Grönländische Einsamkeit und andere Verfehlungen

Buchcover von "Blomsterdalen" von Niviaq Korneliussen

Nach 60 Jahren war es kürzlich soweit: Der Literaturpreis des Nordischen Rates ging zum ersten Mal in seiner Geschichte an Grönland – genauer gesagt an die 31-jährige Niviaq Korneliussen mit ihrem Roman Naasuliardarpi oder Blomsterdalen (Das Blumental, 2020). Die in Nuuk geborene und in Südgrönland aufgewachsene Schriftstellerin ist in der Literaturszene aber nicht erst seit dem mit diesem prestigeträchtigen Preis ausgezeichneten Werk ein Begriff. Bereits ihr erster Roman HOMO Sapienne brachte ihr internationale Anerkennung ein. Er erschien 2014 zunächst auf Grönländisch, dann in Korneliussens eigener dänischer Übersetzung und wurde ebenfalls für den genannten Literaturpreis nominiert. Der Debütroman wurde in mehrere Sprachen übersetzt – darunter unter dem etwas sperrigen Titel Nuuk #ohne Filter (2016) ins Deutsche. Blomsterdalen dagegen entstand zunächst in dänischer Sprache, bevor Korneliussen den Roman für die grönländische Ausgabe umschrieb.

Die thematische Ausrichtung von Blomsterdalen ist von Anfang an klar ersichtlich. Die Erzählung kreist um die seit Jahrzehnten horrend hohe Zahl an Suiziden in Grönland, von der vor allem Jugendliche und junge Erwachsene wie von einer Epidemie betroffen sind. Wäre Grönland ein eigener Staat, so heißt es im Buch, dann würde es das Ranking der Länder mit den höchsten Suizidraten der Welt anführen. „45. Kvinde. 38 år. Hænging.“ (S. 11; 45. Frau. 38 Jahre. Erhängen.) ist auf einer der ersten Seiten zu lesen. Damit beginnt ein Countdown, der das gesamte Buch durchzieht: Immer mehr Todesfälle werden verzeichnet, bei allen handelt es sich um Suizidopfer. Die Zahl 45 ist dabei nicht zufällig gewählt, waren es doch auf der Atlantikinsel 2019 ebenso viele Menschen, die den Freitod wählten. Die Form dieser die Erzählung strukturierenden Nachrichten verändert sich über die drei Teile des Romans – De, Du und Jeg (Sie, Du und Ich) – hinweg: Sie werden persönlicher, ihre Intensität, der Detailreichtum und auch das Grauen steigern sich. Beinahe unerträglich werden sie zum Ende hin, wo etwa folgender Satz zu lesen ist: „Sorte hænder, de sorte hænder rører ved min krop, og jeg har lyst til at sige til mig selv, du er smuk, men jeg kan ikke bevæge mig.“ (S. 310; Schwarze Hände, die schwarzen Hände berühren meinen Körper, und ich will mir selbst sagen: du bist schön, aber ich kann mich nicht bewegen.) Durch die dekontextualisierte Präsentation dieser kurzen Ausschnitte bleibt es der Fantasie der Lesenden überlassen, die möglichen Umstände zu rekonstruieren – eine unschöne Aufgabe: Von Gewalt, Verwahrlosung und sexuellen Übergriffen ist hier zu lesen und von der verzweifelten Suche nach einem Platz in dieser Welt. Dabei kommen Angehörige ebenso zu Wort wie die hoffnungslosen Opfer selbst, und die Wucht dieser in ihrer Kürze umso eindringlicheren Darstellungen hinterlässt ihre Spuren bei den Lesenden.

Die Protagonistin in Blomsterdalen, deren Namen wir nicht erfahren, stammt nicht aus derart schwierigen Verhältnissen. Dennoch wird schnell deutlich, dass sie von ihrer in Nuuk lebenden Familie entfremdet ist und unweigerlich aneckt. Abhilfe soll der langersehnte Neubeginn in Aarhus, Dänemark schaffen, wo sie ein Studium der Anthropologie aufnimmt. Eine starke Verbindung nach Grönland bleibt dabei aufgrund ihrer noch frischen Beziehung zu Maliina, die ihr eine Stütze zu sein versucht, bestehen. Doch Dänemark kann der Protagonistin nicht die erhoffte Transformation bieten, im Gegenteil: Ihre Mitstudierenden begegnen ihr mit fragwürdigen Äußerungen und rassistischen Haltungen, sie erscheint als ein exotischer Fremdkörper im weißen Aarhus, und auch mit den Anforderungen des Studiums kann sie nicht mithalten. Ein tragischer Umstand bietet sich schließlich als Ausweg für sie an, als sie erfährt, dass Maliinas Cousine Guuju, wie so viele vor ihr, Suizid begangen hat. Beide reisen nach Tasiilaq zu Maliinas Familie und begeben sich auf die Suche nach Antworten. Welche Gründe kann es geben, dass Guuju – noch ein Teenager – Selbstmord als letzten Ausweg sah? Schnell stoßen die beiden auf das hilflose Erstarren der Angehörigen angesichts der Tragödie – und auf das große Schweigen der Gesellschaft: Mehr als einen obligatorischen wehklagenden Facebook-Post nach jedem Suizid scheint es nicht zu geben, bevor das Tabu wiederhergestellt wird.

