Christian Jungersen: Du forsvinder

Christian Jungersen hat mit Du forsvinder (Du verschwindest) nach seinem ersten Publikumserfolg mit Undtagelsen (2004, dt. Die Ausnahme) wieder einen bestseller-verdächtigen Roman vorgelegt. Jungersen schreibt flüssig, dialogreich, gut lesbar, aber durchaus stilsicher. Seinen Publikumsappeal nutzt er, um komplexe und aktuelle Themen der Wissenschaft in anschaulicher Form zur Darstellung zu bringen und zur Diskussion zu stellen. In diesem Fall handelt sich um die derzeit vieldiskutierte Hirnforschung, die Konstitution der menschlichen Psyche und Persönlichkeit und letztlich die Frage, was den Menschen und das Menschliche ausmacht.

Die Fallgeschichte: zwischen Unterhaltung und Problemorientierung

Er entwirft dazu eine Fallgeschichte eines zunächst glücklichen Ehepaares, dessen harmonischer Alltag plötzlich durch äußerst exaltiertes Verhalten des Mannes, einen epileptischen Anfall und die darauf folgende Diagnose eines gutartigen Tumors am orbifrontalen Kortex unterbrochen wird. Wir folgen den Schockzuständen von Verhaltensauffälligkeiten, Diagnose, Behandlung und Operation, doch damit ist es nicht getan, diese Handlungselemente machen nur den Anfang des Romans aus. Zum einen führt die wachsende Entfremdung von ihrem merkwürdig agierenden Mann Frederik die Erzählerin Mia in eine neue Beziehung zu einem verständnisvollen Mann, der ebenfalls mit einer gehirngeschädigten Partnerin verheiratet ist (man ist geneigt, zynisch die Angehörigengruppe als Partnerbörse zu sehen), zum anderen folgt aus dem medizinisch-neurologischen auch noch ein juristischer Fall. Der besagte orbifrontale Kortex ist nämlich der Ort der Impulskontrolle und der emotionalen Verhaltensregelung, seine Schädigung – sei es durch einen Unfall oder einen Tumor – kann zu unkontrolliertem Verhalten in vielerlei Hinsicht führen. In unserem Romanbeispiel hat Frederik gezockt und dabei das gesamte Vermögen nicht nur seiner Familie, sondern vor allem der Privatschule, deren Leiter er war, durchgebracht. Die Krankheit verhinderte nicht nur seine augenblickliche Impulskontrolle, sondern auch seine grundsätzliche Einsicht in das Fehlverhalten. Er wird aus seiner Stellung entlassen, die Familie steht vor dem Ruin, muss ihr Haus verkaufen und wird zudem noch sozial gemieden, denn Mia wird eine Mitschuld vorgeworfen. Es kommt zur Gerichtsverhandlung, was die Frage der Schuldfähigkeit und der Schuld aufwirft. Ohne das Handlungsreferat noch weiter auszudehnen (es gibt auch noch einen Sohn, der neue Liebhaber ist zugleich der Strafverteidiger, es gibt eine ständig psychoanalysierende Mutter und vieles andere mehr) sollte deutlich sein, dass der Roman sich zwischen den Polen Problemorientierung und Unterhaltung ansiedelt. Die Frage ist, ob ein solcher popularisierender Zugang eine Überfrachtung der Ideenebene mit aufregenden Plotelementen rechtfertigt oder ob damit eine komplexe Problematik in nahezu reißerischer Weise dargeboten und verharmlost wird.

Text-Bild-Bezüge

Es ist nicht nur die erzählte Ebene, die durch einen flott geschriebenen Handlungsgang mit Liebe, Hass und Eifersucht den Roman zu einem page-turner macht. Auch das lay out des Buches inspiriert zum zügigen und neugierigen Weiterblättern von Kapitel zu Kapitel, die jeweils durch eine farbige, meist doppelseitige Abbildung eingeleitet werden. Ein illustriertes Buch, ein modernes Bilderbuch mit Fotografien? Die für einen Roman ungewöhnliche Präsentation lädt jedenfalls schon im Buchladen zum Blättern ein!

