dass sie von ihrer in Nuuk lebenden Familie entfremdet ist und unweigerlich aneckt. Abhilfe soll der langersehnte Neubeginn in Aarhus, Dänemark schaffen, wo sie ein Studium der Anthropologie aufnimmt. Eine starke Verbindung nach Grönland bleibt dabei aufgrund ihrer noch frischen Beziehung zu Maliina, die ihr eine Stütze zu sein versucht, bestehen. Doch Dänemark kann der Protagonistin nicht die erhoffte Transformation bieten, im Gegenteil: Ihre Mitstudierenden begegnen ihr mit fragwürdigen Äußerungen und rassistischen Haltungen, sie erscheint als ein exotischer Fremdkörper im weißen Aarhus, und auch mit den Anforderungen des Studiums kann sie nicht mithalten. Ein tragischer Umstand bietet sich schließlich als Ausweg für sie an, als sie erfährt, dass Maliinas Cousine Guuju, wie so viele vor ihr, Suizid begangen hat. Beide reisen nach Tasiilaq zu Maliinas Familie und begeben sich auf die Suche nach Antworten. Welche Gründe kann es geben, dass Guuju – noch ein Teenager – Selbstmord als letzten Ausweg sah? Schnell stoßen die beiden auf das hilflose Erstarren der Angehörigen angesichts der Tragödie – und auf das große Schweigen der Gesellschaft: Mehr als einen obligatorischen wehklagenden Facebook-Post nach jedem Suizid scheint es nicht zu geben, bevor das Tabu wiederhergestellt wird.

Noch schwerwiegender scheint jedoch das Versagen der selvstyre zu sein, der grönländischen Selbstverwaltung, die noch immer finanziell von Dänemark abhängig ist. Der Mangel an Hilfsangeboten für Suizidgefährdete, die Überlastung des Systems angesichts der überwältigenden und gleichzeitig als Normalität etablierten Suizidkrise und das mangelnde Verständnis für die Dringlichkeit des Problems: Das sind die Eckpunkte des politischen und sozialen Versagens, das Blomsterdalen in aller Deutlichkeit hervorhebt.

Die Stärke des Romans ist es, auf die unterschiedlichen Ebenen der strukturellen Schwächen mit einer beißenden Schärfe hinzuweisen und gleichzeitig die Herausforderungen einer postkolonialen Gesellschaft aufzuzeigen. Das von der dänischen Herrschaft in mancherlei Hinsicht zerrüttet zurückgelassene Gesellschaftsgefüge befindet sich in einem fortdauernden Heilungs- und Re-Konstruktionsprozess, während weiterhin eine ökonomische Abhängigkeit besteht. In Blomsterdalen sind es aber gerade die Darstellungen individueller Schicksale, die die Problematik greifbar machen und nüchterne Zahlen affektiv aufladen.

Diese empathische Haltung kommt auch in Niviaq Korneliussens emotionaler Dankesrede bei der Preisverleihung zum Ausdruck (siehe https://youtu.be/ehvBe3Xa0jA). Anstatt sich an die verantwortlichen Politiker*innen Grönlands zu wenden, was ebenso effektiv wie das Gespräch mit einer Mauer sei, spricht sie die Jugendlichen direkt an, die sie im Zuge ihrer aktivistischen Arbeit kennenlernen durfte. Sie spendet ihnen bestärkende und klare Worte und setzt ein starkes Zeichen, indem sie sich stellvertretend für die Verfehlungen der Erwachsenen entschuldigt, deren Konsequenzen nun auf den Schultern der Jugend lasten.

Der immer größer werdende Druck und die steigende Verzweiflung treten im Roman deutlich hervor. Im Laufe der Erzählung entfremdet sich die Protagonistin immer stärker von ihrer Umgebung und auch von sich selbst. In Tasiilaq, wo sie das titelgebende blomsterdal erkundet, stößt sie auf einen Friedhof, der nicht nur wegen der in rauen Mengen auf den Gräbern niedergelegten Plastikblumen – eine grönländische Gewohnheit – befremdlich erscheint, sondern vor allem deswegen, weil die Gräber keine Namen oder Lebensdaten verzeichnen, sondern nüchtern nummeriert sind. Dabei erkennt sie ihre eigene Namenlosigkeit: „Hvad hedder jeg? Jeg har ikke et navn. Jeg er bare et tal.“ (S. 220; Wie heiße ich? Ich habe keinen Namen. Ich bin nur eine Zahl.)

Tatsächlich wird die rastlose Protagonistin am Ende selbst zu einer Zahl werden, nämlich eine weitere in der Selbstmordstatistik und womöglich die letzte des Countdowns. Nach dem Aufenthalt in Tasiilaq dreht sich ihre Abwärtsspirale unaufhaltsam weiter. Die Protagonistin wirft das Studium hin, trennt sich von Maliina, flüchtet sich in die Obdachlosigkeit. Die Trennung und damit den Verlust einer der letzten Verbündeten bereut sie schnell, und als ihr der endgültige Ausweg, die Flucht nach Kanada, verwehrt bleibt, lässt ihr tragisches Ende nicht mehr lange auf sich warten.

Auch wenn die Suizidthematik in Blomsterdalen in unterschiedlichen Ausprägungen im Vordergrund steht, steckt noch viel mehr in diesem oft auch humorvollen Roman: „Naasuliardarpi handler om kærlighed, om venskab og om at være en del af et postkolonialt samfund.“ (Naasuliardarpi handelt von Liebe, von Freundschaft und davon, Teil einer postkolonialen Gesellschaft zu sein; https://www.norden.org/da/news/niviaq-korneliussen-fik-nordisk-raads-litteraturpris-2021), heißt es in der Begründung des Nordischen Rats für die Preisverleihung. Was häufig unerwähnt bleibt ist, dass Blomsterdalen – wie bereits sein Vorgänger HOMO sapienne – auch ein dezidiert queerer Roman ist. Einige der vielen queeren Figuren finden Akzeptanz oder wenigstens Toleranz in ihrer nahen Umgebung, andere wiederum werden von Homofeindlichkeit und Mobbing in den Tod getrieben. Die Kritik an heteronormativen Verhältnissen ist dabei mal subtiler, mal expliziter. Häufig steht aber die Verbindung zwischen zwei Menschen im Vordergrund, ohne dass die Queerness der Beziehung problematisiert wird. Dabei nimmt Korneliussen in der Darstellung erotischer und sexueller Szenen kein Blatt vor den Mund – dieser sexual realism kommt indessen weder gekünstelt noch übertrieben daher.

Blomsterdalen ist ein Roman, der nicht nur ein politisches, sondern mit seinem feinfühligen und gleichzeitig direkten Stil auch ein literarisches Statement darstellt, mit dem sich Korneliussen mit ihrer kraftvollen Stimme schon jetzt als Autorin etabliert hat.

Niviaq Korneliussen: Blomsterdalen. Kopenhagen: Gyldendal 2020.

(Julia Geier, Universität Wien)

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