Anonymität oder Achtsamkeit? Simon Fruelund: Pendlerne (2014)

fruelund»Simon Fruelund mestrer en minimalistisk realisme i stil med den amerikanske novellist Raymond Carver og med danske Helle Helle: En nedtonet, ufortolkende fortællestil, som antyder noget mere gådefuldt under hverdagens overflade.«

(Simon Fruelund ist ein Meister des minimalistischen Realismus im Stil des amerikanischen Erzählers Raymond Carver und der Dänin Helle Helle: ein abgeschwächter, nicht interpretierender Erzählstil, der etwas Geheimnisvolleres unter der Oberfläche des Alltags andeutet).

So wird der 1966 geborene Autor auf der Seite von forfatterweb.dk charakterisiert, und es überrascht nach dieser Beschreibung nicht, dass er Absolvent der »forfatterskole« (Abschluss 1995) sowie eines creative writing-Kurses einer amerikanischen Universität ist. Er debütierte 1997 mit dem Kurzprosaband Mælk und erlangte größere Bekanntheit und Erfolg mit Borgerligt tusmørke (2006), ebenfalls eine dem Minimalismus verpflichtete Sammlung von Augenblicksbildern. Während Borgerligt tusmørke die Bewohner einer Straße in einer Kopenhagener Vorstadt porträtierte, präsentiert der neue Text Pendlerne die Passagiere eines Pendlerzuges, der morgens von Kalundborg bis zum Kopenhagener Østerport fährt. Man könnte geneigt sein, von einer gewissen Masche des Autors zu sprechen, wie es Politikens kritischer Rezensent Ask Hansen tut, der der Meinung ist, dass die »rå katalogisering af danskere« (rohe Katalogisierung der Dänen; Politiken, 8.9.2014) die Grenze zum Klischee und zur Karikatur gelegentlich überschritte. Die meisten anderen Rezensenten sind jedoch sehr angetan von Fruelunds Prosa. Søren Kassebeer resümiert überrascht, dass »så fin litteratur [kan komme] ud af så megen almindelighed« (so gute Literatur aus so viel Gewöhnlichkeit entstehen kann; Berlingske Tidende, 5.9.2014), und Erik Skyum-Nielsen fasst zusammen: »Et øjenåbnende billede af Danmark af i dag, men også et deprimerende kig ind i et mørkt dyb af sammenhængsløshed og ensomhed« (Ein die Augen öffnendes Bild vom heutigen Dänemark, aber auch ein deprimierender Blick hinein in ein tiefes Dunkel von Zusammenhangslosigkeit und Einsamkeit; Information 5.9.2104).

Die meisten Rezensionen konzentrieren sich auf das Dänemarkbild, das aus den Porträts der Pendler hervorgeht: es geht um einen Querschnitt der dänischen Gegenwartsgesellschaft, in der die Schülerin neben dem Pensionär, der Arbeitslose neben der Krankenschwester, die Witwe neben dem Ehemann, der Einwanderer neben dem Afghanistan-Soldaten sitzt. Ein wirklich repräsentativer Querschnitt durch die dänische Gesellschaft wird doch wohl kaum angestrebt, zumal all die vielen Auto- und Radfahrer (und damit bestimmte soziale Schichten) Dänemarks aus diesem Bild ausgeklammert bleiben. Es geht eher um etwas anderes als eine soziologische Bestandsaufnahme. Dafür spricht schon die Erzählperspektive. Alle Personen werden sehr knapp auktorial eingeführt, stets nur durch das Personalpronomen »han« oder »hun« (er oder sie) bezeichnet, bleiben sie namenlos. Die Charakteristik, die Beruf, Alter, Personenstand oder Lebenssituation aufruft, gleitet dann fast unmerklich in eine Innenperspektive über, in der Gedanken, Gefühle oder Zweifel der jeweiligen Person wiedergegeben werden: was sie bewegt, während sie lesen, aus dem Fenster schauen und Gebäude, Windräder oder einmal ein paar Rehe registrieren. Während kaum jemand spricht oder interagiert, sind sie alle in ihren eigenen Gedanken und Problemen gefangen. Wir lesen von Einsamkeit und Träumen, Erinnerungen und Hoffnungen, Eheproblemen und sexuellen Wünschen, Arbeitsplatzsorgen und Stress. Auf diese Weise entsteht eine Balance zwischen Ferne und Nähe, zwischen Distanz und Einfühlung, zwischen anonymer Vereinzelung und Individualität. Und es ist diese erzählerische Balance, die immer wieder das Interesse des Lesers wecken kann und daher den Reiz des Textes ausmacht.