Noch schwerwiegender scheint jedoch das Versagen der selvstyre zu sein, der grönländischen Selbstverwaltung, die noch immer finanziell von Dänemark abhängig ist. Der Mangel an Hilfsangeboten für Suizidgefährdete, die Überlastung des Systems angesichts der überwältigenden und gleichzeitig als Normalität etablierten Suizidkrise und das mangelnde Verständnis für die Dringlichkeit des Problems: Das sind die Eckpunkte des politischen und sozialen Versagens, das Blomsterdalen in aller Deutlichkeit hervorhebt.

Die Stärke des Romans ist es, auf die unterschiedlichen Ebenen der strukturellen Schwächen mit einer beißenden Schärfe hinzuweisen und gleichzeitig die Herausforderungen einer postkolonialen Gesellschaft aufzuzeigen. Das von der dänischen Herrschaft in mancherlei Hinsicht zerrüttet zurückgelassene Gesellschaftsgefüge befindet sich in einem fortdauernden Heilungs- und Re-Konstruktionsprozess, während weiterhin eine ökonomische Abhängigkeit besteht. In Blomsterdalen sind es aber gerade die Darstellungen individueller Schicksale, die die Problematik greifbar machen und nüchterne Zahlen affektiv aufladen.

Diese empathische Haltung kommt auch in Niviaq Korneliussens emotionaler Dankesrede bei der Preisverleihung zum Ausdruck (siehe https://youtu.be/ehvBe3Xa0jA). Anstatt sich an die verantwortlichen Politiker*innen Grönlands zu wenden, was ebenso effektiv wie das Gespräch mit einer Mauer sei, spricht sie die Jugendlichen direkt an, die sie im Zuge ihrer aktivistischen Arbeit kennenlernen durfte. Sie spendet ihnen bestärkende und klare Worte und setzt ein starkes Zeichen, indem sie sich stellvertretend für die Verfehlungen der Erwachsenen entschuldigt, deren Konsequenzen nun auf den Schultern der Jugend lasten.

Der immer größer werdende Druck und die steigende Verzweiflung treten im Roman deutlich hervor. Im Laufe der Erzählung entfremdet sich die Protagonistin immer stärker von ihrer Umgebung und auch von sich selbst. In Tasiilaq, wo sie das titelgebende blomsterdal erkundet, stößt sie auf einen Friedhof, der nicht nur wegen der in rauen Mengen auf den Gräbern niedergelegten Plastikblumen – eine grönländische Gewohnheit – befremdlich erscheint, sondern vor allem deswegen, weil die Gräber keine Namen oder Lebensdaten verzeichnen, sondern nüchtern nummeriert sind. Dabei erkennt sie ihre eigene Namenlosigkeit: „Hvad hedder jeg? Jeg har ikke et navn. Jeg er bare et tal.“ (S. 220; Wie heiße ich? Ich habe keinen Namen. Ich bin nur eine Zahl.)

Tatsächlich wird die rastlose Protagonistin am Ende selbst zu einer Zahl werden, nämlich eine weitere in der Selbstmordstatistik und womöglich die letzte des Countdowns. Nach dem Aufenthalt in Tasiilaq dreht sich ihre Abwärtsspirale unaufhaltsam weiter. Die Protagonistin wirft das Studium hin, trennt sich von Maliina, flüchtet sich in die Obdachlosigkeit. Die Trennung und damit den Verlust einer der letzten Verbündeten bereut sie schnell, und als ihr der endgültige Ausweg, die Flucht nach Kanada, verwehrt bleibt, lässt ihr tragisches Ende nicht mehr lange auf sich warten.

Auch wenn die Suizidthematik in Blomsterdalen in unterschiedlichen Ausprägungen im Vordergrund steht, steckt noch viel mehr in diesem oft auch humorvollen Roman: „Naasuliardarpi handler om kærlighed, om venskab og om at være en del af et postkolonialt samfund.“ (Naasuliardarpi handelt von Liebe, von Freundschaft und davon, Teil einer postkolonialen Gesellschaft zu sein; https://www.norden.org/da/news/niviaq-korneliussen-fik-nordisk-raads-litteraturpris-2021), heißt es in der Begründung des Nordischen Rats für die Preisverleihung. Was häufig unerwähnt bleibt ist, dass Blomsterdalen – wie bereits sein Vorgänger HOMO sapienne – auch ein dezidiert queerer Roman ist. Einige der vielen queeren Figuren finden Akzeptanz oder wenigstens Toleranz in ihrer nahen Umgebung, andere wiederum werden von Homofeindlichkeit und Mobbing in den Tod getrieben. Die Kritik an heteronormativen Verhältnissen ist dabei mal subtiler, mal expliziter. Häufig steht aber die Verbindung zwischen zwei Menschen im Vordergrund, ohne dass die Queerness der Beziehung problematisiert wird. Dabei nimmt Korneliussen in der Darstellung erotischer und sexueller Szenen kein Blatt vor den Mund – dieser sexual realism kommt indessen weder gekünstelt noch übertrieben daher.

Blomsterdalen ist ein Roman, der nicht nur ein politisches, sondern mit seinem feinfühligen und gleichzeitig direkten Stil auch ein literarisches Statement darstellt, mit dem sich Korneliussen mit ihrer kraftvollen Stimme schon jetzt als Autorin etabliert hat.

Niviaq Korneliussen: Blomsterdalen. Kopenhagen: Gyldendal 2020.

