Hanne Ørstavik: Hyenene

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Im Herbst ist ein neuer Roman von Hanne Ørstavik erschienen, ein richtiger Ørstavik-Roman heißt es in den Besprechungen der norwegischen Zeitungen. Leser/innen, die mit Ørstaviks Werk vertraut sind – zehn Romane und ein Lesedrama hat sie seit ihrem Debut 1994 veröffentlicht und dafür alle wichtigen norwegischen Literaturpreise bekommen – erwarten bei dieser Bezeichnung einen überaus formbewussten Text, der Fragen der Identität verhandelt. Und das bekommen sie auch. Einfache, aber präzise Beschreibungen und Schilderungen von Äußerem werden durchzogen, durchbrochen, überlagert, verzerrt, ergänzt von Passagen aus Gedankenströmen, Assoziationsfetzen und Reflexionsschleifen zur Frage nach dem Ich und der Welt. Eine vorsichtige, schwebende Annäherung an äußere und innere „Wirklichkeiten“ mit einem Netz von „virker som“, „som om“, „noe“, „det“, das sich über den Text zieht. Kleine Nuancen nehmen immer wieder etwas zurück, wo man sich eben sicher gefühlt hat. Wo es eben noch „hun“/“sie“ hieß, heißt es jetzt „jeg“/“ich“: „Hun vil så gjerne leve. Jeg vil så gjerne kjenne, kjenne meg levende, kjenne noe, før jeg dør.“ (33) – „Sie will so gerne leben. Ich will so gerne empfinden, mich lebendig fühlen, etwas empfinden, bevor ich sterbe.“ Wo man einen festen Punkt auszumachen scheint, wird dieser wieder zurückgenommen mit „tenker hun“/“denkt sie“ oder „sier hun til seg selv“/“sagt sie zu sich selber“ (30): „Hun ligger og ser ut i det hvite og vet at hun har begynt, noe har begynt, nå er det bare å fortsette. Sier hun til seg selv.“ (30) – „Sie liegt da und sieht hinaus ins Weiße und weiß, dass sie begonnen hat, etwas begonnen hat, nun gilt es nur, das fortzusetzen. Sagt sie zu sich selbst.“ Mit solchen Verfahren kommt Ørstavik zu dieser spezifischen Textwirkung, mit der sie ihr Publikum seit ihrem ersten Roman, Hakk (1994) konfrontiert. Dort war bereits am Druckbild zu erkennen, wie der Text aus kleinen Stücken entsteht, die sich gegenseitig kommentieren. In postmoderner Manier werden die Lesenden auch bei diesem Roman an der Textarbeit beteiligt, müssen selbst „weben“, damit ein/e Text/ur entsteht. Also ein Text in der für Ørstavik typischen Art, die den Lesenden hohe Aufmerksamkeit abfordert. Die die einen zu faszinierten Lesenden macht und die anderen vom Lesen abhält.

Die Handlung – wenn man es denn eine Handlung nennen möchte – ist schnell erzählt: Siv, 40, Schriftstellerin, bekommt das Angebot, in der Wohnung von Sally an der südenglischen Küste zu wohnen. Sally, eine englische Schriftstellerkollegin ist für mehrere Wochen in Rom, um dort zu schreiben. Siv nimmt das Angebot an, reist nach England, wohnt in der Wohnung, findet sich mit sich selbst konfrontiert und kann dem nur stundenweise entkommen, wenn überhaupt, nur in den Stunden, die sie in einer kleinen Boutique arbeitet, zwischen Klamotten und Kunden, ihrer Kollegin Pip und dem Ladeninhaber Leo. Während sie hier die Unmittelbarkeit menschlicher Begegnung erlebt, ist sie gleichzeitig damit beschäftigt, ihre vor kurzem beendete Beziehung zu Rudolf zu verarbeiten, die Beziehung zur Mutter und vor allem ihre Beziehung zu sich selbst und zum Schreiben. Als Sally plötzlich aus Rom zurückkommt, um ihre Mutter zu besuchen, die in Schwierigkeiten zu sein scheint, begleitet Siv sie. Sie reist jedoch früher wieder zurück und entschließt sich wenige Tage später, ihren Aufenthalt in England ganz zu beenden und nach Hause zurückzukehren.

