Sami Said: Väldigt sällan fin

Von seltsamer Schönheit? Sami Said: Väldigt sällan fin, 2012

Saids Debut setzt sich aus einem biographisch gespeisten Studentenroman über Nohas erstes Semester an Linköpings universitet und der Schilderung einer Reise nach Eritrea zusammen. Dieser Roman wurde so positiv rezensiert, dass ich mich sowohl zur Lektüre verlockt als auch zu einer skeptischen Betrachtung der Maßstäbe für die außergewöhnliche Wertschätzung aufgefordert fühle. Findet womöglich eine ‚Kanon-Umarmung’ statt, eine Feier der innovativen migrantischen Literatur, die in schwedischer Sprache erscheint? An meine Lektüre anschließend gehe ich von der Hypothese aus, dass sich im Romantitel ein ästhetisches und sprachliches Programm verbergen könnte: ‚väldigt fin’ und ‚väldigt sällan’ (‚ungeheuer schön’ und ‚ungeheuer selten’) sind die gängigen idiomatischen Wendungen im Schwedischen. Die kombinatorische Verschränkung beider Ausdrücke veruneindeutigt den adverbialen Bezug. Ist etwas, beispielsweise das vorliegende Erstlingswerk oder der dargestellte Lebensabschnitt des Protagonisten, ‚nur in Ausnahmefällen schön’ oder ‚von erlesener Schönheit’, will sagen einer ‚Schönheit mit Seltenheitswert’?

Charmeoffensiven

Die väterlichen Ermahnungen im Gepäck, den muslimisch korrekten Lebenswandel nicht auf’s Spiel zu setzen, zieht Noha von Göteborg nach Linköping und stürzt sich in ein intensives und einsames Studium. Die Wahl des Faches Religionsgeschichte legitimiert bei Studienbeginn seine ausgreifende Lektüre zur eritreanischen Geschichte. Seine Zurückgezogenheit wird durch das beharrliche Interesse seiner Mitbewohner im betriebsamen ‚Studentenkorridor’ zunehmend sabotiert. Drei seiner Kommilitonen werden näher charakterisiert: ein selbstherrlicher Party-Student, der schwedische Islamist Fredrik, von Noha „Abdul-någonting“ (Abdul-irgendwas) genannt und vor allem die redselige, Musik-begeisterte und exaltierte Studentin Anna, die sich in Noha verliebt, diesen bei einem Annäherungsversuch aber völlig überfordert. Noha weicht Anna schon zuvor aus, indem er ein Sitzmöbel wählt, das von der Gesprächspartnerin möglichst weit entfernt steht und sich dabei geopolitisch identifiziert mit „de yttre kolonierna, i fjärran, Eritrea, det är ett skäl att sitta längre bort“ (den äußeren Kolonien, in der Ferne, Eritrea, das ist ein Grund, um weiter weg sitzen zu können; S. 84).

Die Gegenüberstellung von einem Schweden muslimischer Orientierung (Noha) mit einem soeben konvertierten schwedischen Islamisten (Fredrik) wird von John Sjögren in Uppsala Nya Tidning („Komplexa krockar i det nya landet“/ Komplexe Konfrontationen im neuen Land, 16.08.2012) als besonders ergiebiges Thema gewürdigt. Die Post-It-Zettel an Nohas Zimmerwand mit der Aufschrift „Ät“ (Iss) illustrieren, dass die Gefahr bestünde, Noha könnte sich allein Bücher anstelle von Nahrung einverleiben. Die Figur Fredrik verkörpert eine Obsession an der inszenatorischen Identitätsarbeit, deren Komponenten eigentlich beliebig sind. Zur Charakterisierung dieser speziellen Technik einer Optimierung des Selbst übernimmt Sjögren den Begriff „smörgåsbordsreligiositet“ (religiöse Aneignungen vom kalten Buffet) aus Saids Roman. Nohas sachorientierten, eremitenhaften Leseexzesse stehen Fredriks Koranstudien und dem eifrigen Erlernen arabischer Phrasen in einer Weise gegenüber, die beide Projekte mehr oder weniger desavouiert. Die Studentin Anna bringt Noha einerseits Zerstreuung, die Möglichkeit zur Distanz von seiner ehrgeizigen Mission, andererseits liefert ihr Redestrom Einblicke in eine exemplarische schwedische Kindheit und Jugend, oft assoziativ mit Pop-Songs, Filmen oder Büchern verknüpft, die Nohas Identitätsprojekt bereichern und ansatzweise auch ‚entdogmatisieren’.

