„Stories to go – oder: Von Texten und Nachbarn“

Wie viel Literatur lässt sich in einem handlichem DIN-A5-Schuber unterbringen? Die Themenbox Grannar (Nachbarn) des Novellix-Verlages, der mit dem Slogan „Stories to go“ wirbt, bietet Erstaunliches (siehe https://novellix.se/produkt/grannar/).

Zunächst einmal sind neun sehr unterschiedliche Erzählungen versammelt, wobei der internationale Anspruch, der im gleichlautenden Nachwort jedes Heftes formuliert wird, vor allem durch jeweils einen dänischen, norwegischen, amerikanischen und einen kanadischen Text eingelöst werden soll, was einen eher traditionellen Zuschnitt verrät. World Literature wird hier zwar nur zögerlich in den Blick genommen, aber ein wichtiger Grundstein für ein Literaturen übergreifendes und wohl auch transkulturell tragfähiges Projekt könnte gelegt sein. Die Initiatorin und Herausgeberin der Box, die emeritierte Professorin Margareta Petersson, hat nämlich bereits zu postkolonialen Fragestellungen und zum Feld ‚Literatur und Globalisierung‘ geforscht. Sie zeichnet nicht nur für die Auswahl und das Arrangement der Kurzprosa verantwortlich, sondern geht mit der höchst geschätzten Künstlerin Karin Mamma Andersson, die das Coverdesign übernommen hat, dem Verfasser des Vorworts (Jan Gradwall, Journalist und Experte für Populärkultur), den jeweiligen Übersetzenden, nicht zuletzt den involvierten Agenten oder LektorInnen und den skandinavisch- wie englischsprachigen AutorInnen eine Produktionsgemeinschaft ein, auch wenn nicht alle diese Mitakteure namentlich genannt sind. Petterssons Nachwort, ebenso wie Gradwalls Vorwort sind in jedem der neun Hefte abgedruckt und heben zum einen die politische Botschaft hervor, die ethische Verpflichtung zur Fürsorge und zur Solidarität gegenüber Geflüchteten oder MigrantInnen wahrzunehmen. Petersson pointiert, dass soziale und räumliche Nähe bzw. Distanz nicht getrennt voneinander zu denken sind: „Alla är vi grannar med varandras liv.“ (Wir befinden uns ein Leben lang in der Nachbarschaft anderer Leben.) Gradwall betont zum anderen die Schicksalshaftigkeit solcher ‚Nachbar-Lebens-Beziehungen‘: Obwohl sich auf allen lebensweltlichen Gebieten eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten biete, sei eine Auseinandersetzung mit Nachbarn eine klare Notwendigkeit – und das Gelingen oder Scheitern nachbarschaftlicher Beziehungen sowohl gestaltbar als auch kontingent.

Doch warum hat das Team um Petersson nicht einfach eine Anthologie herausgegeben? Warum soll das Ensemble dekorativer Buchobjekte beweglich gehalten werden? Hierauf gibt es eine ambitionierte und zwei schlichtere Antworten.

Das Umschlagdesign mit den farbigen Holzschnitten entfaltet ein reiches Eigenleben, wie ich in meiner ersten Antwort veranschaulichen möchte. Die Titelbilder fordern dazu auf, die Texte in Relation zueinander zu setzen und verschiedene Varianten der Anordnung durchzuspielen, beispielsweise visuell oder inhaltlich, auf die AutorInnen, Nationalliteraturen oder die jeweils problematisierte Facette von Nachbarschaft bezogen. Jede mögliche Reihenfolge kann dabei suggestive Kraft entwickeln.

Auf der Vorderseite der Box sind die Beitragenden in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen (!) genannt, von Aris Fioretos bis Merethe Lindström. Auf der Rückseite finden sich in zwei Reihen übereinander alle Titelbilder en miniature, so dass – in Leserichtung – mit der alltagsfantastischen Geschichte über eine Drachenhöhle (sprich: eine Stockholmer Baustelle mit Untiefen) von Augustin Erba (2017) begonnen werden sollte, und die Versöhnung eines intergenerationalen Mieterstreits bei Kjell Westö (2012) das Happy End bildet.

