Stine Pilgaard: Min mor siger

Beziehungsstress

Beziehungsprobleme scheinen ein besonders beliebtes Thema junger dänischer Autorinnen (Josefine Klougart, Katrine Grünfeld, Stine Pilaard) zu sein – schwierige und scheiternde Liebesbeziehungen stellen offensichtliche Krisenmomente im Leben von Mittzwanzigerinnen dar, was aber nicht unbedingt neu und auch nicht von weltbewegendem Interesse sein muss. Da braucht es schon eine ganz besondere Präsentationsweise, um auch Leser anzusprechen, die nicht identifikatorisch mit dem Stoff umgehen. Von den hier genannten Autorinnen ist das Stine Pilgaard mit ihrem Roman Min mor siger zweifelsohne gelungen.

Die Autorin wurde 1984 geboren und hat – wie könnte es anders sein – Literaturwissenschaft an der Universität Kopenhagen und an der »Forfatterskole« studiert. Der schmale Roman über die namenlose Ich-Erzählerin, die von ihrer Partnerin verlassen wurde, ist ihr Debüt, das allerdings überraschend große Aufmerksamkeit in der Tagespresse erfuhr. Sowohl Kamilla Löfström in Information (26.1.2012) als auch Lasse Horne Kjældgaard in Politiken (29.1.2012) schrieben sehr lobende Worte über die »stærkt opløftende dialogkunst« (Horne Kjældgaard), und als Weekendavisens Leonora Christina Skov den Text als »vinterens must read« (27.1.2012) bezeichnete, bin ich der Empfehlung gefolgt.

Der handlungsarme Roman besteht aus zwei Typen von Kapiteln: indirekt wiedergegebenen dialogischen Szenen, in denen die unglücklich verlassene Hauptperson sich in Gesprächen jeweils mit ihrer Ex-Geliebten, der besten Freundin, Mutter, Vater und ihrem Arzt austauscht, sowie insgesamt 12 »Monologer fra en Søhest«, in denen Teile ihres Körpers, vom Ohr über das Zwerchfell bis hin zum Knie zu Wort kommen. Während die Dialoge also gewissermaßen den Austausch mit anderen abbilden, kommunikativ orientiert sind, stellen die Monologe eine Innenschau der Erinnerungen und Emotionen sowie ihren imaginierten Sitz im Körper dar. Wenn auch dieser Wechsel prinzipiell eine gute Idee ist (und einige der Monologe wie z.B. die sinnlichen Erinnerungen des Mundes und der Nase sehr gelungene poetische Passagen bieten), liegt die ganz besondere Qualität dieses Buches in den Dialogszenen. Die sprachliche Präzision dieser jeweils nur ein paar Seiten langen Sequenzen schafft eine Balance von einfühlsamer Wiedererkennbarkeit und distanzierendem Witz. Dabei sind es nicht nur die treffenden Dialoge, die diese Wirkung ausmachen, sondern vor allem die indirekte Referatsform des »min mor siger«, die eine humoristische Distanz entstehen lässt. Der erstaunliche Effekt dieser Erzählform ist, dass schlagfertige Wortwechsel, Streitgespräche des Aneinander-Vorbei-Redens, absurde, ja fast absurdistische Dialoge einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit und Sympathie hervorbringen.

Der Inhalt des auf diese Weise unterhaltsam und flott Erzählten ist dann fast schon gar nicht mehr so wichtig: Es ist die Verarbeitung einer gescheiterten Beziehung, manch eine Alkohol-Nacht, Desinteresse am Studienabschluss, die analytisch-konstruktiven Ratschläge der Schulfreundin, das Verhältnis zu den Eltern, die ständigen Besserwissereien der Mutter (in der wohl viele Leser die eigene Mutter wiedererkennen, selbst wenn diese nicht Immobilienmaklerin ist) und das Verständnis des Vaters, der Pastor und wieder verheiratet ist und bei dem die Protagonistin nach dem Ende ihrer Beziehung lebt. All das ist Allerweltsstoff und eigentlich nicht weiter bemerkenswert, genauso wenig wie die Tatsache, dass sich am Ende eine neue Beziehung einstellt. Interessant ist aber, dass es wegen dieses wenig bemerkenswerten Sujets auch gar nicht von Belang erscheint, dass es sich um eine lesbische Beziehung handelt – damit wird ein Status der Normalität erreicht, der mögliche heteronormative Forderungen stillschweigend unterläuft. Dasselbe gilt für den in vierte Ehe verheirateten Pastor-Vater, der sicher auch nicht allen Erwartungen gerecht wird. Lauter nette Menschen eigentlich, auch wenn sie streiten, sich trennen und sich manchmal missverstehen. Im Grund wird dieser kurze Roman von Optimismus und dem Glauben an Kommunikation getragen, wie es in sympathisch-erheiternder Weise das schöne Kapitel über Liebeserklärungen in vielen Sprachen deutlich macht: »Mulle og jeg diskuterer hvilket sprog der egner sig bedst til kærlighedserklæringer. Albansk, siger min mors mand, te dua« und schlägt im Folgenden das kambodschanische ›soro lahn nhee ah‹, das libanesische ›bahibak‹ oder das gälische ›ta gra agam ort‹ vor, während er den Ausguss repariert.

»En halv kasse øl senere er vi nået til mandarin-kinesisk. Wo ai ni, siger min mors mand. Det lyder for meget som en børneremse, siger jeg. Mulle mener at det var en af de øvelser vi havde i læsebogen tilbage i folkeskolen, da vi skulle lære vokalerne. Vi sidder tavse lidt. Negligevapse, råber min mors mand pludselig, negligevapse. Det lyder dejligt og afslappet, siger Mulle, nærmest lykkeligt. Fem stavelser, tre slags vokaler, ni forskellige bogstaver, gode muligheder for anagrammer, siger jeg.«

Einen halben Kasten Bier später sind wir bei Mandarin-Chinesisch angekommen. Wo ai ni, sagt der Mann meiner Mutter. Das klingt zu sehr wie ein Kinderreim, sage ich. Mulle meint, dass das eine der Übungen aus dem Lesebuch in der Volksschule war, als wir die Vokale lernen sollten. Negligevapse, ruft der Mann meiner Mutter plötzlich, negligevapse. Das klingt gut und entspannt, sagt Mulle, fast glücklich. Fünf Silben, drei Arten von Vokalen, neun verschiedene Buchstaben, gute Möglichkeiten für Anagramme, sage ich.

Was soll man diesem Wort noch hinzufügen? So buchstabiert man Liebe, und mit diesem Wort, das (wie Mulle sagt) über alle Machtstrukturen erhaben ist, wendet sich die Erzählerin am nächsten Morgen an die neue Partnerin: »Negligevapse, hvisker jeg i dit øre næste morgen.« Es kommt eben nicht so sehr darauf an, was man sagt (oder schreibt), sondern wie man es sagt (oder schreibt).

Das gilt auch für dieses Buch: ein unterhaltsamer, leichter, sprachlich präziser und formal interessanter Debütroman!

Stine Pilgaard: Min mor siger. Samleren, 2012.
(Annegret Heitmann, München,  März 2012)

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