(Julia Geier, Universität Wien)

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Im Mittelpunkt des Lebenszirkels

Es ist ein schmaler Band mit reichem Inhalt, ein Buch über einen Ort, über Kopenhagen, über Depression, das Alter und den Tod, über die Eltern, vergangene Lieben und gegenwärtiges Leben und Dichten. So reich an Reflexionen und Einsichten, Bildern und Eindrücken ist das neue Buch des Lyrikers Søren Ulrik Thomsen, dass es auch vom dänischen Feuilleton einhellig gefeiert, gepriesen und reichlich mit den in der dänischen Literaturkritik üblichen Sternen ausgezeichnet wird. Der Autor bezeichnet sein Buch im Untertitel als Essay und ruft damit eine Form auf, die ihm die Freiheit gibt, Persönliches mit gesellschaftlich Relevantem zu verbinden und Stimmungen mit Reflexionen zu verweben. Aber der in 28 kurze Kapitel unterteilte Text ist ein höchst poetischer Essay, der durchgehend den Lyriker verrät. Thomsens verdichtete Sprache, das rhythmische Schwingen seiner langen Sätze, die präzise Beobachtung seiner Umwelt, die sich in überraschenden Bildern niederschlägt, macht aus dem Leseakt einen fortdauernden Prozess des Erkennens. Es ist weniger die Narration, die den Zusammenhang des Textes herstellt und den Wunsch nach dem Weiterlesen generiert, sondern die gleichermaßen präzise wie poetische Sprache, die Anschaulichkeit und Intensität der Diktion, das Mäandern der Sätze. Ähnlich der Ausdrucksform in seinen Gedichten findet Thomsen auch in seiner Prosa Formulierungen wie „stammernes sorte skeletter [som] står tilbage som ufortolkelige tegn“ (39, die schwarzen Skelette der Stämme, [die] als unerklärliche Zeichen zurückbleiben), „baggårdenes skumrende æskesystem” (40, das dämmrige Schachtelsystem der Hinterhöfe) oder „et sommerfuglekys med øjenvipperne“ (45-46; ein Schmetterlingskuss mit den Augenwimpern) – immer wird die konkrete Wahrnehmung der Umgebung auf ein Bild oder eine Stimmung hin transzendiert. Amüsant ist, als der Erzähler sich einmal selbst zur Ordnung ruft, weil er in der Beschreibung eines Szenarios der sechziger Jahre beinahe geschrieben hätte „mens de lyttede til cool jazz“ (14, während sie cool jazz hörten), weil er damit die (meist graue) Wirklichkeit verlassen und einem Klischee nachgegeben hätte. In Thomsens erinnerter Realität ist das Grau des Alltags immer anwesend, er verbindet häufig Gegensätzliches, konkrete Wahrnehmung mit Empfindungen, vibrierende Lichtsäulen mit schummrigem Novemberdunkel. Seine bevorzugte Jahreszeit ist der Herbst, »hvor jeg altid har det godt, selv om meget måske kunne være bedre« (39, wenn es mir immer gut geht, obwohl vieles vielleicht besser sein könnte). Eine ganze Reihe von Fotografien wird erwähnt, die Menschen und Szenen aus der Vergangenheit bildlich darstellen, doch der Erzähler verzichtet explizit darauf sie abzudrucken, wohl weil er auf seine sprachliche Evokation vertrauen kann.

Es ist ein sehr persönliches, ja intimes und daher auch mutiges Buch, das nichts beschönigt und dennoch Schönheit kreiert. Titelgebend ist ein Ort, eine Kopenhagener Adresse, an der der aus der Provinz zugezogene sechzehnjährige Junge nur ein Jahr seines Lebens verbrachte, bevor er das Elternhaus mit siebzehn wieder verließ. Und doch ist dieser Ort, wie er es selbst bezeichnet, für ihn und sein gesamtes Leben ein Zentrum, das wie der Mittelpunkt des Zirkels (»punktet, hvor passerens spids kan placeres«, S. 9, 26, 79 (der Punkt, an dem die Spitze des Zirkels platziert werden kann)) ausstrahlt bis in die äußerste Peripherie der späteren Jahre und Erfahrungen. Zum einen eröffnet sich dem Jungen mit dem Umzug nach Kopenhagen die Großstadt als der Raum, der ihn fasziniert und der seine Dichtung, vor allem der frühen Jahre, bestimmt und hervorgebracht hat. Als er 1981 mit City Slang debütierte, wurde er bekannt als die Stimme einer neuen Generation und einer sinnlichen Großstadtpoesie, die die Lichter, das Tempo, den Lärm, den Verkehr, ja den Sound von Kopenhagen und die Einwirkung der Stadt auf den Körper und das Ich einfing und Faszination mit Fremdheitsgefühlen, den Rausch mit dem Verlorensein untrennbar verband. Die Auseinandersetzung mit dem Puls der Stadt führt er im Rückblick auf einen abendlichen Gang entlang des Gl. Køge Landevej zurück:

På venstre hånd pulserer lysene fra forstædernes endeløse karrébyggerier i septemberaftenen, mod horisonten rejser Brøndby Strands og Frihedens Stationscenters nye højhuse sig, og selv har jeg aldrig, hverken før eller siden, følt mig mere lille og mere fremmed, gennemsigtig og urolig, et tilfældigt stykke knitrende cellofan, som nylonvinden hvert øjeblik kunne rive itu og hvirvle væk«. (27)

(Linker Hand pulsieren die Lichter der endlosen Wohnblocks der Vorstädte im Septemberabend, gegen den Horizont erheben sich die neuen Hochhäuser von Brøndby Strand und dem Bahnhofscenter Friheden, und ich selbst habe mich nie, weder vorher noch nachher, kleiner und fremder gefühlt, durchsichtig und unruhig, ein zufälliges Stück Zellophan, das der Nylonwind jeden Augenblich zerreißen und wegwirbeln könnte).

