Ingrid Storholmen: Tsjernobylfortellinger

Wenn Vanitas zur Routine wird

1998 hat Aris Fioretos seine vielbeachteten Vanitasrutinerna herausgegeben. Der Umschlagtext beschreibt die Kurzprosa passend als „metafysisk slapstick“ („metaphysischen Slapstick“), der Galgenhumor sei „livets enda förmildrande omständighet“ („der einziger mildernde Umstand des Lebens“). Auch im Fall von Ingrid Storholmens Tsjernobylfortellinger ist man an das barocke Motiv des memento mori erinnert, doch müssen ihre Erzählungen ganz ohne (er)lösenden Humor auskommen: Die rund 130 Seiten reihen eine Vielzahl von Schicksalen, Stimmen und Situationen in kleinen Prosabruchstücken aneinander, die die unmittelbaren und langfristigen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 für die Menschen zeigen, die in und um die kontaminierte Zone leben bzw. lebten: Tschernobyl als Zeitenwende, die das Leben mit einem Mal in zwei Teile – vor und nach dem Unglück – zerreißt, aber auch als Gift, das in die alltäglichsten Gedanken und Handlungen einsickert: „Tsjernobyl er en katastrofe som bare så vidt har begynt“ (S. 139 – „Tschernobyl ist eine Katastrophe die gerade erst begonnen hat“). Bei Storholmen findet man echte Vanitas-Routinen: Wie richtet man sich in einem Ausschnitt der Welt ein, in dem es keine, oder doch auf jeden Fall kaum Hoffnung gibt, in einer Welt, in der die früheren Zeichen der Hoffnung zu Zeichen der Angst werden? „Mannen min plantet et tre for hvert barn vi fikk. […] Vi kjente det som om vi gjorde noe viktig. / Da gutten vår døde rett før han ble åtte, visnet bjørka hans ned samme vinter, om våren var den helt tørr, og mannen min fjernet den, da så jeg at han gråt. Nå tør vi knapt å se på de tre andre bjørkene som er plantet rundt huset“ (S. 68 – „Mein Mann pflanzte einen Baum für jedes Kind, das wir bekamen. […] Es fühlte sich an, wie wenn wir etwas wichtiges taten. / Als unser Junge, kurz bevor er acht wurde, starb, ging seine Birke im gleichen Winter ein, im Frühling war sie ganz verdorrt, und mein Mann entfernte sie, da sah ich, dass er weinte. Jetzt wagen wir kaum die drei anderen Birken anzusehen, die um das Haus herum gepflanzt sind“).

Der entscheidende Unterschied zwischen Fioretos’ und Storholmens Vanitas-Routinen liegt in der Distanz, die die erzählende Stimme und das lesende Auge zu dem Erzählten einnimmt. Und dieser Unterschied verleiht beiden Büchern einen völlig entgegengesetzten, aber nichts desto weniger existentiellen Ernst: Fioretos Stimmen sind Teil einer absurden Welt, in der es egal ist, wie man sich in ihr verhält; der Horizont von Storholmens Fragmenten dagegen ist eine Welt, in der alles auf das Handeln ankommt: Für diejenigen, von denen sie erzählt, gibt es keine Hoffnung mehr. Doch der Leser gehört nicht zu ihnen, er erschaudert darüber, dass er dazugehören könnte. Und so werden die fiktiven (aber doch so wahrscheinlichen) Schicksale zu einem memento mori, die Erzählungen zu engagierter Literatur, die im Idealfall zu politischer Aktion treibt.

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Dass Ingrid Storholmen Lyrikerin ist, spürt man allenthalben. So sind die einzelnen Texte keiner narrativen Logik unterworfen, es ergeben sich keine Handlungsverläufe, vielmehr aktualisiert Storholmen das „telle“, das „Zählen“ im Wort „Fortelling/Erzählung“; Reihung und Kombinatorik sind das ästhetische Ordnungsprinzip, das Assoziationen weckt und auf Ähnlichkeiten aufmerksam macht. So ist eine der sieben Abschnitte folgendermaßen überschrieben: „Ordet sone er blitt like vanlig som ‚skog’ eller ‚elv’“ (S. 82 – „Das Wort Zone ist genauso normal geworden, wie ‚Wald’ oder ‚Fluß’“). Der Satz spricht aus, dass Tschernobyl in die Sprache hineingewirkt hat, dass das Unglück definiert, was „vanlig/gewöhnlich/normal“ ist. Doch der Satz zeigt, dass das Gewöhnliche seinen Status als neutrale (und damit unsichtbare) Grundlage des Lebens verloren hat. Denn das norwegische „sone“ kann auch mit dem Verb „sühnen/büßen“ übersetzt werden. Man büßt den Traum von einer nie versiegenden Energiequelle damit, dass man den Wald, die Flüsse, die Natur nicht mehr betreten kann: „Mutasjonsfrekvensen hos furutrærne i området har vært på opptil 80 prosent“ (S. 140 – „Die Mutationsfrequenz bei den Kiefern der Gegend war bis zu 80 Prozent“).