Das ist also der Plot zu dem Titel „Hyenene“. Geübte Ørstavikleser verblüfft dabei gleich zu Beginn des Textes, dass „Hyenene“ – „die Hyänen“ nicht nur Metaphernspender sind, sondern bereits im ersten Satz des Romans überraschend konkrete Tiere, präsentiert in einem überraschend lebensweltlichen Medium: Siv sieht sich nachts Filme von Hyänen auf YouTube an. Die Auseinandersetzung mit den Hyänen als konkreten Tieren zieht sich durch den ganzen Roman – ihre Lebensweise, ihr Aussehen, die große Ähnlichkeit der männlichen und weiblichen Tiere, die auch an ihren Geschlechtsorganen kaum zu unterscheiden sind. Bereits am Anfang von Roman und Englandaufenthalt druckt Siv sich verschiene Bilder von Hyänen aus. Viel später, auf der Rückreise von Sallys Mutter, zieht sie sie wieder aus der Tasche und sieht sie sich intensiv an, betrachtet sie wie Porträts, kommt zu der Einschätzung „det er som de er så mange dyr på en gang, i én kropp, som om de har spor i seg av så mange andre“ (217) – „es ist, als ob sie so viele Tiere gleichzeitig sind, in einem Körper, als ob sie Spuren in sich hätten von so vielen anderen“ – von Bär, Hund, Pferd, Känguruh. Die Tiere werden als „Zusammengesetzte“ erkannt, hybrid, polyvalent, polymorph. Schließlich fragt sich Siv, warum sie nur die „netten“ Bilder ausgewählt hat, „die freundlichen, auf denen die Hyänen friedlich sind und fast niedlich aussehen, oder traurig; hat sie die andere Seite dieser Tiere ausgespart? Ihre gefährliche Seite, die Raserei und Wildheit, die Tatsache, dass sie töten. Warum hat sie nicht die Bilder ausgedruckt, die Menschen mit Verletzungen zeigen, die Hyänen ihnen zugefügt haben, und die Bilder, die die Hyänen mit offenem Maul zeigen, mit Blut auf der Zunge? Wie sie Fleisch aus noch lebenden Tieren reißen? Von hier aus entwickelt sich eine Erkenntnis von Gegensätzen, die nicht dialektisch vereint und doch aneinander gekoppelt sind: „De er både søte og farlige. Begge deler. Helt samtidig. Jeg må våge det, tenker hun.“ (229) – „Sie sind beides, süß und gefährlich. Beides. Ganz gleichzeitig. Ich muss es wagen, denkt sie.“ Und hier findet sie auch zu einer Einschätzung dazu, wie ein angemessenes Verhältnis zu einem Mann möglich sein kann: „Ikke skyte mannen, tenker hun, men slippe ham inn, slippe ham til. At han også er en del av meg, tenker Siv.“ (229) – „Nicht den Mann erschießen, denkt sie, sondern ihn hereinlassen, ihn heranlassen. Dass er auch ein Teil von mir ist, denkt Siv.“

Ist wirklich etwas anders geworden? „Og nå har jo noe forandret seg, Siv, sier hun til seg selv.“ (227) – „Und jetzt hat sich ja etwas verändert, Siv, sagt sie zu sich selbst.“ Hat Siv in diesen Wochen etwas „gelernt“, „erfahren“? Kann man einen Faden ziehen, Veränderungen, Entwicklungen daran aufreihen, ein Ich festmachen, eine Identität finden? Veränderungen durch was? Durch die Begegnungen mit den Leuten von der Boutique, durch das Verlieben in einen anderen Mann, durch den Besuch mit Sally bei deren Mutter, durch die Selbstbegegnung und die intensive Reflexionsarbeit? Ist am Schluss also ein Entwicklungsprozess abgeschlossen? Das hängt davon ab, welcher der Erzählstimmen man Glauben schenken kann und will bzw. ob man überhaut einer der Bewusstseinsinstanzen vertraut. Aber es spricht vieles für einen Wandel. Der letzter Absatz zeigt Siv jedenfalls im Flugzeug, die Sicherheitsanweisungen sind soeben zu Ende, das Flugzeug ist durch die Wolken in das starke Licht der Sonne gekommen. Siv sieht hinaus, in das Weiße, das Weiche, nimmt ihre Hände wahr, wie sie auf dem Mantel liegen, halb ineinander, die offenen Handflächen nach oben.