Für meine Rezension wurde versuchsweise eine Farbskala durchgespielt (siehe oben), was bekanntlich als Anordnungsprinzip für Bücher meist mit verächtlichem Spott bedacht wird. Ordnet man jedoch die Cover von den Pastelltönen bis zu den erdigen, rotbraunen und sattschwarzen Farben an, treten unmittelbar eigensinnige Bezüge hervor: von den Baumstämmen in den schwefelgelben jütischen Sumpfgebieten bei Josefine Klougart (2017) zu den Extremitäten des Pudels, der in Lydia Davis Erzählung „Our strangers“ (1983) einen Kontakt zwischen isolierten Nachbarn herstellt. Die Hand des geheimnisvollen Mitschülers J., die sich über dessen unlesbare Palimpsest-Schrift legt (Fioretos‘ Text), verweist auf die Klaue des Leguan-Drachens. Die laut abgespielten LPs auf dem Westö-Cover sind zwar Anlass eines Konflikts, für den jungen einsamen Mann in Helsinki stellt die Musik aber ein ähnlich lebensintensivierendes Element im Weltverhältnis dar, wie der hohle, angeblich singende Stein für die Protagonistin in Elsie Johanssons Erzählung (2017). Der Kimono, Requisit aus Kim Thuys Kurztext (2017), spiegelt sich in einer Szene in einer Fensterscheibe, während die Trägerin dieses Kleidungsstücks sehnsuchtsvoll in die erleuchteten gegenüberliegenden Fenster blickt und glaubt, mit ihrem imaginären Geliebten in Kontakt zu treten. Die gesamte Serie führt – entlang meiner Farbskala – von der Kindheit (Klougart) bis zum Tod (Lars Norén): Das Maskengesicht auf dem Titelbild von Noréns Erzählung „De sista rummen“ (Die letzten Räume) verallgemeinert die Demenz der Figuren A, B und C, die auf einer Pflegestation ihre mühsame Konversation pflegen, wodurch überindividuelle, möglicherweise gar anthropologische Konstanten in den Blick geraten. Menschen bleiben, wie die Herausgeberin betont, auf ihre Nachbarn angewiesen, wodurch jegliche Autonomiekonzepte effektvoll in Frage gestellt werden. Gerade solche Aspekte sind für eine Nationalliteraturen übergreifende Diskussionsanregung voraussichtlich besonders wertvoll, auch wenn transnationale literarische Bezüge in Peterssons Projekt nur eine unausgesprochene Zielsetzung sind.

Hat man den Fokus auf Requisiten, Motive und Figuren ausprobiert, fällt die besondere Stellung der beiden Landschaftsdarstellungen auf den Covern von Klougarts und Lindströms Kurztexten ins Auge: Das dänische Beispiel („Regn“/‚Regen‘, übersetzt von Johanne Lykke Holm ins Schwedische übersetzt) und das norwegische („Ødelagte byer“/‚Zerstörte Städte‘, übersetzt von Urban Andersson) nutzen die Szenographie für eine atmosphärische Verdichtung, die insbesondere Klougarts Erzählung markant aus der Textsammlung heraushebt. Während sich Lindströms Lob der zufälligen Begegnung, deren Folgen unabsehbar sein können, in der Art der klassischen Short Story gestaltet, nämlich anhand der Figur eines ungarischen Trampers, der unverhofft zum Retter wird, öffnet Klougarts Text Perspektiven auf bohrende, existenzielle Fragen. Klougarts fragmentarische Familiengeschichte in Regn entfaltet (ähnlich sprunghaft und leerstellenreich dargeboten wie Thuys minimalistischer urbaner Schnappschuss in Hitomi) einen Sog des Niedergangs. Der Tod zieht sowohl in das aufgeweichte Terrain als auch in die unwirtlich gewordenen Stallungen und Häuser ein, er wurde durch die Verzweiflung eines Mädchens angekündigt, das die Bewohner des Nachbarhofes vergeblich um Hilfe gebeten hatte – und nicht zuletzt durch ein Gesicht aus Asche, das an diesem Tag auf dem Rahmen der Tür zu sehen war, dessen Schwelle das Mädchen trotz seiner Not noch nicht einmal übertreten durfte. Vielleicht begegnet den Lesenden dieses Aschegesicht in der antiken Totenmaske auf dem Norén-Cover wieder? Ein ganzes Spektrum zwischen Kontingenz und Willkür einerseits und Veränderlichkeit und Gestaltbarkeit des nachbarlichen Zusammenlebens scheint hier auf.