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In einem Abschnitt ist die Rede von einer Blumenverkäuferin, die die angelieferten Schnittblumen aus den Kartons nimmt und ins Schaufenster stellt. Dabei entdeckt sie ein außergewöhnliches Exemplar, das sich durch seine Farbe und eine Überzahl an Blütenblättern auszeichnet; es erscheint ihr so schön, „denne vil noen male, skrive dikt om“ (S. 93 – „jemand wird es malen, Gedichte darüber schreiben“), denkt sie. Doch als die Chefin die Blume sieht, nimmt sie sie aus der Vase, „river i bladene, river av roten som triller ned på gulvet, tråkker på den. Vakker? Jeg skal gi deg vakker. Dette er djevelens verk, Tsjernobyls, den er et misfoster. Alt fra Tsjernobyl må bort, slipper vi det løs, vinner det, din tosk, skjønner du ingenting, det kommer ikke noe vakkert ut av ulykken“ (S. 94 – „reißt an den Blättern, reißt die Wurzel ab, die auf den Boden fällt, tritt darauf herum. Schön? Dir geb’ ich schön. Dies ist das Werk des Teufels, Tschernobyls, es ist eine Missgeburt. Alles aus Tschernobyl muss weg, lassen wir es frei, gewinnt es, Du Depp, verstehst du gar nichts, aus dem Unglück kommt nichts Schönes“).

Storholmen schreibt hier von dem ethischen Dilemma, in dem sie steckte, als sie an Tsjernobylfortellinger arbeitete. Darf man ästhetisches Kapital aus dem Leiden anderer ziehen? Darf man mit künstlerischen Strategien die Aufmerksamkeit von den Opfern auf den Text ziehen, von der message auf das medium? Sollte man auch voller Empörung „rive i bladene“ („an den Blättern reißen“), wenn man ihr Buch in Händen hält? Wenn die Blumenhändlerin sagt „det kommer ikke noe vakkert ut av ulykken“ („aus dem Unglück kommt nichts Schönes“), dann meint sie wohl eher, dass aus dem Unglück nichts Schönes hervorkommen darf. Es handelt sich also um ein ethisches Postulat; ihr Satz gibt keine Wirklichkeit wieder, sondern stellt eine Forderung, die befolgt werden will.

Tatsächlich hat Storholmen das fertige Buch lange nicht veröffentlicht. 2002 reiste sie zwei Monate in der verbotenen Zone und den kontaminierten Regionen in der Ukraine und Weißrussland herum, besuchte die Orte des Unglücks, sprach mit Zeugen und Opfern und schrieb die Texte, die heute Tsjernobylfortellinger ausmachen. Veröffentlichen wollte sie die entstandenen Texte mit Rücksicht auf die Betroffenen jedoch nicht, um nicht die Sensationslust zu bedienen. Als jedoch Ende der 2000er Jahre ernsthaft diskutiert wurde, dass der Einsatz von Atomkraft ein sinnvoller Weg sei, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, sah sich Storholmen mit einer weiteren ethischen Forderung konfrontiert. Ihr Schweigen hätte sie mitschuldig an weiteren Atomkatastrophen gemacht. Dass das Buch 2009 publiziert wurde, ist damit das Ergebnis eines ethischen Dilemmas, das die Texte selbst thematisieren.

Heute – nach der Katastrophe von Fukushima – tritt die Geschichte der Tsjernobylfortellinger in eine dritte Phase ein. Das Buch, das bei seinem Veröffentlichung in Norwegen noch im selben Jahr in drei Auflagen erschien, wird nun – in Reaktion auf Fukushima – in zahlreiche andere Sprachen übersetzt. Die Zeugin einer vergangenen Katastrophe hat sich als Künderin einer neuen herausgestellt.

Ingrid Storholmen: Tsjernobylfortellinger. Aschehoug, 2009.
(Joachim Schiedermair, Greifswald, Juni 2012)

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