Hanne Ørstavik: Hyenene. Oktober Forlaget, 2011
(Simone Schiedermair, Greifswald,  März 2012)

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Stine Pilgaard: Min mor siger

Beziehungsstress

Beziehungsprobleme scheinen ein besonders beliebtes Thema junger dänischer Autorinnen (Josefine Klougart, Katrine Grünfeld, Stine Pilaard) zu sein – schwierige und scheiternde Liebesbeziehungen stellen offensichtliche Krisenmomente im Leben von Mittzwanzigerinnen dar, was aber nicht unbedingt neu und auch nicht von weltbewegendem Interesse sein muss. Da braucht es schon eine ganz besondere Präsentationsweise, um auch Leser anzusprechen, die nicht identifikatorisch mit dem Stoff umgehen. Von den hier genannten Autorinnen ist das Stine Pilgaard mit ihrem Roman Min mor siger zweifelsohne gelungen.

Die Autorin wurde 1984 geboren und hat – wie könnte es anders sein – Literaturwissenschaft an der Universität Kopenhagen und an der »Forfatterskole« studiert. Der schmale Roman über die namenlose Ich-Erzählerin, die von ihrer Partnerin verlassen wurde, ist ihr Debüt, das allerdings überraschend große Aufmerksamkeit in der Tagespresse erfuhr. Sowohl Kamilla Löfström in Information (26.1.2012) als auch Lasse Horne Kjældgaard in Politiken (29.1.2012) schrieben sehr lobende Worte über die »stærkt opløftende dialogkunst« (Horne Kjældgaard), und als Weekendavisens Leonora Christina Skov den Text als »vinterens must read« (27.1.2012) bezeichnete, bin ich der Empfehlung gefolgt.

Der handlungsarme Roman besteht aus zwei Typen von Kapiteln: indirekt wiedergegebenen dialogischen Szenen, in denen die unglücklich verlassene Hauptperson sich in Gesprächen jeweils mit ihrer Ex-Geliebten, der besten Freundin, Mutter, Vater und ihrem Arzt austauscht, sowie insgesamt 12 »Monologer fra en Søhest«, in denen Teile ihres Körpers, vom Ohr über das Zwerchfell bis hin zum Knie zu Wort kommen. Während die Dialoge also gewissermaßen den Austausch mit anderen abbilden, kommunikativ orientiert sind, stellen die Monologe eine Innenschau der Erinnerungen und Emotionen sowie ihren imaginierten Sitz im Körper dar. Wenn auch dieser Wechsel prinzipiell eine gute Idee ist (und einige der Monologe wie z.B. die sinnlichen Erinnerungen des Mundes und der Nase sehr gelungene poetische Passagen bieten), liegt die ganz besondere Qualität dieses Buches in den Dialogszenen. Die sprachliche Präzision dieser jeweils nur ein paar Seiten langen Sequenzen schafft eine Balance von einfühlsamer Wiedererkennbarkeit und distanzierendem Witz. Dabei sind es nicht nur die treffenden Dialoge, die diese Wirkung ausmachen, sondern vor allem die indirekte Referatsform des »min mor siger«, die eine humoristische Distanz entstehen lässt. Der erstaunliche Effekt dieser Erzählform ist, dass schlagfertige Wortwechsel, Streitgespräche des Aneinander-Vorbei-Redens, absurde, ja fast absurdistische Dialoge einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit und Sympathie hervorbringen.

Der Inhalt des auf diese Weise unterhaltsam und flott Erzählten ist dann fast schon gar nicht mehr so wichtig: Es ist die Verarbeitung einer gescheiterten Beziehung, manch eine Alkohol-Nacht, Desinteresse am Studienabschluss, die analytisch-konstruktiven Ratschläge der Schulfreundin, das Verhältnis zu den Eltern, die ständigen Besserwissereien der Mutter (in der wohl viele Leser die eigene Mutter wiedererkennen, selbst wenn diese nicht Immobilienmaklerin ist) und das Verständnis des Vaters, der Pastor und wieder verheiratet ist und bei dem die Protagonistin nach dem Ende ihrer Beziehung lebt. All das ist Allerweltsstoff und eigentlich nicht weiter bemerkenswert, genauso wenig wie die Tatsache, dass sich am Ende eine neue Beziehung einstellt. Interessant ist aber, dass es wegen dieses wenig bemerkenswerten Sujets auch gar nicht von Belang erscheint, dass es sich um eine lesbische Beziehung handelt – damit wird ein Status der Normalität erreicht, der mögliche heteronormative Forderungen stillschweigend unterläuft. Dasselbe gilt für den in vierte Ehe verheirateten Pastor-Vater, der sicher auch nicht allen Erwartungen gerecht wird. Lauter nette Menschen eigentlich, auch wenn sie streiten, sich trennen und sich manchmal missverstehen. Im Grund wird dieser kurze Roman von Optimismus und dem Glauben an Kommunikation getragen, wie es in sympathisch-erheiternder Weise das schöne Kapitel über Liebeserklärungen in vielen Sprachen deutlich macht: »Mulle og jeg diskuterer hvilket sprog der egner sig bedst til kærlighedserklæringer. Albansk, siger min mors mand, te dua« und schlägt im Folgenden das kambodschanische ›soro lahn nhee ah‹, das libanesische ›bahibak‹ oder das gälische ›ta gra agam ort‹ vor, während er den Ausguss repariert.