Die Familiengeschichte der mehrjährigen Flucht aus Eritrea wird in verschiedenen Varianten dargeboten, dies ist die einzig mögliche Geschichtschreibung bei einer ‚multigenealogischen Herkunft’. Die Zwischenstationen Sudan, Ägypten, Italien und Österreich sorgen für unterschiedliche Sprachkombinationen in der Kommunikation von Nohas Familie. Noha spricht mit seiner Mutter Schwedisch-Deutsch, mit dem Vater Arabisch, mit Bruder und Schwester Schwedisch. Auch Kenntnisse der eritreanischen Nationalsprache und des Italienischen sind in der Familie latent vorhanden. Der Vater wiederum spricht mit seiner Tochter, dem jüngsten Familienmitglied, tigrinja, die Sprache seines eritreanisch-äthiopischen Vaters, auf den er sich verstärkt zurückbesinnt. Der jeweilige Sprachgebrauch wird damit eindeutig an biographische Phasen und an unike soziale Konfigurationen gebunden.

Disparate Wahrnehmungsschule und Demontage des Regimes

Der Anlass für die Reise nach Eritrea ist die Aufgabe von Nohas Vaters, den Nachlass des verstorbenen Großvaters zu ordnen. Entsprechend nehmen neben den Reportage-artigen Schilderungen des fragmentarisiert erscheinenden Alltagslebens – im inzwischen ‚neuen Eritrea’ – die Untersuchung der väterlichen Linie und die Vater-Söhne-Konstellation großen Raum ein. Die passionierten, sich abrupt ablösenden Hobbys des Bruders, mal sind es seltene Kampfsportarten, mal extravagante Haustiere, gipfeln oft in einer schrillen Versuchsanordnung; so wird etwa ein Wüstenskorpion auf unterschiedliche Kleintiere losgelassen, bis sogar ein Lamm qualvoll verendet. Diese grenzüberschreitende, sowohl waghalsige als auch latent aggressive Attitüde als Modus der Welterfahrung haben alle bisher genannten männlichen Figuren gemeinsam. Für Noha kommt dies in seiner übersteigerten, hypersensiblen Wahrnehmung zum Ausdruck.

Das Geheimnis des Vaters offenbart sich bezeichnenderweise infolge des ständigen Streits mit dessen Schwester, in einem Geschlechterkonflikt also, der das patriarchalische Vorrecht in Frage stellt. Nohas Tante wirft dem Vater Doppelmoral und Scheinheiligkeit vor, seine fundamentalistischen Anwandlungen seien unglaubwürdig und seine strenge Erziehung eine Zumutung für die Kinder. Nohas Tante zeigt ihrem Neffen eine Schallplattensammlung aus den 1970er Jahren, die dem Vater in seiner aufrührerischen Jugend die Möglichkeit bot, Tanzpartys zu veranstalten und sich als Dorfplayboy zu gebärden. Das problematische Verhältnis des Vaters zum Großvater erweist sich im Nachhinein als ambivalenter Hintergrund für die den Söhnen aufoktroyierten strikten Lebensregeln. Nohas Vater tritt nunmehr als ein erst in Schweden geläuterter Sünder auf, so dass Nohas Lebensplanung am Ende des Romans unter neuen Vorzeichen steht und sich für ihn ein höheres Maß an Autonomie abzeichnet. Der letzte Satz des Romans zeugt davon, denn Nohas wird nicht mehr von Taxifahrern und Verwandten herumkutschiert, sondern sitzt jetzt selbst am Steuer „jag har inte kört bilen av vägen i alla fall.“ (jedenfalls bin ich mit dem Wagen nicht von der Straße abgekommen, S. 333). Dass damit auch der Autor das literarische Feld entert, ist eine weitere Facette einer beharrlichen Verfolgung des eigenen Weges.

Als der Vater den chaotischen Nachlass verbrennt, nachdem er festgestellt hat, dass die Dokumente auf tigrinja für seine Familie nicht lesbar sind, gesellt sich eine gewaltbereite Gruppe von Jugendlichen zu ihnen, worauf alle in polizeilichen Gewahrsam genommen werden. Die – noch sehr vorläufige – Revision des Vater-Sohn-Verhältnisses findet bei einem kurzen Gefängnisaufenthalt statt, bei dem Nohas Vater um einen Neuanfang bittet.