Die Abbildungen sind sehr unterschiedlicher Natur. Zum Teil sind sie dokumentarisch-bekräftigend, enthalten Fotos von Internetseiten über Neurophilosophie, Abbildungen des Gehirns, Visualisierungen des Themas der orbifrontalen Schädigung anhand von Patientenzeichnungen und Dokumentationen von diesbezüglichen Tests. Zum anderen bebildern die eingeschobenen Seiten die persönliche Ebene, zeigen das Haus, den Vorort, private Briefe, e-mails und SMS-Nachrichten, also fiktive Elemente die Handlung betreffend. Und eine dritte Kategorie von Bildern sind eher künstlerisch anmutende, abstrakte Fotos, meist von Wasseroberflächen, die denjenigen Bildern ähneln, die – laut fiktiver Ebene – der Sohn der Familie gemacht haben soll. Die Bilder haben also ganz unterschiedliche Funktionen und führen zu einer Authentifizierung nicht nur der Themenebene, sondern auch der Fiktion, was einer Vermischung der Ebenen, einer fact-fiction-Durchdringung gleichkommt. Mit einer solchen Verunsicherungsstrategie wird ja derzeit, vor allem in sog. Autofiktion, viel gearbeitet. Doch affiziert in einem Wissenschaftsroman, der philosophische und medizinische Fragen aufwerfen will, die Fiktionalität der einen Bildsorte nicht die Glaubwürdigkeit der anderen? Oder ist alles gleichermaßen Fiktion? Soll die Neurophysiologie authentifiziert und bestätigt werden, und in welcher Beziehung steht der Roman zur Wissenschaft?

Die Erzählebene

Erzählt wird er von der Betroffenen, der Protagonistin Mia Halling in der Ich-Form. Wir sind also ausschließlich mit ihrer Perspektive konfrontiert, wenn wir vom anfänglichen Schock über die Krankheit, vom Entsetzen über die kriminellen Handlungen und den Ruin erfahren. Wir erleben mit der Erzählerin auch die Entfremdung von dem höchst merkwürdig agierenden Mann und können (möglicherweise) die neue Liebe nachvollziehen. Mit ihrer Perspektive werden wir nicht nur in die Haltung einer Betroffenen, sondern auch einer Angehörigen gedrängt, die verstehen will, die sich Informationen verschafft, die den wissenschaftlichen Diskurs, den der Roman führt, durch ihr Wissen-wollen vorantreibt. Sie verschafft sich Informationen über das Gehirn, mögliche Fehlfunktionen, deren Konsequenzen, Kategorien der Schädigung usw., so dass wir als Leser mit unserer Erzählerin in die Situation einer Laien-Hirnforscherin geraten. Aus dieser Perspektive wird nun das Verhalten des Ehemanns als krank diagnostiziert, alles, was er tut oder nicht tut, auf diesen Frontallappen im Gehirn zurückgeführt, wobei sie gar nicht zu merken scheint, dass sich sein Zustand nach Operation und Behandlung bessert und dass zunehmend ihr eigenes Verhalten merkwürdig wird. Nach und nach zweifelt man als Leser(in) an der Zuverlässigkeit der Erzählerin, wünscht sich eine andere Perspektive auf das Geschehen und damit auch auf ihre Fixierung auf diese kleine Stelle im Gehirn. Durch diese gewollt einseitige Perspektive auf die Problematik stellt der Roman dann doch ernsthafte Fragen: nach der Persönlichkeit, nach Schuld, Verantwortung und auch danach, was Liebe und Gemeinschaft ausmacht. An diesem Punkt wächst der Roman über seinen unterhaltenden Anspruch hinaus und problematisiert seine eigene Verstrickung in die Wissenschaft von der Neurophysiologie. Selbstverständlich haben wir es mit einer ernstzunehmenden Wissenschaft, einer folgenreichen Krankheit, verbesserten Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, aber auch nicht behandelbaren Folgen zu tun. Doch der Roman macht nicht nur diesen Komplex einer noch relativ jungen medizinischen Wissenschaft anschaulich, er zeigt – vor allem durch die Art seines Erzählens – auch die Gefahren einer Wissenschaftsgläubigkeit, die einen Menschen auf ein Körperteil oder eine physiologische Reaktion reduziert. Auch wenn bestimmte Prozesse im Gehirn lokalisiert oder dort abgebildet werden können, entbindet das nicht davon, dem Menschen Handlungskompetenz und Verantwortung zuzugestehen – und ihn weiterhin zu lieben.

In diesem Sinne gelingt es Jungersen dann doch, wichtige Fragen aufzuwerfen, auch wenn sie auf einem relativ allgemeinen Niveau verbleiben. Vielleicht ist daher gerade die Gruppe von Lesenden, die sich durch bunte Bildseiten dazu anregen lassen, einen Roman zu lesen, die richtige Zielgruppe. Und das ja keine schlechte Sache!

Christian Jungersen: Du forsvinder. Kopenhagen: Gyldendal, 2012.
(Annegret Heitmann, München, November 2012)

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