Impulse der Materialität

Nun zu den beiden offensichtlicheren Antworten, die Materialität und die Distributionsform betreffend. Die Titelangaben der Texte sind nicht auf den Coverseiten, sondern auf den Rückseiten zu finden, jeweils über den Kürzest-Leseproben (mit 200 bis 320 Zeichen). Den Front-Illustrationen wird also, in Verbindung mit der Nennung der AutorInnen, besonders nachdrücklich ein großer ‚Handlungsspielraum‘ zuerkannt.

Statt eine stabil verleimte Anthologie zu lesen, können die Rezipierenden von Grannar mit konkreten Prosabausteinen hantieren, die Texte aufeinander zu wachsen lassen, intertextuell verknüpfen oder sie wieder entzerren und ausbreiten, um möglicherweise auch weitere Texte, Filme oder Songlyrics über Nachbarn oder neighbourhood ergänzend in das Mosaik einzufügen. Die Herausgeber von Anthologien sehen dagegen eine sinnstiftende Lesereihenfolge vor, wobei sich die gewählte Reihenfolge aus interpretatorischen Vorentscheidungen und der antizipierten Rezeption ableitet.

Regn kann auch auf dem Smartphone gelesen werden und ist beispielsweise in der E-Book-Version 20 Kronen billiger (siehe https://novellix.se/produkt/regn-e-bok/). Mit Novellix‘ Leitspruch „Novellix – Litteratur i fickformat“ (Literatur im Taschenformat) ist die digitale Nutzung allerdings nicht unbedingt mitgemeint, auch wenn jedes Heft eine passgerechte Leseportion im Pendleralltag bietet, in der Warteschlange, an der Bushaltestelle oder beim Multitasking. Auch wenn eine doppelte Verwertbarkeit sowohl in den Digital- als auch den Printmedien gegeben ist, signalisieren das aufwändige Buchdesign und die hochwertige Verarbeitung (wichtig für die haptische Wahrnehmung), dass die konkreten Hefte ein Deutungsvorrecht beanspruchen. Die Lesezeit von maximal 20 Minuten ist kürzer als bei einem Reclam-Heft: Das Layout der ca. 30 Seiten pro Ausgabe ist nämlich wesentlich spatiöser, der Seitenrand der Novellix-Bände etwas breiter, weshalb die zweistündige ‚Ganzschriftlektüre‘ eines Reclam-Klassikers von über 100 Seiten nur mehr als medienhistorische Rarität erscheint.

Die Materialität beider Darbietungsformen unterscheidet sich demnach gravierend. Natürlich bietet auch das ‚digitale Buchregal‘ die Option, die Einzeltitel von Grannar selbst zu arrangieren oder ein Mosaik der Titelbilder zusammenzufügen, aber nur, wenn man die einzelnen Hefte in der digitalen Version separat kauft. Außerdem gibt die digitale Bibliotheksfunktion der Leseprogramme (z.B. Adobe Bookshelf) bzw. die Smartphone-App in der Regel Ordnungsprinzipien vor, die von den Lesenden zunächst überprüft werden müssen. Welche Gestaltungsmöglichkeiten gestattet ihnen das mediale Dispositiv hier zu? Ein spielerischer Zugang scheint (noch) erschwert.

