Nicht-nivellierte Vororte. Måns Wadensjö: Människor i Solna (2016)

manniskorisolnaWer mit Ende Zwanzig autobiographische Aufzeichnungen verfasst, hat mit zu gleichen Teilen skeptischen wie erwartungsvollen Reaktionen zu rechnen. Der Autor und Journalist Måns Wadensjö (geb. 1988) verknüpft in seinen beiden Vorstadtromanen von 2011 und 2016 autobiographische Episoden mit der historisch-atmosphärischen Aufarbeitung zweier Stockholmer Vororte, die aus seiner Perspektive für die alltäglichen Wahrnehmungen der Städter und für die soziale Interaktion einstehen. Die Sichtbarmachung von Vällingby im Roman ABC-staden (Die ABC-Stadt) und jetzt von Solna in Människor i Solna (Menschen in Solna) bezieht sich einerseits auf die eher unscheinbare Peripherie, deren heutiger intensiver Austausch mit der innerstädtischen Zirkulation den Status eines Außerhalb inzwischen aufgehoben hat. Andererseits wird auch ein Debütant sichtbar, geht es doch auch um die Selbstermächtigung zur Autorschaft kraft der Stockholmer Stadt(teil)geschichte.

Die wechselseitige Erhellung von Autobiographie und Geschichte der Suburbia scheint insgesamt bisher von Erfolg gekrönt. Wadensjö erhielt wohlwollendes Feedback auf seine Vällingby-Erkundung, während die Reaktionen auf seine Kindheitsschilderung mit Solna-Bezug etwas reservierter ausfielen. Fast könnte man meinen, dass sich der Topos vom schwächeren zweiten Werk nach dem erfolgreichen Durchbruch bewahrheitet hätte. Möglicherweise hängen die Vorbehalte mit dem gewählten Verfahren einer doppelten Authentizitätsvergewisserung zusammen, die den Band auf 474 Seiten haben anschwellen lassen. Dabei werden alternierend mit den autobiographischen Episoden fingierte Interview-Äußerungen von Solna-Bewohnern präsentiert, die unterschiedlichen Generationen und sozialen Schichten angehören. Nur so kann das soziale Spektrum weiter aufgefächert werden, um der beschworenen urbanen Vielfalt das Gewicht gelebter Erfahrung zu verleihen. Auch die historischen Exkurse eines wie aus der Zeit gefallenen Lehrers namens Magister Karlsson, der mit Vorliebe bis zur schwedischen Landhebung und in die Eiszeit ausholt, dienen der Annexion von Geschichte, ebenso die Philosophievorträge des Schachlehrers Backlund, die humoristisch als nicht altersgemäß für die jugendlichen Spieler entlarvt werden. Ihre Berichte überschreiten ostentativ den temporären Horizont der Gegenwart und scheinen damit die populäre Unterstellung, dass sich Vororte durch Geschichtslosigkeit auszeichneten, zu dementieren.

Ein weiteres wirkungsvolles und ästhetisch überzeugenderes Verfahren besteht in der Wiederverwendung bewährter, teilweise dezidiert modernistischer städtischer Darstellungsmuster: Dazu gehören das Spielbrett, das Kreuzworträtsel mit seinen Planquadraten und den sich ineinander schreibenden Wörtern, aber auch die Kästchen von Formularen, die ein Netz bilden, als der Vater des Ich-Erzählers seine Unterlagen für die Steuererklärung auf dem Fußboden ausbreitet. Als der kleine Junge Måns eines Tages das Arbeitszimmer des Vaters betritt, findet er eine eigenartige, geometrische Elemente variierende Stadt-Collage vor, die ihn zunächst an ein Formular erinnert:

„Golvet var klätt i brunt papper, väggarna i plast och däremellan löpte långa bitar av svart tejp. Ljuset föll kallt och klart, starkare än från taklampan, in genom fönstret, och över hela det bruna pappersgolvet och en del av plastväggarna bredde ett oändligt, oförutsägbart mönster med tusen olika färger ut sig i arabesker, blixtlinjer och plötsliga gytter. Först trodde jag att det var deklarationen, som hade flyttat in hit och börjat färglägga, men det var bara medan jag var så upptagen av att stå och stirra på golvet. Det dröjde en stund innan jag riktade blicken uppåt och såg det som fanns fasttejpat på väggarna: Överallt runtomkring mig bredde andra rum, som liknade det här men ändå var någonting helt annat, ut sig i korridorer, hallar och stora salar. I vissa av dem var väggarna klädda av randiga tapeter, i andra var de blanka och vita, i vissa stod det möbler som såg ut att vänta att någon skulle komma och slå sig ned på dem medan åter andra rum var tomma och kala som om ingen någonsin hade varit där.” (S. 106)
(Der Fußboden war mit braunem Papier verkleidet, und die Wände mit Plastikfolie, dazwischen verliefen lange Streifen aus schwarzem Klebeband. Das Licht fiel kalt und gleißend durch das Fenster herein, heller als von der Deckenlampe, und über den gesamten Papierboden und einen Teil der Plastikwände breitete sich ein unendliches, unvorhersehbares Muster aus, in tausend verschiedenen Farben, in Arabesken, Blitzlinien und plötzlichen Verdichtungen. Erst glaubte ich, dass es die Steuererklärung sei, die hier Einzug erhalten und alles eingefärbt hätte, aber das lag nur daran, dass ich mich völlig vom Muster des Fußbodens hatte fesseln lassen. Es dauerte eine Weile, bis ich den Blick nach oben richtete und entdeckte, was an den Wänden festgeklebt war: Überall eröffneten sich neue Räume, die dem vorhandenen hier ähnelten, aber doch etwas ganz anderes waren und sie erweiterten sich zu Korridoren, Fluren und großen Sälen. Einige von ihnen waren mit gestreiften Tapeten versehen, in anderen waren die Wände leer und weiß, in wieder anderen standen Möbel so, als warteten sie darauf, dass jemand sich hinsetzte, während andere Räume kahl und leer waren, als ob nie jemand dort gewesen wäre.)

Die dreidimensionale Papierarbeit und die vorstädtische Architektur bieten sich in einer Verschmelzung dar, die eröffnend wie eine Heterotopie wirkt. In dem ambivalenten Verhältnis von Leere, Transparenz oder Räumlichkeiten, deren Bedeutungsaufladung noch unklar ist, kommt das ästhetische Potential der Vorortlandschaft zum Ausdruck, in einer mehrdeutigen Papier-Architektur, die wegen der genannten Steuerformulare auch auf die bürokratischen Schattenseiten oder die berüchtigte soziale Ingenieurskunst in der sog. Bevormundungsgesellschaft anspielt. Der Ich-Erzähler metaphorisiert Räume des Wohnens und des Lebens, zugleich werden die geometrischen Wandausschmückungen an öffentlichen Bauten (muralmåleri) zitiert, die für die Gestaltung von Gebäudekomplexen aus den 1950er und 1960er Jahren typisch sind. Der künstlerische Entwurf des Vaters repräsentiert utopische Offenheit und Fortschrittsoptimismus – gemessen am Handlungszeitpunkt eigentlich auf eine erstaunlich anachronistische Weise, die möglicherweise gerade als generationsspezifisch herausgearbeitet werden soll.

Der Debütroman ABC-staden widmete sich den formative years des jungen Mannes, der nach Vällingby gezogen war, um dort zu jobben und zu schreiben. Der zentrale Aspekt besteht in der Wahrnehmungsschule der Suburbia, das heißt der Entwicklung von sprachlichen und ästhetischen Sensorien. Dies ist insofern ein dankbares Thema, als Vällingby (1954 eingeweiht) ein stadtplanerisches Museumsobjekt und einen offiziellen Erinnerungsort darstellt. Die ABC-Formel steht symbolisch für die Anfänge des dichterischen Werdegangs und die wechselseitige Bedeutungsaufladung von Stadtteil und Ich-Erzähler während des Schreibprozesses. Stadthistorisch steht die Abkürzung für ARBETE, BOSTAD, CENTRUM, womit die Eigenständigkeit Vällingbys hervorgehoben werden sollte: Dieses stadtplanerische Konzept sollte Arbeitsplätze, Wohnraum, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten sowie soziale Institutionen bereitstellen und das negative Image eines langweiligen Pendler-Refugiums widerlegen. Während also der Protagonist sein Debüt in der selbstbewussten Satellitenstadt verortet, begibt er sich in Människor i Solna in seine frühe Kindheit zurück. Indem er sich weiter in die Vergangenheit zurückversetzt, scheint die atmosphärische Intensität diesmal noch mehr über die zeitliche Nostalgie als über die stimmungsmäßige Aufladung des Ortes selbst angestrebt. Die als umständlich dargebotene, verlangsamte Wahrnehmung aus Kinderperspektive sorgt dabei für einige Redundanzen.

Die markanten Unterschiede zwischen den beiden Romanen sind darüber hinaus im Erscheinungsbild der beiden dargestellten Vororte begründet: Im Gegensatz zur emblematischen Inszenierung von Vällingby, die sich in der Stadtgeschichte bereits über mehrere Jahrzehnte tradiert hat, stellt Solna topographisch nämlich ein umfassenderes und äußerst heterogenes Areal dar. Dies erklärt sich dadurch, dass das Gebiet sowohl durch Eingemeindungen entstand als auch neu konzipiert und bebaut wurde. Auf eine erste Vorstadtphase in den 1940ern und 1950ern folgte der soziale Wohnungsbau in den 1960er und 1970er Jahren (das sog. Millionenprogramm) – daraus entwickelte sich eine Konglomeratkommune, die 1943 Stadtrecht erhielt. Es handelt sich um einen Stadtteil mit vielen lauten Durchgangsstraßen, Zugtrassen, Asphaltwegen für Radfahrer und Fußgänger, Unterführungen, Laternenreihen – und Inseln älterer Bebauung, niedrigen Mehrfamilienhäusern oder Grünflächen.