Zum zweiten ist es die Struktur von Pendlerne, von Erik Skyum-Nielsen als einen »fællesskabsløs kollektivroman« (einen gemeinschaftslosen Kollektivroman) bezeichnet, die raffiniert und, trotz gewisser Ähnlichkeit zu voraufgehenden Texten, durchaus aussagekräftig ist. Die Kapiteleinteilung folgt den Abfahrtszeiten des Zuges von den Unterwegsbahnhöfen, so dass sich 18 Abschnitte auf dem Weg nach Kopenhagen ergeben. Immer mehr Passagiere steigen in den Zug ein, immer neue Menschen werden erzählerisch eingeführt. Gelegentlich entstehen aber auch Bezüge: jemand beobachtet eine Person, die wir wiedererkennen, so dass Bilder von außen und innen einander ergänzen. So lernen wir z.B. am Anfang der Reise einen Arbeitslosen kennen, der Breiviks Manifest gelesen hat und eine Burka in seiner Reisetasche mit sich führt. Später wundert sich eine Mitfahrerin, dass eine Frau mit großen Füßen in einer Burka die Toilette verlässt, obwohl sie sicher ist, dass sie einen Mann hat hineingehen sehen. Im Geflecht der Alltäglichkeit entstehen so Bilder, aus denen sich Handlungen ergeben können, im erwähnten Fall sogar eine möglicherweise schwelende Gefahr. Diese Zusammenhänge machen aus den Augenblickseindrücken einen Roman.

Und noch etwas anderes passiert an diesem für die meisten ganz gewöhnlichen Morgen im Pedlerzug zwischen 7.11 und 9.11. Die Zeitangaben des Inhaltsverzeichnisses – also die planmäßigen Abfahrtszeiten – weichen von denen am Kapitelanfang notierten, an diesem Tag erreichten vorübergehend ab. Am Kopenhagener Hauptbahnhof ist die Verzögerung dann wieder aufgeholt, so dass der Ärger und die Sorge verschiedener Fahrgäste über die Verspätung zerstreut werden. Was nur wenige der in ihren Gedanken und Lektüren befangenen Passagiere (und aufmerksame Leser) bemerken, ist der Grund des unplanmäßigen Aufenthalts. Als nur eine Szene unter vielen lesen wir vom Zusammenbruch eines Mannes kurz vor Holbæk, in kurzen Augenblickssequenzen erfährt man von Rufen nach dem Notarzt, sieht wenig später den Rettungsdienst mit einer Trage und erfährt kurz vor Schluss durch die Lektüre eines Passagiers der Internetseite »Nordvestnyt« (ein aktueller Nachrichtendienst), dass der Mann an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Auch auf diese Weise wird aus den isolierten Augenblicksbildern ein Roman, wenn scheinbare Belanglosigkeiten sich zu einem Eindruck fügen, der viele Facetten menschlichen Daseins umspannt. Das Banale steht neben dem Tragischen, Trauer neben Vorfreude, Alltagssorgen neben Existenzproblemen. Zwar gibt es durchaus die für einen Pendlerzug typische Anonymität und Vereinzelung, aber es gibt auch Zusammenhänge, Blicke, Worte und Handlungen, denen dieser Text seine Aufmerksamkeit schenkt und daher als eine der Gesellschaft zugrundeliegende Netzwerkstruktur auch hervorhebt. Die Form des Textes fordert aufmerksames Lesen heraus und ruft mit Hilfe dieser implizierten Lesestrategie dazu auf, Zusammenhänge zu erkennen und herzustellen.

Vor allem aber wird der Text zum Roman, weil es Simon Fruelund gelingt, in jedem der Einzelporträts die Keimzelle einer Geschichte anzulegen, die man weiterlesen möchte. Jedes dieser Leben scheint einen eigenen Roman wert zu sein, hinter jedem »hun« oder »han« verbirgt sich ein Schicksal, über das man mehr erfahren möchte. Der Autor vermag es, diesen anonymen Figuren eine Relevanz zu geben, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, egal ob sie Arbeitsloser, Krankenschwester oder Biologielehrer sind. Die Vereinzelung und Belanglosigkeit, die die Form der Kurzporträts suggeriert, wird also konterkariert von kaum sichtbaren Zusammenhängen, von der Forderung nach Aufmerksamkeit, die der Text als Ganzes erhebt. Insofern stellt Fruelunds Pendlerne doch ein erhellendes und relevantes Porträt der Gegenwartsgesellschaft dar.

Simon Fruelund: Pendlerne. Kopenhagen: Gyldendal, 2014.
(Annegret Heitmann,München, März 2015)

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