Nina Lykke: Orgien, og andre fortellinger

„And welcome to the land of the bleeding obvious“. Nina Lykkes Kurzprosaband Orgien, og andre fortellinger (2010)

Die Textsammlung von Nina Lykke ist ein Debutwerk, das von drei norwegischen Tageszeitungen mit der Auszeichnung „Årets beste bøker 2010“ versehen worden ist. Dagbladet verwendet das schillernde Adjektiv „knalltøff“ (krass), Klassekampen rühmt den schrägen Humor, während Bergens Tidende einfach das ‚gelungene’ Debut würdigt.

In Lykkes Geschichten sind die Figuren tragisatirisch – zahlreiche von ihnen sind im Alltag verschollen, einige plötzlich zu drastischen Veränderungen bereit. Alle scheinen miteinander vereint durch die hintergründige Annahme einer norwegischen Normalbiographie, der sie vergeblich entgegenstreben oder von der sie sich bewusst oder unwillentlich absetzen wollen. Dabei werden generationsspezifische Lebensphasen herausmodelliert, deren jeweilige Stimmungskurve eher absinkt. Krisen rund um die sogenannte Lebensmitte, die bekanntlich – und erfreulicherweise – inzwischen selbst schon mehrere Jahrzehnte umfasst, bringen es an den Tag: Der Zugewinn an Reife während des Alterns wird durch den Verlust an Macht, sogar an Respekt und Würde, leider mehr als aufgewogen – und hiervon sind sowohl die weiblichen als auch die männlichen Charaktere in Orgien betroffen. Einige Figuren haben indessen noch weitere Gemeinsamkeiten, denn es treten drei soziokulturelle Praktiken gehäuft auf: das Weinen, der Verzehr von Tiefkühlkost und das exaltierte Reden. Diese Tätigkeiten konstituieren eine temporäre Ich-Identität und geben Aufschluss über die Machtverteilung in den Figurenkonstellationen.

Die Erzählungen selbst ordnen sich infolge der ausgetragenen Konflikte zu Textpaaren an. So stehen beispielsweise „Arne“ und „Langtidssykemelding“ in einem Dialog, und die beiden Protagonisten Arne und Turid einander gegenüber: hat Arne – um die 50 – den Neuanfang mit einer jugendlichen Geliebten gewagt, sieht sich aber zu misslichen Zugeständnissen gezwungen, da sein Alter ihn in eine unterlegene Position bringt:

Hver morgen drikker de kaffe på sengen mens de snakker om drømmene til Maria. Arne er unenig. Arne mener at drømmer er åndelig avfall, en slags sjelens avføring det ikke er bryet verdt å befatte seg med. Men dette sier han ikke til Maria. Når Maria forteller at hun drømte at hun satt naken på trikken og et det kom tre ekorn inn i vognen og begynte å skyte på henne med bittesmå maskingevær, legger Arne ansiktet i ettertenksomme folder. Heldigvis trenger han ikke å si så mye, han kan bare komme med småord, som: Hm …. Jeg vet ikke, men kanskje … for så avbryter Maria ham straks og fortsetter sin egen tankerekke, og Arne kan slappe av igjen. (S. 7f.)

Jeden Morgen trinken sie Kaffee im Bett, während sie über Marias Träume sprechen. Arne ist nicht ihrer Auffassung. Arne findet, dass Träume geistiger Abfall sind, eine Art Exkrement der Seele, nicht der Mühe wert, sich damit zu befassen. Aber das sagt er Maria nicht. Als Maria erzählt, sie habe geträumt, sie säße nackt in der Straßenbahn, und drei Eichhörnchen wären eingestiegen und hätten mit winzigen Maschinengewehren auf sie geschossen, legt Arne sein Gesicht in nachdenkliche Falten. Zum Glück braucht er nicht viel zu sagen, kurze Bemerkungen reichen aus wie ‚Hm…’, ‚Ich weiß nicht, aber vielleicht….’, weil Maria ihn dann sofort unterbricht und ihren eigenen Gedankengang fortsetzt, so dass Arne sich wieder entspannen kann.

