Helle Helle: Dette burde skrives i nutid

Helle Helle: Dette burde skrives i nutid (2011)

Helle Helles fünfter Roman hat einhelliges Kritikerlob erfahren. Man feiert sie – nicht zu Unrecht – als eine der wichtigsten dänischen Gegenwartsautorinnen und schlägt das Buch spontan für den Literaturpreis des Nordischen Rates vor. Seit ihrem Novellendebüt im Jahre 1993 gilt sie als Minimalistin, als Meisterin der Ver-kürzung und als Darstellerin der dänischen Provinz. Doch die begeisterte Nina Goul schreibt in Weekendavisen:

»Helle Helles nye og usædvanlig kostbare roman Dette burde skrives i nutid […] overvælder mig på en så voldsom måde, at alle overordnede Helle Helleske overskrifter som minimalisme, provins-litteratur eller den påståede mangel på handling, gøres ganske overflødige.«

Aber die entscheidende Frage stellt Lasse Horne Kjældgaard in seiner Rezension in Politiken:

»Hvordan kan det egentlig være, at man læser Helle Helles bøger om ensomme, søvnløse kvinders tilsyneladende uspændende liv i søvnige stationsbyer med en besættelse, som var det effektfulde spændingsromaner?

For det gør man, man suges ind i dem og vender sultent og dvælende hver side – på trods af deres sparsomme brug af plot som pirringsmiddel.«

Dieses paradoxe Verhältnis von Wortknappheit und Wiedererkennbarkeit, von Plotlosigkeit und Geschehensreichtum, von Lakonie und Spannung macht die Eigenart und literarische Qualität von Helles Texten aus. Vier Argumentationsschritte sollen das konkretisieren:

Ved Vejen

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Dorte Hansen, deren Name erst auf S. 56 genannt wird, wohnt in einem gemieteten Haus in der Nähe eines Provinzbahnhofs. Wenn ihr Alltag durch den Rhythmus der an- und abfahrenden Züge geprägt ist, ruft das für jeden dänischen Leser Herman Bangs Erzählung Ved Vejen auf. Der Intertext wird stark markiert durch die Nennung des Bangschen Titels im ersten Kapitel (S. 6) und den von Bang überlieferten Schreibanlass im letzten: »Jeg stillede min rustne havestol under æbletræet i forhaven, der sad jeg og fik farve, nogle gange så jeg et ansigt betragte mig fra et togkupe.« (S. 155)

Verstärkt wird der Verweis durch die Thematisierung von Verkehrs- und Transportmitteln (Züge, Busse, Fahrräder, Mopeds), die Differenz zwischen Provinznest Glumsø und Hauptstadt Kopenhagen, zwischen Dynamik des Verkehrs und der Statik des Lebens der Hauptperson. Weiterhin ruft der Intertext plakativ die Vorbildfunktion Bangschen Schreibens für Helle Helles Prosa ins Gedächtnis: ihre Replikführung ist den Bangschen Dialogen nachempfunden und die Lakonie ihrer Beschreibungen, das Vorhandensein von Subtexten, von Unausgesprochenem ähneln dem Intertext stark. Es wird also ein poetologisches Vorbild thematisch in den Roman montiert.

At flytte hjemmefra

Die Reminiszenz an Bang schlägt sich nicht nur stilistisch, sondern auch psychologisch nieder: Auch bei Helle geht es um einsame, lebensuntüchtige, gehemmte und verzweifelte Frauenfiguren, denen alles Außergewöhnliche abgeht: stille Existenzen. Doch es sind dezidiert moderne Frauen, Dorte Hansen und ihre gleichnamige Tante, die eigenständig und unstet leben, ein Haus beziehen, studieren, ein Geschäft führen und Liebschaften wie am Fließband eingehen und wieder auflösen. Die Parallelen der beiden Frauenfiguren lassen ein Doppelgängermotiv anklingen, das ihre jeweilige Isolation nur noch erhöht: Zwar fängt die Tante die Nichte mehrfach auf, wenn sie mal wieder zu Hause oder bei einem Liebhaber ausgezogen ist, doch in entscheidenden Momenten lassen sie sich gegenseitig umso mehr allein. Die ständige, scheinbar unmotivierte Flucht wird durch den karierten Koffer ins Bild gesetzt, den Subtext der Rastlosigkeit stellt im Fall der Tante wohl ihre ungewollte Kinderlosigkeit dar, im Fall der Ich-Erzählerin muss die (tiefen)psychologische Begründung natürlich unausgesprochen bleiben, deutet sich jedoch im Verhältnis zu den Eltern an. Insofern sind die doppelten Dortes auch durch ein gegenseitiges Ersatz-Mutter-Kind-Verhältnis aneinander gekettet. Die Bang nachempfundene Darstellungsweise, die Reflexionen über Gefühle oder auch nur deren Eingeständnis durch Leerstellen ersetzt, spiegelt eine psychische Befindlichkeit, die die Figuren als sich selbst entfremdet zeigt. Wenn die Erzählerin über sich reflektiert, imaginiert sie stets, wie sie in der Wahrnehmung anderer wirken mag; sie erlebt sich als fremdbestimmt. Ausagiert werden die Gemütszustände, wie so oft bei Helle Helle, durch eine Vielzahl an Szenen der Essenszubereitung und des Essens, die wiederum die Einsamkeit und die Suche nach Trost und kulinarischer Ersatzbefriedigung geradezu körperlich nachempfinden lassen. So ist es denn auch nicht überraschend die fette Tunfischmousse, die den Auslöser für den Nervenzusammenbruch der Tante darstellt: sie war einfach zuviel des Guten.