Darüber hinaus offenbart sich der Zusammenhang der digitalen Einzelhefte den Käufern erst, wenn sie von der Existenz der Box und damit auch dem Projekt-Zusammenhang ‚Nachbarschaft‘ wissen. Also ist das physische Handeln mit den Heften sowieso erst dann wahrscheinlich, wenn man die komplette Box erworben hat.

Zweifellos sollen mit der Novellix-Serie mittels just dieser Materialität Sammlerinstinkte angesprochen werden. In der Buchhandlung und zu Hause lassen die unterschiedlich umfangreichen Boxen (Dreier-, Vierer- oder Fünfer-Schuber) oder die Einzelhefte dekorativ platzieren. Zierliche Bücherregale oder Buchaufsteller, die ermöglichen, die Cover frontal zu präsentieren, ermöglichen eine mobile Bibliophilie jenseits des Digitalen. Auch eine kleine Holzstaffelei oder ein Fotoständer bieten sich an, um die persönlichen Lesefrüchte als Kunstobjekte darzubieten. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieses Möblement des compact reading eines Tages die ‚Kultur der Bücherregale‘ wiederbeleben kann.  

(Antje Wischmann, Wien)

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Den, der lever offentligt / Wer öffentlich lebt – Leonora Christina Skov: Den, der lever stille (2018)

Cover Leonora Christina Skow "Den, der lever stille"In Dänemark ist Leonora Christina Skov, wie man so schön sagt, weltberühmt. Sie hat bislang fünf Romane geschrieben, ist aber auch als Rezensentin, als LGBT-Aktivistin, Feuilletonistin und Herausgeberin aktiv; auf Instagram begleitet sie ihre Aktivitäten medial durch eine Fülle von Fotos. Schon allein durch ihre Medienpräsenz hat sie einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, der durch ihr neues autobiographisches Buch noch einmal gesteigert wird. Die Rezensenten bemühen Worte wie »hjertskærende, vidunderlig, rørende, bevægende, fantastisk, gribende« (herzzerreißend, wunderbar, rührend, bewegend, phantastisch, ergreifend) und Superlative wie »En stærk læseoplevelse af den ypperligste slags« (ein starkes Leseerlebnis der besten Art; alle auf der Werbeseite des Gyldendal Verlags).

Schon allein die Resonanz, die dieses Erinnerungsbuch in der dänischen Öffentlichkeit ausgelöst hat, fordert eine Beschäftigung damit heraus. Was hat dieses Buch zu bieten und worin besteht seine Faszinationskraft? Etwas grundsätzlich Neues stellt es nämlich nicht dar: Es ist ein Erinnerungs- und Bekenntnisbuch, eine Selbstfindungsgeschichte, eine Auseinandersetzung mit dem Herkunftsmilieu. All das haben wir in Autobiographien schon hundertfach gelesen und um eine Autobiographie handelt es sich, auch wenn »Roman« auf dem Titelblatt steht. Doch zum Genre später mehr.

Das Buch handelt von der Verwandlung der Christina Skov in Leonora Skov. Nach einer zwar gutsituierten, aber freudlosen Kindheit, in der sie sich nicht akzeptiert und besonders von der egozentrischen Mutter nicht geliebt fühlt, beginnt mit der Studienzeit in Kopenhagen die Selbst(er)findung als Lesbe und Schriftstellerin. Dieser Prozess geht einher mit der Namensänderung, dem Studium der Literaturwissenschaft, Lektüre- und Schreiberlebnissen, Liebesbeziehungen zu Frauen und der Entdeckung von farbenfroher Mode, Makeup und Lippenstiften. Das coming out hat den Verstoß aus dem Elternhaus zur Folge – was angesichts der Tatsache, dass er sich im Dänemark der 1990er Jahre abspielt, einigermaßen überraschend ist. Zur Erinnerung: Dänemark war das erste Land der Welt, das bereits am 26. Mai 1989 ein Gesetz zur Registrierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften eingeführt hat. Doch das Buch führt uns in ein Milieu, das offenbar weit entfernt ist von der gesetzgeberischen Liberalität.