»En halv kasse øl senere er vi nået til mandarin-kinesisk. Wo ai ni, siger min mors mand. Det lyder for meget som en børneremse, siger jeg. Mulle mener at det var en af de øvelser vi havde i læsebogen tilbage i folkeskolen, da vi skulle lære vokalerne. Vi sidder tavse lidt. Negligevapse, råber min mors mand pludselig, negligevapse. Det lyder dejligt og afslappet, siger Mulle, nærmest lykkeligt. Fem stavelser, tre slags vokaler, ni forskellige bogstaver, gode muligheder for anagrammer, siger jeg.«

Einen halben Kasten Bier später sind wir bei Mandarin-Chinesisch angekommen. Wo ai ni, sagt der Mann meiner Mutter. Das klingt zu sehr wie ein Kinderreim, sage ich. Mulle meint, dass das eine der Übungen aus dem Lesebuch in der Volksschule war, als wir die Vokale lernen sollten. Negligevapse, ruft der Mann meiner Mutter plötzlich, negligevapse. Das klingt gut und entspannt, sagt Mulle, fast glücklich. Fünf Silben, drei Arten von Vokalen, neun verschiedene Buchstaben, gute Möglichkeiten für Anagramme, sage ich.

Was soll man diesem Wort noch hinzufügen? So buchstabiert man Liebe, und mit diesem Wort, das (wie Mulle sagt) über alle Machtstrukturen erhaben ist, wendet sich die Erzählerin am nächsten Morgen an die neue Partnerin: »Negligevapse, hvisker jeg i dit øre næste morgen.« Es kommt eben nicht so sehr darauf an, was man sagt (oder schreibt), sondern wie man es sagt (oder schreibt).

Das gilt auch für dieses Buch: ein unterhaltsamer, leichter, sprachlich präziser und formal interessanter Debütroman!

Stine Pilgaard: Min mor siger. Samleren, 2012.
(Annegret Heitmann, München,  März 2012)

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Amanda Svensson: Hey Dolly

Anders lesen: Amanda Svenssons Pubertätsroman Hey Dolly (2008)

Als Dolly gefragt wird, mit welchem Lebensmittel sie sich am ehesten identifizieren könne, antwortet sie ohne Zögern: „En prinsesstårta. Jag skulle garanterat vara en prinsesstårta.“ Mit dieser Antwort sagt Dolly eigentlich alles: Die Torte mit ihrer vollen, runden Form, kalorienreich mit Sahne gefüllt und überzogen mit einer dicken Schicht süßen, schweren Marzipans soll Luxus, Überfluss und Ausnahme signifizieren; nach all dem sehnt sich Dolly: nach Glamour und Celebrity, Rausch und Ekstase. Und doch handelt es sich in beiden Fällen um ein Massenprodukt, ein Gebäck vom Fließband einer Konditoreifabrik und das Leben einer 19-Jährigen in Malmö.