Dieses sinnliche Stadterleben hat eine zweite Wirkung für den Lyriker Thomsen, er findet hier nicht nur sein Thema, sondern auch seine Form, die Konzentration auf das Erleben des Hier und Jetzt, das den präsentischen Charakter seiner Gedichte ausmacht. Den Ausgangspunkt jeweils im Konkreten und Alltäglichen zu nehmen, zieht sich durch sein lyrisches Werk bis hin zu jüngeren Gedichten, z.B. in Rystet spejl (2011; Zitterspiegel, 2016, übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke). Insofern enthält dieses Erinnerungsbuch auch Ansätze einer Poetik, die sich aber nicht in einer Rekapitulation von Vergangenem erschöpft, sondern eine erneute reflektierende Konfrontation mit der sich wandelnden Umgebung sucht. So schreibt er über einen Besuch des seit langem geschlossenen Hotel Phønix »[at den] fyldte mig med den uhygge, der opstår, når man genbesøger virkeligheden og får bekræftet, at den er en drøm« (29) ([dass es] mich mit dem Unheimlichen anfüllte, das entsteht, wenn man die Wirklichkeit wieder aufsucht und bestätigt bekommt, dass sie ein Traum ist).

Den Ausgangspunkt in der sinnlichen Wahrnehmung des Gegenwärtigen zu suchen, vom eigenen Körper auszugehen, schlägt sich in dem Erinnerungsbuch nun in Reflexionen über das Alter, über Vergänglichkeit und den Tod nieder. Besonders im ersten Drittel des Buches schreibt Thomsen von Krankheitssymptomen und Ängsten, von der befürchteten Schwächung des Körpers durch das Alter, von Unwiederbringlichem, von der Endlichkeit des Lebens. Er erinnert sich an Verluste, an verstorbene Freunde und tragische Todesfälle. Der Erzähler nähert sich dem „brændpunkt“ (9, Brennpunkt) der Erzählung und des Lebens nicht auf direktem Weg, sondern über Anekdoten und Porträts, die an Menschen erinnern, wie die ehemalige Klassenlehrerin Bodil Ulrich oder den früh verstorbenen Lyriker Ole Sarvig. Diese Erinnerungen und Reflexionen sind melancholisch, aber nicht wehleidig oder sentimental, denn sie schließen in ihrer präsentischen Konkretheit immer ein Moment der Zukunftsträchtigkeit ein:

Ikke bare visheden om, at der efter i dag vil komme en ny, men desuden forventningen til, at denne anden dag også vil være ny i betydningen bedre end den foregående, ja, måske oven i købet vidunderlig, tror jeg simpelthen er det, som holder os live. (17)

(Nicht nur die Gewissheit davon, dass nach heute ein neuer Tag kommen wird, sondern auch die Erwartung, dass dieser andere Tag auch neu sein wird, im Sinne von besser als der vorhergehende, ja vielleicht sogar wunderbar, das denke ich ganz einfach ist es, was uns am Leben hält).

Die Gegenwart lässt sich nicht ohne ihre Voraussetzungen denken, aber sie ist »drømmeagtigt vendt imod fremtiden, som et blad imod solen« (16, traumartig in die Zukunft gewandt, wie ein Blatt gegen die Sonne). Der Verweis auf die biblische Geschichte von Jesus und der Hochzeit von Kanaan, mit der Thomsen diese Passage schließt, enthält einen Verweis auf den christlichen Glauben des Dichters, der ihm vielleicht – trotz aller Wehmut – diese Zuversicht erlaubt.

Doch Store Kongensgade 23 ist nicht nur der Ort des dichterischen Erwachens, sondern vor allem verbunden mit der Mutter und ihrer langjährigen Krankheit. An dem Ort, den der Dichter als das Zentrum seiner Erfahrungen bezeichnet, zeigte die Mutter die ersten Symptome einer schweren Depression, die sieben Jahre lang andauern und sie von einer psychiatrischen Klinik in die nächste führen sollte. Die Mutter steht denn auch im Zentrum dieses Erinnerungsbuchs, es erzählt ein Jahr nach ihrem Tod die Geschichte ihres Lebens und mündet in einer Anklage gegen das Psychiatriesystem. Nachdem die Mutter viele Jahre mit allen erdenklichen Psychopharmaka und insgesamt 35 Elektroschocks vergeblich behandelt worden war, trifft sie schließlich auf einen Psychiater, der sich ihr zuwendet, mit ihr spricht und sie gesund aus der Klinik entlassen kann. Der Charakter dieses Gespräches, das eventuell das der psychischen Erkrankung zugrundeliegende Trauma erkundete und sie daher heilen konnte, ist unbekannt. So bewahrt nicht nur die Mutter lebenslang ein Geheimnis, sondern auch der Text respektiert das Rätsel ihres Lebens, ebenso wie er den Kosenamen der Mutter für den Sohn verschweigt. Sicher aber ist, dass sie nach dieser langen Krankheitsphase 42 Jahre lebte, ohne je wieder depressiv zu werden, aber auch ohne über diese Jahre, die Krankheit oder die Heilung sprechen zu wollen. Thomsen kontrastiert die medikamentenbasierte klinische Psychiatrie mit der Psychoanalyse, die er auch aus eigener Erfahrung kennt und der er größere Heilungskraft zutraut als der Medikamentenmedizin. Die Kapitel 18 bis 20, die dieser kritischen Auseinandersetzung gewidmet sind, unterscheiden sich insofern vom übrigen Buch, als sie kämpferisch und sachbezogen sind und eher den üblichen Charakteristika des essayistischen Genres entsprechen als die bildreichen Reflexionen, die das Buch zu großen Teilen dominieren. Die hier geäußerten Meinungen und Thesen dürften nicht unwidersprochen bleiben, ganz ohne Erfolge ist die klassisch-klinische Psychiatrie sicher nicht, aber der persönliche Zugang zum Thema rechtfertigt die aus der Erfahrung gewonnene Meinung.