Das genealogische Konfliktpotential korrespondiert mit der Aufhebung eines jedes erdenklichen Herkunftsmodells. Dies wird auch mit den aufdringlichen Propagandaplakaten für den eritreanischen Präsidenten betont, der in unterschiedlichsten Berufskleidungen präsentiert wird und damit als Volks-Vertreter im wörtlichen Sinne kostümiert erscheint. Die Rowdies auf den Straßen verunstalten diese Plakate, auch sie demontieren die väterliche Diktatur.

Pressereaktionen

Die Sensibilisierung für Wahrnehmungen en detail führt zu einer höchst interessanten Spracharbeit. Ist diese als Charakteristikum eines migrantischen Textes zu betrachten? In dieser Hinsicht halten sich die Rezensenten mit Einschätzungen zurück, meiden ein wohl als riskant geltendes Gelände. Die kombinatorische Vermischung von Stilregistern und die effiziente Verknappung und Reihung sorgt im zweiten Romanteil für Tempo bei einer hohen Dichte an Eindrücken. Eine Vergrößerung und Herausmodellierung von Einzelheiten ist die Folge: „En klädhängare? Vid vägkanten. Den sorten som har fötter och står upprätt av sig själv. Hänger en plastpåse på den. Varje steg för med sig överraskningar.” (Ein Garderobenständer? Am Wegesrand. Die Art, die aufrecht auf den eigenen Füßen stehen kann. Eine Plastiktüte hängt dran. Jeder Schritt bringt neue Überraschungen., S. 299). Dieses Artefakt hat einen surrealistischen Touch, gleicht aber auch der Gestalt eines merkwürdigen semaphorischen Zeichens oder einer abgemagerten Vogelscheuche.

Die Herstellung von Mehrfachbezügen mit humoristischem Effekt ist nicht zuletzt aus der (im ersten Teil thematisierten) Kinderliteratur bekannt, so dass man versuchsweise von einer (planvoll) naivistischen Stilkollision sprechen könnte. Der Rezensent Jonas Thente zeigt sich amüsiert über die Verfremdung der Phrase „Ge mig fem“ (Giv me Five), die sowohl den entsprechenden kumpelhaften Gruß als auch einen Bewertungsgrad auf einer Skala bezeichnen kann und bestimmt das Verfahren folgendermaßen: „Genomgående använder Sami Said det litterära grepp som kallas främmandegöring, och som går ut på att man beskriver välkända ting och företeelser som om det vore första gången man upplevde dem.“ (Sami Said verwendet durchgehend ein literarisches Verfahren, das als Verfremdung bezeichnet wird und darauf abzielt, vertraute Dinge und Abläufe so zu beschreiben, als ob man sie zum ersten Mal erlebte.) („Debutroman. Kulturkrock mellan Sverige och Eritrea. Porträtt på pricken“/ Debüt. Kulturkonflikt zwischen Schweden und Eritrea. Treffsicheres Porträt, Dagens Nyheter, 16.08.2012).

Den verknappten Nominalstil, den man auch im Deutschen als pointiert und als beschleunigtes Staccato erleben kann („Moabit ist Beste“ statt „Moabit ist am besten“) illustriert auch die verselbständigte Feineinstellung auf zwei Insekten:

Kackerlackor stora som valnötter som är usla flygare och som ändå envisas med att flyga och krascha in i mig. (Kakerlaken, groß wie Walnüsse, elend schlechte Flieger, die dennoch beharrlich in mich hineinfliegen und einen Crash bauen., S. 212)

Insekt landar på sidan. Rör sig på begränsad yta så att det verkar som den betraktar bilden – foto på brokigt undervattenlandskap. (Insekt landet seitlich. Bewegt sich auf begrenzter Fläche vorwärts, wirkt so als wenn es das Bild anschaut – Foto einer bunten Unterwasserwelt., S. 214)

Bei der Registrierung der neuen Eindrücke nicht mithalten können, diese Wendung taucht leitmotivisch auf und wird auch explizit als eine zeitliche Zerlegung oder schnelle Taktung dargestellt. Das herausgelöste Zeichen, genau wie der Garderobenständer am Wegesrand, ordnet sich nicht mehr einem kontextuell generierten Sinnzusammenhang unter: „Jag stannar vid en plansch. I högst en minimaldelsekund. Jag kan inte läsa texten.“ (Ich bleibe bei einem Plakat stehen. Höchstens eine Minimalteilsekunde. Ich kann den Text nicht lesen., S. 192). Jonas Thente deutet auch den Verzicht auf Dialoge, die über Redeberichte vermittelt sind, als bewusst beschleunigte Verknappung: „korta meningar, som om han vore otålig att få saken gjord“ (kurze Sätze, als ob er seine Sache ungeduldig zu Ende bringen wollte).