Polemisiert wird hier nicht nur gegen den Jugendwahn, sondern auch gegen die pseudoprofessionelle Psychologisierung des Alltagslebens, doch Lykkes leichtgängige satirische Form steht in einem elementaren Unterschied zur bitteren Ironie, wie man sie in Trude Marsteins oder Hanne Ørstaviks Texten antreffen kann. Hiermit sind allerdings Risiken verbunden: Zum einen tritt die Typenhaftigkeit vieler Figuren im Prozess humoristischer Selbstentlarvung hervor. Zum anderen kommt es zu einer tendenziellen Selbstsabotage des Genres, indem signalisiert wird, dass auch die sozialrealistische Kritik mit einer gewissen humoristischen Distanz zu betrachten sei (siehe auch das Zitat in meinem Titel, das von der Figur Arne stammt). Sowohl die Zusammensetzung der Sozialgalerie als auch die alltagsnah inszenierte Schreibweise mit ihren Zuspitzungen und Übertreibungen verleihen den Erzählungen nämlich einen Retro-Charme der 1970er Jahre.

Arnes Pendant Turid hingegen sammelt in der Erzählung „Langtidssykemelding“ ihre letzten Reserven für den Ausstieg. Indem sie sich mittels Krankschreibung neue Wege eröffnet, gelingt es der erschöpften Lehrerin und alleinerziehenden Mutter von drei verwöhnten Söhnen aus dem eingefahrenen System altruistischer Selbstausbeutung und auf eine spanische Ferieninsel zu fliehen. In Turids Alltagsdämmerung wird das mögliche Glück infolge einer befreienden De-Familialisierung durch die leeren Pathosformeln in einer Reality-TV-Sendung kontrafaktisch hervorgehoben:

Turid sitter i sofaen og spiser pølser og ser på et program om en syk og fattig familie som har fått renovert huset på tv-selskapets regning. Den skallede datteren med blodkreft smiler mens tårene triller og den lamme bestemoren sitter i rullestolen og gjemmer ansiktet i rynkete hender. Til og med de minste barna åpner munnene i store O’er og legger håndflatene langs kinnene, sperrer opp øynene. (S. 140f.)

Turid sitzt auf dem Sofa und isst Würstchen und schaut sich ein Programm mit einer kranken und armen Familie an, deren Haus auf Kosten des Fernsehsenders renoviert worden ist. Das glatzköpfige Mädchen mit Leukämie lächelt, während die Tränen fließen und die gelähmte Oma im Rollstuhl ihr Gesicht hinter den runzligen Händen verbirgt. Sogar die kleinsten Kinder öffnen ihre Münder zu großen O’s und haben die Handflächen an die Wangen gelegt, sperren die Augen auf.

Um die mühsame Wiedererlangung von Autonomie geht es auch in den Texten über Freundinnen-Paare und eine Beziehung unter Schwestern, die in asymmetrischen Machtverhältnissen festgefahren sind („Hytteturen“, „Skål for kokken“, „Oppe i isødet“). In „Hytteturen“ richtet sich das Begehren der untergeordneten Ich-Erzählerin auf die exzentrische und raumgreifende Schauspielerin Hege („en sjiraff“, S 76; eine Giraffe), um deren ungeteilte Aufmerksamkeit sie sich während eines Wochenendausflugs verzweifelt bemüht. Doch stets erhalten Heges Sohn oder Heges persönliche Interessen Vorrang vor dem immer wieder aufgeschobenen vertraulichen Gespräch mit der Freundin. Obwohl die Bewunderung für Hege allmählich schwindet, nimmt die Selbstverachtung der Erzählerin dennoch zu.