Der letzte Teil des Buches kehrt zu der ursprünglichen Diktion zurück, er ist liebevollen Erinnerungen an die Eltern gewidmet und bringt Dankbarkeit und Anerkennung zum Ausdruck. Die vor kurzem, nach schwerer Krankheit, verstorbene Mutter und der noch lebende Vater werden in ihrer Komplementarität und Zuneigung zueinander porträtiert, die Mutter als Winterbadende, Sprachliebhaberin und Dichterin vorgestellt. Mit ihr stand der Sohn in einem Austausch über Dichtung, sie hat selbst ihr Leben lang geschrieben und konnte kurz vor ihrem Tod eine Ausgabe ihrer Gedichte in den Händen halten. Ganz zum Schluss kehrt der Text noch einmal zurück zum Haus in der Store Kongensgade und berichtet von dem Traum, sich wieder darin niederzulassen. Doch die Zeit, von der dieses Buch in seinem Kern vor allem handelt, erlaubt keine Wiederholung, sie strebt immer in eine Richtung: »drømmeagtigt vendt imod fremtiden« (16, traumartig in die Zukunft gewandt).

Søren Ulrik Thomsen: Store Kongensgade 23, Gyldendal, 2021.

(Annegret Heitmann, Ludwig-Maximilians-Universität München)

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Sich im 18. November einrichten: Raumerkundung der Einsamkeit

Solvej Balle gilt als eine der dänischen Vorzeigeautorinnen des Minimalismus bzw. der experimentierenden Literatur der frühen Neunziger Jahre, in denen sie sich mit ihrer verdichteten (Kurz-)Prosa – nach ihrem Debut Lyrefugl (1986, Der Leiervogel) vor allem mit dem Erzählband Ifølge loven. Fire beretninger om mennesket (1993, Nach dem Gesetz. Vier Berichte über den Menschen) – einen Namen gemacht hatte. Neben schmalen Bändchen mit lakonischen Titeln wie & (1990), Eller (1998, Oder), Hvis und (beide 2013, Wenn und Dann), die eher zwischen Kurzprosa und Lyrik einzuordnen sind, und nach zwei essayistischen Bänden hat Balle nach längerem Schweigen mit dem großen (Ent-)Wurf eines siebenbändigen Romans neue Aufmerksamkeit erlangt. Seit 2020 erscheinen nun jährlich ein-zwei Bände der Septologie, die den widerspenstigen Titel Om udregning af rumfang (Über die Berechnung von Volumen) trägt und an der sie laut eigener Aussage seit 1987, also seit über dreißig Jahren, gearbeitet hat.1 Diese Arbeitsweise ist bezeichnend für Balles sozusagen destillierte Prosa, die auf durchdachter Komposition, umfassenden Recherchen und sprachlicher Präzision beruht und bei der jedes Wort sitzt. Als sprachlich so schlicht wie elegant und sinnlich-präzise, als „tindrende smuk” (funkelnd schön), und „sansebåren […] kombineret med en æstetisk kræsenhed” (sinngetragen […] kombiniert mit einer ästhetischen Ausgesuchtheit) wurde ihre Schreibweise denn auch in der dänischen Kritik gepriesen: „At læse hende føles som at lade åens vand eller strandens sand glide mellem fingrene, det er som at blive kærtegnet af sproget selv” (Sie zu lesen fühlt sich an, wie wenn man das Wasser des Flusses oder am Strand den Sand durch die Finger gleiten lässt, es ist, als würde man von der Sprache selbst liebkost. –Information, 31. Januar 2020).

Zeit-Loop als existentieller Erkundungsraum

Ein Jahrzehnte währendes Schreibprojekt birgt die Gefahr, dass die einst originelle Grundidee unterdessen anderweitig bearbeitet worden ist. Balles Erzählung von Tara Selter, die im Ewigkeits-Loop eines einzigen sich stetig wiederholenden Tages – dem 18. November – gefangen ist, wurde deshalb in der Kritik wiederholt zu Harold Ramis’ Filmkomödie Groundhog Day (1993, Und täglich grüßt das Murmeltier) in Beziehung gesetzt, obwohl es bis auf die Ausgangssituation eines in einer Zeitschleife gefangenen Individuums kaum Gemeinsamkeiten gibt. Vor allem die Grundstimmung, die in Balles Roman eher melancholisch und von existentieller Einsamkeit geprägt ist, dürfte einen Hauptunterschied zum komödiantischen Klamauk des amerikanischen Kinoerfolgs ausmachen. Aber auch die Kombination von aufmerksamer sinnlicher Wahrnehmung und gedanklichem Tiefgang, mit der Balles auf sich selbst zurückgeworfene Protagonistin Tara ihre Welt und ihre Möglichkeiten auslotet, lässt den Plot im Unterschied zum Film zu einem grundlegenden Erkundungsraum menschlicher Bedingungen werden.