Der Text setzt ein mit der Sterbeszene der Mutter, die zwölf Jahre lang an einer Krebskrankheit gelitten hat. Schonungslos wird nicht nur das Sterben, sondern auch die Entfremdung und Kälte zwischen Mutter und Tochter geschildert, die durch Rückblicke in die Kindheit intensiviert werden. Das Aufwachsen der Ich-Erzählerin war geprägt durch die Lieblosigkeit einer Mutter, die selbstbezogen, möglicherweise sogar psychisch krank, auf jeden Fall aber ohne Empathie für ihr Kind war. Immer standen ihre eigenen Gefühle im Zentrum, das Kind muss sich stets in Relation zur Mutter verhalten. Zudem herrschten im Elternhaus strenge Regeln: Geschlafen wird im eigenen Bett und im Dunkeln, Süßigkeiten sind verboten, das Haar wir streng zurückgekämmt, gute Noten sind selbstverständlich. Jegliches Zuwiderhandeln wurde nicht nur bestraft, sondern immer als Auflehnung gegen die Mutter interpretiert. Eine solche Erziehung produziert permanente Schuldgefühle des Kindes, die nur durch Fluchten in Fantasiewelten erträglich werden. Insofern wird eine extreme Kindheitserfahrung beschrieben. Anderseits enthält das Porträt der Mutter durchaus etwas Geschlechtstypisches: Der Roman entwirft das Bild einer sich zwanghaft über die Mutterschaft definierenden Frau, für deren fehlende Eigenständigkeit die Tochter verantwortlich gemacht und bestraft wird.

Die Ablehnung durch die Mutter erreicht ihren Höhepunkt, als die Tochter, nachdem sie zum Studium nach Kopenhagen gezogen ist, ihr coming out als Lesbe hat. Auch das wird in Relation zur Mutter und zum Elterhaus verstanden und als absolut inakzeptabel bewertet. Die Tochter verstößt damit nicht nur gegen die heteronormativen Vorstellungen der Eltern, sondern auch gegen eine der Grundregeln des Elternhauses, die da lautet »Den, der lever stille, lever godt« (Wer still lebt, lebt gut). Es dürfte auf eine große Anzahl von Mädchen zutrfeffen, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren erzogen wurden, dass sie die Maxime des »Was sollen denn die Leute denken« zu beherrschen hatten. Die streng normierte Mädchenerziehung, die als Berufswunsch höchstens Krankenschwester oder Kindergärtnerin akzeptierte, die Schminke und schicke Kleider als unmoralisch abwertete und die jede Widerrede als Liebesentzug gegenüber der Mutter bewertete, war sicher kein Einzelfall und könnte sozialhistorisch und -psychologisch hergeleitet werden. Die extreme Form der empathielosen Erziehung, die dieses Buch beschreibt, verlangt aber eher nach einer individual- oder tiefenpsychologischen Erklärung. Beides bleibt in diesem Text jedoch aus, er steht ganz im Zeichen des Selbstfindungsverlaufs.