Dass der große und der kleine Maßstab in der gebauten Welt nebeneinander existieren, kann sich der Roman bei der Darstellung der frühen Sozialisation des Protagonisten zu Nutze machen. Aus dieser kindlichen Perspektive gibt es sogar einen eigenen Wald, ein Niemandsland und eine Badebucht, wie die luftige spielbrettartige Karte von Solna auf der Innenseite des Einbandes unterstreicht. Dennoch dominieren die Einflüsse der Institutionen, die sowohl Territorien als auch Lebensphasen klar voneinander abgrenzen: So ist beispielsweise die Grundschule biographisch, räumlich und symbolisch markant vom Kindergarten abgerückt, weshalb die temporäre Nutzung von Räumen des Kindergartens durch die Schüler als deren soziale Degradierung erlebt wird. Jede Lebensphase bietet somit bestimmte soziale Identifikationsangebote, die sich stets auch räumlich manifestieren. Eine Heterotopie, die auf die widerspruchsvolle Pubertät vorausweist, ist das Einkaufszentrum Solna Centrum, das vom Protagonisten Måns Wadensjö in den 1990er Jahren noch als spektakulär wahrgenommen wird. Hier wird das ‚Herumhängen‘ geübt, obwohl die Jungen keine klare Vorstellung haben, was dies eigentlich genau bedeuten soll. Mit der leitmotivischen Thematisierung des Altersheimes wird der standardisierte Volksheim-Lebenslauf einer längst vergangenen Ära heraufbeschworen, was den Ich-Erzähler zu einem verspäteten Nostalgiker der Enkelgeneration werden lässt: Sich von der Wiege bis zur Bahre in staatliche Obhut zu begeben, gehört mittlerweile zu den überholten Stereotypen schwedischer Lebensführung.

Die soziale Dimension des Romans scheint weniger politisch geprägt, als Håkan Forsell, Professor für Stadtgeschichte an Stockholms Universität, behauptet. In seinem Artikel über die neuesten literarischen Erkundungen der Peripherie („Älskade tristress – litteraturen vågar sig utanför tullarna“, Svenska Dagbladet, 14.8.2016) bezeichnet er die Verschärfung der sozialen Distinktionen durch kommunale Privatisierungen und einen deregulierten ‚Finanzurbanismus‘ als Schlüsselmerkmale der 1980er und 1990er Jahre und meint, eine entsprechende pointierte Kritik bei Wadensjö ausmachen zu können. Dabei lässt sich der Forscher vermutlich weniger vom Roman als vom aktuellen Erscheinungsbild der Großbaustelle Solna leiten. Für ihn treten im Roman die Nostalgie und der Realismus des Wiedererkennens in den Hintergrund, während Wadensjös Solna zum Exempel für sämtliche Vororte im Post-Wohlfahrtsstaat-Schweden wird. Diese Gemeinsamkeiten in der literarischen Profilierung von Vororten und Vorstädten kristallisieren sich jedoch auch deshalb immer deutlicher heraus, weil die Texte zur Suburbia mittlerweile einen eigenen Kanon ausgebildet haben.

Nicht zuletzt ist Forsells Einschätzung, dass die Darstellung des kollektiven Stadtalltags in Människor i Solna immer anonymer werde, zu widersprechen: Die Interview-Anteile nehmen im Verlauf der Handlung größeren Raum ein, so dass sich parallel zum individuellen Erinnerungsstrang sogar mehrere parallele Handlungsstränge und wiederkehrende Nebenfiguren konstituieren. Bei Wadensjö wird der guten Nachbarschaft und der lokalen Gemeinschaft gehuldigt (vgl. S. 474) – und dies nicht selten mit dem Gestus einer antizipierten Nostalgie. Erhalten die stadtsoziologische, dokumentarische Untersuchung dabei viel Gewicht, ist dies kein Indiz dafür, dass die Autobiographie aus dem Blick geriete. Vielmehr ist festzustellen, dass eine Variante des Kollektivromans geschaffen wird, um ‚Stadt als soziale Größe‘ herauszuarbeiten. In einem Vorort scheint das urbane Kollektiv eben immer noch ein wenig überschaubarer als in der City, und sei es auch im großen Solna.

Måns Wadensjö: Människor i Solna, Stockholm: Bonniers, 2016.
(Antje Wischmann, Uppsala)

Dieser Beitrag wurde in Schweden veröffentlicht und getaggt , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Sowohl Kommentare als auch Trackbacks sind geschlossen.
  • Archiv