Tara Selter, die mit ihrem Lebensgefährten Thomas das Antiquariatsunternehmen T&T Selter unterhält und sich dabei auf illustrierte Prachtbände aus dem 18. Jahrhundert spezialisiert hat, befindet sich gerade auf einer Auktionsreise in Bordeaux, als sie ‚aus der Zeit fällt‘ und den 18. November ständig erneut erleben muss, als eine Wiederholung bis ins kleinste Detail. Doch die Gefangenschaft im sich wiederholenden Tag bedeutet weder Gefangenschaft in einem einzigen Handlungsmuster noch ewigen Stillstand – im Gegenteil, auf rätselhafte Weise gehen Wachstums-, Alterungs- und Wundheilungsprozesse für Tara ganz normal weiter, und auch einige erworbene Gegenstände lassen sich in den nächsten 18. November ‚hinüberretten‘. Der gesamte erste Band stellt Taras Bemühen dar, sich mit und in der stehengebliebenen Zeit, diesem sich ewig wiederholenden 18. November, zu arrangieren und Lösungen zu finden, um der Temporalenklave zu entkommen. In Tagebuchaufzeichnungen, aus denen das Buch besteht und die die unterschiedlichen Phasen ihrer Krisenbewältigung zum Ausdruck bringen, zählt Tara nicht nur die vielen 18. November-Tage, sondern dokumentiert auch dieses Sich-Arrangieren in der ungewohnten Zeitstruktur und immer wieder neue Versuche der Adjustierung durch achtsames Tasten und Ausloten, Wiederholen und Abwandeln:

Jeg har ikke fundet en vej ud af den attende november, men jeg har fundet veje og stier gennem dagen, små passager og tunneller, jeg kan færdes i. Jeg kan ikke slippe ud, men jeg kan finde ind. (I, S. 91)

Ich habe keinen Weg aus dem achtzehnten November hinausgefunden, aber ich habe Wege und Pfade durch den Tag gefunden, kleine Passagen und Tunnel, durch die ich mich bewegen kann. Ich kann nicht herauskommen, aber ich kann hineinfinden.

Zunehmende Entfernung

Dass Tanjas temporales Missgeschick eingreifende Folgen für ihre Beziehung zu Thomas hat, wird bereits auf den ersten Seiten deutlich, die mit # 121, d.h. dem 121. achtzehnten November und damit bereits in einem Gewöhnungszustand beginnen – „Jeg har vænnet mig til tanken“ (I, S. 7; Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt) –, der allerdings auch ihre Isolation verdeutlicht. Ihr aus der Zeit gefallener und dadurch seltsam parasitärer Zustand, der ihr eine unbemerkte und unsichtbare Existenz im eigenen Haus abfordert, minutiös abgestimmt auf das voraussagbare Tagesablaufsmuster des ahnungslosen Ehemannes, ist das resignierte Resultat vorausgehender Versuche, den Partner in ihr Zeitdilemma mit einzubeziehen. Gemeinsam hatten sie eine Zeitlang diesen einzigen Tag, den 18. November, genutzt, um wieder in eine gemeinsame Zeit zu finden und Gründe, Muster und Mechanismen des ‚Zeitdefekts‘ zu erforschen – durch ein geradezu musikalisches Projekt, das als Thema mit Variationen beschrieben wird, als eine dynamische Choreographie voller Rhythmus und Tanz – und damit als eine Art ‚Raumerkundung‘ der Zeit:

Vi fandt ind i en rytme. […] Vores undersøgelse var i konstant forandring, nærmest som en slags dans, der førte os rundt i rummet, en uskyldig og lidt kejtet videnspolka, en forundringsvals, en munter opdagelsesballet, en forpustet stepdans mellem fakta og observationer, en undersøgelsestango med to dansende, der afsøgte rummet uden at søge en udgang eller et sted at holde hvil. (I, S. 59)

Wir fanden in einen Rhythmus. […] Unsere Untersuchung war in konstanter Veränderung, beinahe wie eine Art Tanz, der uns durch den Raum führte, eine unschuldige und etwas unbeholfene Wissenspolka, ein Verwunderungswalzer, ein munteres Entdeckungsballett, ein atemloser Stepptanz zwischen Fakten und Beobachtungen, ein Untersuchungstango mit zwei Tanzenden, die den Raum absuchten, ohne einen Ausgang oder einen Ruheort zu suchen.

Doch da der 18. November für Thomas jedesmal „en nyåbnet og næsten ubrugt dag“ (I, S. 30; ein neu geöffneter und beinahe unverbrauchter Tag) ist, mit dem auch die Erinnerung an Taras vorausgehende 18. Novembertage ausgelöscht ist, und sie ihm jedes Mal von Neuem ihre Situation und die bisherigen (Miss-)Erfolge schildern muss, sieht sie allmählich ein, dass sich der Abstand zwischen ihren Erlebnis-/Erlebenshorizonten, zwischen seinem einzigen und ihren zahlreichen 18. November-Tagen, stetig vergrößert, bis sie die Ausweglosigkeit des „undersøgelsestango“ (Untersuchungstangos) und die Einsicht in ihre selbsttrügerische „optræning i uskarphed“ (I, S. 57; Einübung in Unschärfe) zum Alleingang zwingt.