In kurzen und ultrakurzen Abschnitten – vielleicht sind es Eintragungen in ein blog – erzählt Dolly ihre Geschichte: Sie ist schmutzig, voller Obszönität und Vulgarität. Für ihren Freund Mårten und seine Zufriedenheit mit einem Nullachtfünfzehn-Leben hat Dolly nur Verachtung übrig: Das Leben bietet ihm schon genug Befriedigung, wenn er nur Sex bekommt und den Nachmittag mit web-cam-Bildern aus dem Berliner Zoo vertrödeln kann. Ihm fehlt das Bewusstsein, dass ihm etwas fehlt. Als Dolly ihn „mit einem herrlichen Schwanz“ betrügt, beendet er die Beziehung. Als dann auch noch die labilen Freundinnen Emma und Katrin entweder in Alkoholismus oder Selbstmordversuchen vor die Hunde gehen, bricht auch bei der ach so coolen Dolly die ständig latente existentielle Krise aus. Zur Rettung kommt Marvin, ein alter Freund, 30 Jahre, abgebrochenes Psychologiestudium. Die von ihm aufgestellte Therapie umfasst folgendes Programm: Auf eine Kunstausstellung gehen, jemandem die Unschuld nehmen, etwas Schönes und Erbauliches für eine wahlfreie durchgeknallte Freundin tun, einen ganzen Tag seichten Pop hören, bis zum Erbrechen rauchen, sich einer lebensgefährlichen Situation aussetzen, einen wahlfreien ethnischen Konflikt analysieren, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, ein Manifest schreiben und sich jeden Tag einem anregenden Gedankenspiel widmen. Und tatsächlich: In ihrem letzten Eintrag scheint Dolly wieder unter den Lebenden zu sein. Das Buch (oder das blog) endet in einem Weihnachtsgottesdienst mit den Worten: „Det är inte det att det inte är ett vackert liv. / Sartre och Mårten och alla andra depprövar kan go fuck themselves. Det finns ett ljus som aldrig brinner ut. En liten metallicficklampa i bröstet på varenda människa.“

* * *

Wäre Hey Dolly das Debut einer deutschen Autorin, würde es unter dem Label Popliteratur firmieren. Amanda Svensson baut ihre Figur aus Elementen der Popkultur zusammen: Dolly feiert die Künstlichkeit der Konsumwelt, zelebriert die Oberfläche, sie inszeniert sich als Echoraum des Populären in der Hoffnung, dass bereits das Nebeneinander, das Arrangieren von Bekanntem und Hundertmal-Gehörtem Sinn erzeugt – oder doch zumindest zu einer Attitüde von Sinn gerinnt. „Pop heißt Re-make und Re-model, heißt Zitat und Reproduktion, heißt Künstlichkeit und Übertreibung“, schreiben Kerstin Gleba und Eckhard Schumacher in ihrer Anthologie Pop seit 1964; und weiter: „Remix, Sampling, die Verarbeitung von vorgefundenem Material sind wichtiger als der originelle Einfall: das aufzuschreiben, was jetzt, in diesem Moment, passiert, ist wichtiger als die Haltbarkeit des Textes.“

Genau so muss man Hey Dolly lesen – als ein Surfen an der Oberfläche des Populären. Die Überschrift des ersten Kaptitels (oder des ersten blogg-Eintrags) führt dies mustergültig vor: „Will the real Dolly please stand up?“ Zitiert wird mit dieser Frage zunächst der amerikanische Rapper Eminem, der im Jahr 2000 einen HipHop Song mit dem Titel The Real Slim Shady herausbrachte, in dem die Zeile „Will the real Slim Shady please stand up?“ immer wieder wiederholt wird. Wie Dolly verstößt auch Eminem gegen jede political correctness und wie der Roman scheut auch das Video das Vulgäre nicht.

Mit der HipHop-Zeile zitiert Dolly aber einen Satz, der selbst bereits ein Zitat ist. Eminem übernimmt ihn aus der Episode „Will the Real Martian Please Stand Up?“ der amerikanischen Fernsehserie The Twilight Zone, die erstmals 1961 ausgestrahlt wurde, in der ein Überlandbus aufgrund starken Schneefalls im amerikanischen Nirgendwo zu einem Halt an einer Raststätte gezwungen ist. Schnell stellt sich heraus, dass einer der Passagiere ein getarnter Marsianer sein muss – doch das Geheimnis, wer der Mitreisenden es denn tatsächlich ist, wird erst am Ende gelüftet. Eingepasst in den Kontext von Hey Dolly wird das Zitat zu einem Hinweis auf Dollys Entfremdung. Wie der Marsianer passt sie nicht in Welt der Menschen.

Doch selbst mit diesem Bezug kommt die Kapitelüberschrift „Will the real Dolly please stand up?“ nicht an das Ende der Zitatkette. Denn The Twilight Zone hat den Episodentitel wiederum aus einer Spielshow übernommen. In To Tell the Truth (seit 1956 im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt) geben sich drei Kandidaten für dieselbe Person aus – etwa für John Smith; jeder versucht die Jury davon zu überzeugen, dass er das Original ist. Am Ende der Sendung bittet der Showmaster: „Will the real John Smith please stand up?“.