In der Stadt Asmara und im dörflichen Umfeld scheint die Linköpinger Askese abgelöst durch eine sprachliche Stillung des Wirklichkeitshungers, wozu auch die (weibliche konnotierte) Fiktion einen wichtigen Beitrag leistet: Anna hat dem Ich-Erzähler zufolge dazu beigetragen, das Spektrum der Optionen in der Weltaneignung zu erweitern und Resonanzen zu eröffnen: „Till det som inte går att föreställa sig hade hon hittat på förklaringar“ (Für das, was man sich nicht vorstellen kann, hätte sie Erklärungen gefunden, S. 301) heißt es voller Sehnsucht.

Für die enthusiastische Rezensentin Annina Rabe bieten sich sprachliches Experiment und erzählerisches Vermögen in einer selten gelungenen Kombination dar:

Sami Saids språk är av den arten där nästa mening aldrig är förväntad. Det är en sorts korthuggen prosa som lånar av poesins associationsfrihet, med en spännvidd som gör att en enda mening kan rymma både humor och djupaste vemod, samt alla lägen däremellan. Det är ett språk som ständigt retar aptiten, gör läsaren hungrig på mer.

(Sami Saids Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass der jeweils anschließende Satz niemals vorhersagbar ist. Es handelt sich um eine Art abgehackte Prosa, die sich den Assoziationsreichtum von Lyrik aneignet, mit einer Bandbreite, die Humor und tiefe Wehmut in einem Satz unterbringen kann, zudem alle Stimmungslagen dazwischen. Es ist eine Sprache, die unablässig den Appetit der Leser weckt, sie hungrig nach mehr werden lässt., „Enastående debut om vilsen ung man“/ Einzigartiges Debüt über einen suchenden jungen Mann, Svenska Dagbladet, 16.08.2012).

John Sjögren stellt die gesellschaftliche Relevanz und die politische Funktionalisierbarkeit des Romans ins Zentrum und hebt entsprechend eine Szene hervor, deren imaginärer Status bzw. Fiktionsgrad in der dargestellten Welt allerdings unklar erscheint (was Sjögren ausblendet). Noha soll für eine Zeitung ein Interview mit einem Sverigedemokraten (d.h. einem Angehörigen der bekanntesten nationalistischen und fremdenfeindlichen Partei Schwedens) führen (vgl. S. 175-177). In dem Interview wird der strukturelle Rassismus satirisch gebrandmarkt, indem ein kurz greifender „Kulturrassismus“ vorgeführt wird, der sich aus einem schillernden Ethnizitätsbegriff heraus entwickelt hat: Ein „kulturfrämling“ (Kulturfremder bzw. Fremder innerhalb einer Kultur) sei doch eigentlich ein „malplacerad neger“ (deplazierter Neger, S. 176). Bezeichnenderweise wird dem potentiellen einwanderungspolitischen Statement durch den Humor die Spitze genommen; Noha wünscht dem Interviewpartner ein gutes Wahlergebnis, und der Interviewte wünscht Noha schriftstellerischen Erfolg (vgl. S. 177). Doch ist dieser Humor nicht eigentlich mürbe geworden, wie das Abschütteln einer lästig gewordenen Aufgabe?

Das clowneske Element in der Sprachverwendung wie in der Ausgestaltung des Außenseitermotivs möchte ich nicht zuletzt als Verweigerungshaltung gegenüber der Vereinnahmung in das Genre-Fach der Kulturkonfliktliteratur begreifen. Gerade die lässt sich in der Literaturkritik ‚zu Tode umarmen’ und als schmeichelhafter Toleranzbeweis funktionalisieren.

Die Ungleichzeitigkeit der simultan verwendeten Sprachregister einschließlich ihrer Interferenzbeziehungen stellt meiner Einschätzung nach ein Indiz für eine globalisierte Ästhetik dar. Der Wunderbaum, der in einem Taxi in Asmara baumelt (vgl. S. 193), ist ein kleines, aber wichtiges Requisit in diesem biographischen Stück auf einer globalisierten Bühne.

Sami Said: Väldigt sällan fin. Stockholm: Natur & Kultur, 2012.
(Antje Wischmann, Berlin, September 2012)

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