Versuche der Wieder-Holung

Die tägliche Wiederholung – von Wetterverhältnissen, Geräuschen, alltäglichen Abläufen, Zeitpunkten und Begebenheiten – mündet in Taras systematischen Versuch der Wieder-Holung des stehengebliebenen Zeitpunkts: Taras Ziel ist es, am 365. Tag wieder ‚einzusteigen‘ in einen normalen Zeitablauf, der den 18. November in die gewohnte Kette einmalig ablaufender Tage einreihen soll. Dazu zählt sie zum einen die Tage, um zum besagten Zeitpunkt ihre Bordeaux-Reise zu wiederholen, und versucht zum anderen, gewissermaßen ‚unter‘ ihrem ständigen 18. November das ablaufende Jahr zu erspüren und sich der Illusion hinzugeben, ihre wiederholte Zeit sei nur eine Folie, durch deren ‚Ritzen‘ und Lücken es möglich sein könnte, die verlorene ‚gewöhnliche‘ Zeit zu erahnen:

Jeg mærker det mest om morgenen. Somme tider føles det, som om jeg vågner til en helt anden dag. Jeg tænker september. Det er lyset fra vinduet eller et vindpust, når jeg åbner min dør. En lun vind, der er forsvundet igen få sekunder efter. Korte glimt, der dukker op og forsvinder, som om der er sprækker i min dag, som om der løber en anden tid under mine dage, et almindeligt år, der siver op nedefra. Jeg leder efter sprækkerne, jeg går ud i byen og finder september, jeg vejrer som en hund. Det varer et øjeblik, så er det borte igen. (I, S. 130-131)

Ich merke es am meisten morgens. Manchmal fühlt es sich an, als erwachte ich zu einem ganz anderen Tag. Ich denke September. Es ist das Licht vom Fenster oder ein Windhauch, wenn ich meine Tür öffne. Ein lauer Wind, der nur wenige Sekunden später wieder verschwunden ist. Kurze Blitze, die auftauchen und verschwinden, als gebe es Ritzen in meinem Tag, als liefe eine andere Zeit unter meinen Tagen, ein gewöhnliches Jahr, das von unten heraufsickert. Ich suche nach den Ritzen, ich gehe in die Stadt und finde September, ich wittere wie ein Hund. Es dauert einen Augenblick, dann ist es wieder fort.

Ob das Experiment des Wiedereinstiegs in die ‚gewöhnliche‘ lineare Zeit glückt, ließ der erste Band noch mit einem winzigen Hoffnungsschimmer offen; – der zweite Band (der mit Tag # 368 beginnt) stellt aber die Vergeblichkeit des Unternehmens gleich zu Beginn klar und öffnet damit einem neuen Projekt Raum – nach einer Art Re-Adjustierung oder Rekalibrierung, die auch als ‚Umbau‘ beschrieben wird. Nachdem der erste ‚Jahreszirkel‘ voller 18. November-Tage weder einen Wiedereinstieg in die Zeit noch eine Rückkehr in ihr Zusammenleben mit Thomas ermöglicht hatte und sie einsehen muss „at jeg har mistet min retning“ (II, S. 14; dass ich meine Richtung verloren habe), versucht Tara nun, ihre 18. November-Tage mit „årstidens ingredienser“ (II, S. 82; Ingredienzen der Jahreszeiten) zu versehen und sich eigenhändig einen Jahresablauf zu konstruieren, indem sie an verschiedene Orte Europas reist, die ihrem Tag ein leichtes Flair von Herbst, Winter oder Frühjahr vermitteln können. So überredet sie etwa ihre Familie, mit ihr Weihnachten zu feiern, und verbringt Abschnitte in Schweden und Norwegen, um Wintertage zu erleben, sucht an verschiedenen Orten Frankreichs Frühjahrs- und Sommeratmosphäre und landet schließlich in einem milden, wetterneutralen „dag uden årstider“ (II, S.138; Tag ohne Jahreszeiten) in Düsseldorf, wo sie sich wohnhaft niederlässt. Dort wird aber auch ihre Tasche mit allen Aufzeichnungen der Jahreszeitenreise, die sie für künftigen Gebrauch mit Orten und Hoteladressen dokumentiert hatte, gestohlen, wodurch sich das Projekt der konstruierten Jahreszeiten als fragwürdig und hinfällig erweist.

Monströse Daseinsform

Jeg er et fremmedlegeme, en fejl. […] Jeg er faldet ud af dagen […] Jeg er et underligt væsen, der ikke burde færdes blandt mennesker med retning. (II, S. 18)

Ich bin ein Fremdkörper, ein Fehler. […] Ich bin aus dem Tag herausgefallen […] Ich bin ein wunderliches Wesen, das nicht unter Menschen mit Richtung verkehren sollte.

So lässt sich Taras Situation beschreiben nach wirkungslosem Zählen der Tage, vergeblicher Einübung in vorhersagbare Tagesmuster, erfolgloser Dokumentation und Konstruktion von Jahresabläufen. Und doch hat es zuweilen den Anschein, als seien all die anderen, die „mennesker med retning“ (Menschen mit Richtung), in der Zeit und der Erinnerungslosigkeit gefangen, also ohne Erinnerung an den ‚gestrigen‘ 18. November, immer in unnahbarer Stagnation, die Tara das eigene Dasein als umso monströser erscheinen lässt. Die Erkenntnis der eigenen parasitären Existenz drängt sich auf angesichts der zunehmend leerer werdenden Supermarktregale und beim Verzehr des Gartengemüses: Der Lauch, den sie aus dem Garten holt, bleibt auch am nächsten 18. November verschwunden, während sich die Lücken, die andere hinterlassen, schließen, die Spuren anderer nach einem Tag ausgelöscht sind:

Uden mig vender Thomas’ dag tilbage, verden bliver repareret, porren er tilbage i rækken, og jeg er sikker på, at det er det samme med løgene. […] Jeg ved, at hvis jeg henter løg til mig selv i skuret, vil de forsvinde. Jeg ved det, for jeg har set, hvem vi er: Thomas er et spøgelse, og jeg er et monster. Det er sådan, der er. Det er tiden, der har gjort det. Uden mig er Thomas et spøgelse, men jeg er et monster, et uhyre, et skadedyr. […] Thomas sætter ingen spor i verden, jeg æder den op. Han er et mønster i huset, jeg er et monster i værelset. (I, S. 105)