Prinzip Zufall

Die fehlende Chronologie und die assoziativen Übergänge zwischen den Episoden und kurzen Kapiteln entsprechen dem fehlenden Plot des Romans, der wiederum der mangelnden Handlungsfähigkeit der Protagonistin entspricht. Es gibt zwar Ereignisse, die sich aber nicht zu einer Handlungskette, zu logischen Konsequenzen und Kausalverbindungen fügen. Anfang und Ende des Erzählens sind nicht klar als solche markiert und nicht voneinander geschieden, sondern ringförmig aufeinander bezogen. An die Stelle von Handlung tritt der Zufall als bestimmendes Prinzip. Mehrere kleine Episoden, wie das nächtliche Auftreten von Leon, setzen ihn thematisch wie strukturell um. Wie vom Zufall bestimmt, lassen sich die Figuren treiben, gehen ins Cafe statt in die Uni, steigen in Züge ein oder auf ein Moped um, ziehen bei einem Mann ein oder aus. Es ist diese ereignishafte Plotlosigkeit, die den Roman zu einem pageturner macht, die gespanntes Weiterlesen provoziert, weil man auf das handlungsauslösende Moment oder die Füllung der Leerstellen wartet.

Entgegen landläufiger Annahmen, Helle Helles Romane seien ereignislos, passiert also sehr viel auf diesen 150 Seiten. Die erzählte Zeit erstreckt sich über ein gutes Jahr, allerdings mit Rückblicken in die drei vorhergehenden Lebensjahre der Erzählerin und einige länger zurückliegende Episoden im Leben der Tante. Abgesehen von dem Nervenzusammenbruch und den diversen Umzügen gibt es nicht weniger als 5 Liebschaften der Erzählerin sowie diverse Beziehungen der Tante: von Per zu Lars zu seinem Mitbewohner zu Knud und zu Hase bewegt sich Dorte. Bemerkenswert ist nun aber, dass Helle das alles so zu erzählen vermag, als sei gar nichts oder wenigstens nichts Wichtiges passiert. Die unterkühlte Ästhetik, die fehlenden Beschreibungen, die Armut an Adjektiven, die Schlichtheit des Realismus, die Leerstellen provozieren nicht nur psychologische Porträts, sondern setzen auch die psychische Disposition der Figuren, setzen ihr Lebensgefühl stilistisch und formal um.

»Portrait of the Artist as a Young Woman«

Diese poetologischen Überlegungen betreffen nicht nur das Erzählen der Autorin, sondern auch die erzählte Autorin, zu der die Protagonistin Dorte Hansen möglicherweise einmal wird. Sie beginnt als bezahlte Schreiberin von gereimten Geburtstags- und Hochzeitsliedern und erwähnt beiläufig hin und wieder »Texte«, die sie geschrieben hat, deren Entstehen und deren Inhalt allerdings auch eine Leerstelle des Romans ausmacht. Außerdem reflektiert sie häufig über Wörter und Wortgebrauch und besucht schließlich eine Dichterlesung in Kopenhagen. In diese letzten Kapitel schleicht sich dann – wie die ›Puppe in der Puppe‹ – ein witziges Selbstporträt Helle Helles ein, die den angehenden Autoren Dorte und Hase Unterweisung in Minimalismus und Adjektivarmut gibt, so dass die Kritiker in Dorte Hansen ein »Portrait of the Artist as a Young Woman« erkannt haben wollen.

Entscheidend für diese selbstreflexive Dimension des Romans sind die Anfangs- und Schlusspassage sowie der Titel Dette burde skrives i nutid. Denn während die Protagonistin es sich versagt, in »aktiv nutid« zu schreiben (und mit diesem sprachlichen Grundsatz ihrer Handlungsunfähigkeit entspricht), ist die Möglichkeitsform »burde« einer der Lieblingsausdrücke der Ich-Erzählerin: eigentlich müsste sie aufräumen, Haare waschen, etwas Gesundes essen, in die Uni gehen usw. – ihr ganzes Leben spielt sich im Bereich dieses »burde« ab. Der Titel des Romans nun verbindet diese bislang unerfüllte Anforderungsebene mit der Gegenwartsform, d.h. dem Verlangen nach Handlungseinsatz. In einer Möbiusband-artigen Verschränkung verbindet sich auch die Erzähl- und die erzählte Ebene. Das »Skriv«, das Knut Dorte am Schluss zuruft, hat Helle Helle verwirklicht, doch wer »Dette er , hvordan det kunne have været«, die Schlussworte des ersten Abschnitts auf der ersten Seite, verantwortet, bleibt ungeklärt – beziehen sie sich auf den ersten Absatz oder auf den Roman als ganzen? So wird eine nicht auflösbare Spannung erzeugt, die der Erzählung insgesamt und ihrem thematischen Schwerpunkt, der Alltäglichkeit der Protagonistin, eine Rätselhaftigkeit unterlegt.

Helle Helle: Dette burde skrives i nutid. Samleren, 2011.
(München, 4.9.2011, Annegret Heitmann)

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