Mit der eindringlichen Tiefkühlkost-Metapher werden der Aufschub des ‚eigentlichen Lebens’, die Vorläufigkeit des Lebensplans oder die vorschnell ausgeführte Handlung ausgedrückt, deren Sinn bereits im Keim erstickt erscheint: „[H]un tygger på noe frossent. Hun setter tennene i det som er frossent“ (S. 51; sie kaut auf etwas gefrorenem. Sie beißt in das Gefrorene hinein).

Die letzte Geschichte des Bandes, „Fra hytte til hytte“, bildet mit dem erwähnten ersten Text „Arne“ eine Art humoristische Rahmung. Es geht um die traditionellen sommerlichen Besuche bei den Eltern. Bei der ersten Station leiden die Ich-Erzählerin und ihre Kinder unter dem Aufsehen, das die grotesk anmutende Großmutter durch Langstreckenschwimmen und Bierkonsum an einem Badestrand weckt. Der zweite Reiseabschnitt führt sie zum Großvater, der inzwischen eine neue Partnerin hat und seiner Tochter und den Enkeln nur noch mit notdürftiger Höflichkeit begegnet. Wer in diesen Relationen gegenwärtig und zukünftig füreinander Verantwortung übernehmen soll, ist noch nicht ausgehandelt. In dieser letzten Erzählung treffen wir auf ein böse verfremdetes ‚Puppenhaus’-Motiv, denn die umständliche Reise mit viel Gepäck wird durch die Mitnahme eines improvisierten Meerschweinchenkäfigs samt Bewohner gekrönt. Die Kinder haben einen Schuhkarton rosa angemalt und mit Streu gefüllt, deren penetranter Geruch zu einem weiteren unliebsamen Merkmal der Familie wird. Die Ich-Erzählerin rechnet aus, dass die Kinder aufgrund ihrer Scheidung eines Tages sechs verschiedene Orte werden ansteuern müssen, um ihre sommerlichen Familienbesuche zu absolvieren. Doch was hält die generationsübergreifenden Kleingruppenverbände nun eigentlich zusammen? Der Flug einer Möwe gibt die Antwort:

Måken letter, liksom trett, som om den egentlig ikke gidder. Som om den ikke setter pris på det fantastiske å kunne fly. For den virker det vel som om vi er limt fast til bakken. Den flyr lavt over parkeringsplassen, men finner ingenting av interesse. (S. 174)

Die Möwe hebt ab, als ob sie müde wäre und eigentlich wenig Lust hat. Als ob sie keinen Wert auf die fantastische Möglichkeit legte, fliegen zu können. Aus ihrer Sicht muss es so aussehen, als ob wir auf dem Hügel festgeklebt wären. In niedriger Höhe überfliegt sie den Parkplatz, kann aber nichts Interessantes entdecken.

Ein dauerhafter Aufenthalt jenseits des Areals vertrauter Geborgenheit scheint trotz der offenkundigen Abnutzungserscheinungen nicht verheißungsvoll. Auch in dieser Hinsicht entfaltet sich eine nostalgische Perspektive auf das sozialrealistische Genre, indem Lykkes Sammlung markante Parallelen etwa zu Vita Andersens Hold kæft og vær smuk (DK, 1978) oder anderen skandinavischen Erzählbänden aus den 1970ern aufweist. Schon damals wurden Alltagsszenen stellvertretend abgehandelt, wenn es um ethische und privat-politische Lebensfragen ging, und schon damals hatte man sich auf die Suche nach dem glücklichen Dasein im konkurrenzbetonten Wohlfahrtsstaat begeben. Der Wunsch, als ein ausgeglichener Mensch zu leben, „som gikk rundt og var i pakt med seg selv og slapp alle disse klovneriene.“ (S. 38; der umherging und mit sich selbst im Einklang war und dieses alberne Spiel nicht mehr nötig hatte), hat offenbar nichts an Aktualität eingebüßt, auch wenn die Übereinstimmung mit sich selbst heute unzweifelhaft ein anachronistisch anmutendes Identitätskonzept darstellt.

Nina Lykke: Orgien, og andre fortellinger. Oktober, 2010.
(Berlin, Oktober 2011, Antje Wischmann)

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