AG Neues Lesen

Neues lesen

Seit gut einem Jahrzehnt ist das Interesse an skandinavischer Literatur vielerorts markant gewachsen – auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sind Übersetzungen aus dem Schwedischen, Dänischen und Norwegischen, aber auch dem Isländischen in großer Zahl vertreten.

Dieser breiten Nachfrage entspricht die fachliche Profilierung der Skandinavistik hingegen kaum: Neuerscheinungen oder eine breiter zu fassende Gegenwartsliteratur sind in der skandinavistischen Forschung und Lehre wenig repräsentiert. Eher ziehen Schlüsselepochen wie die Romantik, der Moderne Durchbruch oder die Jahrhundertwende um 1900 weiterhin die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Sie gelten zu Recht als ergiebig für den Vergleich mit anderen europäischen oder internationalen Literaturen, beispielsweise in poetologischer, diskursgeschichtlicher oder rezeptions- und mediengeschichtlicher Hinsicht.

Sicher spielen bei der Bevorzugung bestimmter Epochenschwerpunkte auch die bewährte skandinavistisch-germanistische Kooperation und die unterschiedlichen historischen Phasen der Begeisterung für den Norden eine wichtige Rolle. Gerade eine solche enthusiastische Voreingenommenheit ist heute wieder zu beobachten, wenn auch unter etwas suspekt erscheinenden Vorzeichen, indem man sich etwa mit einem Überangebot an Kriminalromanen oder mit populären Filmserien an skandinavischen Schauplätzen konfrontiert sieht, die längst überwunden geglaubte Stereotype reaktualisieren. Auch diese aktuellen Phänomene der ‚Norden-Begeisterung’, die bereits eigene Narrative und Topoi ausgebildet haben, sind einerseits zu historisieren und andererseits mit selbstreflexiven und selbstkritischen literarischen Texten aus Skandinavien in Beziehung zu setzen.

Gegenwartsliteratur ist von einer globalisierten Situation geprägt, übertragen auf die deutsche Fachgeschichte der Skandinavistik geht dies zudem mit einer Ära des ‚Danach’ einher, ohne dass sich bereits Etiketten für das Neue gefunden hätten: Eindeutig kritisch positioniert sich die skandinavische Gegenwartsliteratur zu den dominanten Rezeptionsparadigmen der 1950er-1980er Jahre: zu den idyllisierten „singenden Wäldern“ und zu dem als vorbildlich begriffenen Wohlfahrtsstaat. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmen gänzlich andere und höchst ambivalente Themen die Agenda – vom Rechtspopulismus bis zur Medienrevolution, vom Ölreichtum bis zur restriktiven Asylpolitik. Dennoch ist weder das Interesse an idyllischen Szenographien noch an lebensweltlichen Utopien außer Kraft gesetzt. Dabei ist durchaus zwischen den einzelnen Ländern zu differenzieren, doch indem von der deutschsprachigen Skandinavistik stets mehrere Nationalliteraturen zugleich im Blick behalten werden, scheint es möglich, eine Gratwanderung zwischen einer globalen und einer postnationalen Perspektive vorzunehmen.

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Theoriegeleitetes Arbeiten ist für Literaturwissenschaftler selbstverständlich. Wenn nun die Arbeitsgruppe die literarischen Texte selbst wieder verstärkt in den Fokus rückt und zum alleinigen Ausgangspunkt ihres Interesses macht, bedeutet dies nicht, dass sie die Illusion eines voraussetzungslosen Lesens pflegt. Der Mehrwert der Arbeitsgruppe besteht vielmehr darin, gerade die unterschiedlichen methodologischen und diskursiven Kontexte in das Gespräch einzubringen, die nicht zuletzt den institutionell bedingten Rahmen der beteiligten Forscher entstammen (Forschergruppen, Forschungsprojekte, institutionelle, aber auch individuelle Schwerpunkte), und damit in ihrer Relevanz für die jeweiligen Lesarten zu relativieren, bzw. in Perspektive zu setzen. Es soll hier also nicht die oft interdisziplinären Verbünden geschuldete Unterordnung unter Leitfragen, gemeinsame Konzepte und Methoden im Vordergrund stehen, sondern die Idee der literarischen Texte selbst, um so die Bedeutung und Besonderheit eines sog. Kleinen Fachs zu festigen und zu betonen. Die Bündelung der Kompetenzen der Mitglieder und ihrer jeweiligen forschungsspezifischen Kontexte geben für die Text-Begegnung dann mögliche Zugänge vor. So können die skandinavischen Gegenwartstexte unserer Überzeugung nach ihre Komplexität ausspielen und möglicherweise zu einer genaueren Bestimmung der skandinavischen Literatur im Zeitalter des „Danach“ beitragen.

Neues lesen / neues Lesen

So erklärt sich denn der doppelt zu verstehende Name der Arbeitsgruppe: In der Version „Neues lesen“ ist der Gegenstandsbereich angedeutet: belletristische Texte der/des letzten Jahre/s. In der Version „neues Lesen“ dagegen ist der Titel als Statement zu verstehen: Nach einer Phase der Professionalisierung des Fachs durch die theoretische Reflexion des literaturwissenschaftlichen Geschäfts soll nun ein Raum etabliert werden, in dem man – innerhalb des akademischen Betriebs – über Literatur ins Gespräch kommen, noch bevor sie in einen akademischen Verwertungszusammenhang eingeführt wird.