Allein die erste Kapitelüberschrift breitet also einen Zitatteppich aus, der das Sampeln, den Remix, das Zitieren von schon Zitiertem als wichtigste Strategie von Amanda Svenssons Roman offenlegt. Wer sich auf die Suche nach dem Ursprung eines Zitats macht, wird nur an ein weiteres Zitat verwiesen, wer nach metaphorischer Tiefe sucht, die zu einem Verständnis von Dollys Existenz führt, wird enttäuscht. Nein, Hey Dolly fordert ein anderes Lesen: eine metonymische Bewegung von einem Element zum nächsten, als eine Folge von Elementen, die nicht durch Ähnlichkeit des Wesens motiviert sind, sondern wie in dem Muster eines Teppichs von einem Ornament zum nächsten führt. Dolly ist ein Produkt der Unterhaltungsindustrie; nicht umsonst heißt sie nach einer ebenso künstlich produzierten „silikongefüllten Countrydiva“, die auch schon Namensgeberin für das Klonschaf Dolly wurde, dem einzigen überlebenden von 29 identischen Embrionen. Der Name selbst indiziert also Serialität und Künstlichkeit.

* * *

Wie liest sich auf der Basis dieser popkulturellen Einbettung das Happy End? Erlebt Dolly eine existentielle Krise, die sie zwingt, der Konsumwelt den Rücken zuzukehren, um dann in die Wirklichkeit und in ein authentisches Leben aufzubrechen? Sie selbst bietet an einer frühen Stelle ein solches Deutungsmuster an, wenn sie betont, dass sie das, was ihr gerade passiert als Wendepunkt erlebt: „Jag känner mej pånyttfödd. En katharsis“! Doch später, als wiederum ihre Freundin aus ihrem verkorksten Leben ausbricht, markiert Dolly das Modell der reinigenden Umkehr als unwirklich; es funktioniere nur in Romanen: „Hade jag läst det här [= der Aufbruch der Freundin in ein neues Leben] i en bok hade jag krävt en forklaring. Nåt slags katharsis. Men Emma fungerar inte så.“ Die Katharsis ist eine erzählerische Strategie, eine Logik, die man für Fiktionen akzeptiert, aber nicht etwa für das „wahre“ Leben.

Als sich Dolly neu verliebt, deutet sie an, dass sie nach der Logik des Populären nun über ihre Krise hinweggekommen sein müsste – „Om det här nu hade varit en fånig svensk ungdomsfilm om en tonårstjej med identitetsproblem, då hade de där problemen varit lösta nu.“ – was sie natürlich weit von sich weist. Doch passiert in Hey Dolly wirklich etwas anderes? Stößt uns Amanda Svensson mit der eben zitierten Stelle nicht vielmehr mit der Nase darauf, dass auch Dollys Lösungsweg – durch eine Reihe von absurden Aufgaben den Kontakt zum wahren Leben zu finden – ein Klischee ist, das wir alle schon hunderte Male im Vorabendprogramm, in soap operas und schlechten Jugendbüchern gesehen, gelesen, gehört haben? Aus dem Klon Dolly wird kein Individuum durch die Wiederholung eines Ritus, der ebenfalls populärkulturell codiert ist. Und so ist auch ihr letzter Satz, der ihre Rückkehr unter den Lebenden beweisen soll, – „Det finns ett ljus som aldrig brinner ut. En liten metallicficklampa i bröstet på varenda människa.“ – doch nur wieder ein Zitat. The Smiths wusste schon 1986: „There is a light that never goes out.“

Amanda Svensson: Hey Dolly. Norstedts, 2008.
(Joachim Schiedermair, Greifswald, Februar 2012)

P. S. Die schwedische Presse hat Hey Dolly durchgängig als einen Text gelesen, in dem die Generation der jetzt Zwanzig-Jährigen authentisch dargestellt wird, so dass Dolly ein positives Modell für junge LeserInnen darstellen könne; Svenska Dagbladet etwa hält Dolly für „en helt vanlig tonåring“, Hälsingborgs Dagblad spricht von einem „generationsroman“, der von „typiska tjugonånting problem“ handelt und Västerbottens-Kuriren unterstreicht „de generationsbetingade inslagen“. Nimmt man jedoch die Ironie wahr, die Dollys Krisenmanagement trägt, läge das Authentische des Buches nur in dem Nachweis völliger Authentizitätslosigkeit der Generation, der Dolly – und Amanda Svensson – angehören.

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