Ohne mich kehrt Thomas’ Tag zurück, die Welt wird repariert, der Lauch ist zurück in der Reihe, und ich bin sicher, dass es sich mit den Zwiebeln genauso verhält. […] Ich weiß, dass, wenn ich für mich Zwiebeln aus dem Schuppen hole, sie verschwinden werden. Ich weiß das, weil ich gesehen habe, wer wir sind: Thomas ist ein Gespenst, und ich bin ein Monster. So ist es. Die Zeit hat das gemacht. Ohne mich ist Thomas ein Gespenst, doch ich bin ein Monster, ein Ungeheuer, ein Schädling. […] Thomas setzt keine Spuren in die Welt, ich esse sie auf. Er ist ein Muster im Haus, ich bin ein Monster im Zimmer.

Im Resonanzkörper des Zeitbehälters

Die Begrenztheit der Ressourcen, der Tara mit sparsamer Genügsamkeit, weitläufiger Verteilung der Nahrungsquellen und der Suche nach überflüssiger Verfallsware zu begegnen versucht, ist nur eine von vielen Beobachtungen dieser eigentümlichen Temporal-Isolation, die Tara als einen Zeitbehälter beschreibt, als ein Gefäß, aus dem sie nicht mehr herauskommt, das sie aber mit Gegenständen teilt. So wird ein römischer Sesterz, der mit ihr aus der linearen Kalenderzeit des ersten 18. Novembers in den ewig-wiederholten 18. November ‚gefallen‘ ist, plötzlich zum Bedeutungsträger, zum Sinnbild für „et standset øjeblik“ (II, S. 157; einen stehengebliebenen Augenblick) und zum Auslöser für ihr nächstes Projekt – ein intensives Studium des Römischen Reiches, das ihr eine Art Strukturmuster für ihre eigene Situation liefert:

[…] romerne var standset. En lang rejse, og så kom de ikke videre. De var nået til grænsen, de bevægede sig lidt frem og så tilbage, og så var de standset og byggede en mur, og riget var holdt op med at vokse. En vaklen på stedet. Stop. Fæstnet. Pling. / Og der sad jeg, i den attende november, og kunne ikke komme videre. Pling. Standset. Samme historie. […] Mønten. Romerriget. Tara. Stop. Fæstnet. Pling. Vi var af samme slags. (II, S. 157)

[…] die Römer waren stehengeblieben. Eine lange Reise, und dann kamen sie nicht weiter. Sie waren bis an die Grenze gelangt, sie bewegten sich etwas vor und dann zurück, und dann waren sie stehengeblieben und bauten eine Mauer, und das Reich hatte zu wachsen aufgehört. Ein Schwanken auf der Stelle. Stopp. Hängengeblieben. Pling. / Und da saß ich, im achtzehnten November, und konnte nicht weiterkommen. Pling. Hängengeblieben. Gleiche Geschichte. […] Die Münze. Das Römische Reich. Tara. Stopp. Hängengeblieben. Pling. Wir waren von derselben Art.

Spätestens an dieser Stelle hat auch der Titel des Buches vollkommen überzeugt. Die Erkundung der Lebensmöglichkeiten in einer Zeitschleife der Wiederholung wird in verschiedenen Varianten zur „Berechnung von Volumen“: „[…] min tid er ikke en cirkel, og den er ikke en linje […]. Den er et rum, et værelse, en pool, et kar, et bassin, en beholder.“ (II, S. 143; meine Zeit ist kein Zirkel, und sie ist keine Linie […]. Sie ist ein Raum, ein Zimmer, ein Pool, eine Wanne, ein Becken, ein Behälter.) Die Volumenberechnung dieses Restbehälters für aus der Geschichte herausgefallene Gegenstände – „Det var ikke tingenes historie, det var alt det, der var faldet ud af historien, der tiltrak mig“ (II, S. 155; Nicht die Geschichte der Dinge zog mich an, sondern all das, was aus der Geschichte herausgefallen war) – gestaltet sich als Raumchoreographie, als „Untersuchungstango“, als Einpassung in Ablaufmuster, als Jahreszeitenreise und als Austarieren des verbleibenden Platzes. Taras Schreibprojekt dient dabei nicht nur der existentiellen Selbstverortung, sondern auch der poetologischen Nachzeichnung von Mustern, einem rhythmischen Nachspüren alltäglicher Abläufe, die aus dem befremdlichen Resonanzkörper des ‚Zeitgefäßes‘ heraus einen ganz neuen Klang bekommen.

Jeg går langs en afgrund, jeg tæller dage og skriver ned. Jeg gør det for at huske. Eller jeg gør det for at holde sammen på dagene. Eller jeg gør det måske, fordi papiret husker, hvad jeg siger. Som om jeg er til. Som om der er nogen, der lytter. (II, S. 19)

Ich gehe an einem Abgrund entlang, ich zähle Tage und schreibe auf. Ich tue das, um mich zu erinnern. Oder ich tue es, um die Tage zusammenzuhalten. Oder ich tue es vielleicht, weil das Papier erinnert, was ich sage. Als ob ich da wäre. Als ob es jemanden gäbe, der zuhört.

Solvej Balle: Om udregning af rumfang, Bd. I und II, Marstal: Pelagraf, 2020.

(Hanna Eglinger, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU))


1 Politiken, 13.8.2016.

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