Als Schritt heraus aus dem repressiven Elternhaus erfolgt im Handlungsgang des Textes nun »En ny begyndelse« (Ein Neuanfang), wie eines der elf, sehr unterschiedlich langen Kapitel heißt, das genau in der Mitte des Buches platziert ist. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich der Charakter des Textes, es folgt eine lebhafte Schilderung des Daseins in der neuen großstädtischen Umgebung und Porträts neuer Freundinnen sowie zahlreicher Liebhaberinnen. Auch das Studium der Literaturwissenschaft und die Liebe zur Literatur, die schon seit frühester Kindheit auch das eigene Schreiben umfasst hatte, gehört zu dieser neuen Identität, beschränkt sich jedoch auf name-dropping und erhält in der Darstellung weit weniger Gewicht als die Veranschaulichung von Kleidern und Lippenstiften, Möbeln und Bars. Die vielen Beschreibungen von »røde glimmersko med plateau […] og min pinupkjole [med] leopardkanter« (314; roten Glitzerschuhen mit Plateausohlen […] und mein[em] Pinup-Kleid [mit] Leopardenkanten) erinnern an Mode-Blogs und sind oft geprägt von Klischees. Will man wirklich wissen, welches Parfum und welche Lippenstiftfarbe die Ich-Erzählerin jeweils bevorzugt? Und will man – als Leser*in – alle die Ingrids, Kikis, Marias, Jannis, Ellinors, Louisas, Pias, Dortes, Julies usw. wirklich kennenlernen? In dem (viel zu) langen Mittelteil verliert die Autorin die im Anfangsteil eröffnete Thematik der Beziehung zur Mutter aus den Augen und ergeht sich wortreich in Beschreibungen ihres Kopenhagener Milieus. Hätte sie sich doch an den Dialog mit der Verlegerin ihres ersten Romans erinnert, die sie ermahnt hat, ihren Text nicht zu überladen und zu erkennen, »at det handlede lige så meget om at holde igen« (296; dass es ebenso darum ging, sich zu beschränken). Diesen Rat hat sie leider in ihrem autobiographischen Werk nicht befolgt. Es gerät diesem Text nicht zum Vorteil, dass die Autorin sich auf 2000 Seiten Tagebuchaufzeichnungen stützen konnte, wie sie selbst angibt. Weniger wäre mehr gewesen.

Gegen Ende kehrt das Buch zu der sterbenden Mutter und der Mutter-Tochter-Beziehung zurück. Jetzt scheint sich das Verhältnis gebessert zu haben; psychologisch ist der harte Kontrast von dem schonungslosen Anfang zum eher versöhnlichen Ende nicht ganz nachvollziehbar, der Bogen über den munteren Mittelteil hinweg wird nicht wirklich überzeugend gespannt. Was vor allem verwundert, ist in Zeiten von Autofiktion und Selbstreflexivität die fast völlig fehlende Genrereflexion des Textes. Die Autorin ist immerhin ausgebildete Literaturwissenschaftlerin (mit einer Examensarbeit und eigenen Texten im Genre »gothic fiction«), doch die Gattung der Autobiographie hat ihr offenbar wenig Kopfzerbrechen bereitet. Dabei wurde das alte Genre von Anfang an von Überlegungen über Wahrheitsansprüche, Erinnerungsvermögen, Selektionsverfahren, Selbstwahrnehmung und Re-konstruktion begleitet. Autobiographie ist nicht nur auto und bios, sondern auch graphein, die Überformung durch Schrift. Im vorliegenden Fall stimmt der Inhalt des Buches in allen Details – bis auf ein paar geänderte Namen – mit den zahlreich vorhandenen Selbstaussagen in journalistischen Texten, Interviews und den sozialen Medien überein. Die angebliche Fiktionaliserung, die die Gattungsbezeichnung Roman erwarten lässt, wird nicht erkennbar; als Ausdrucksform genutzt und markiert ist sie zumindest nicht.

Nach einem formal vielversprechenden Textbeginn, der mit den autobiographietypischen zwei Zeitebenen von ›Damals‹ und ›Jetzt‹ operiert und provokativ den Tod – einen Endpunkt – initial setzt, von dem aus Rückblicke auf Kindheitsepisoden eingeflochten werden, verliert sich zunehmend diese autobiographische Doppelbödigkeit. Zunächst wird auch der Entstehungprozess des Textes selbstreflexiv eingebracht: »Jeg vil skrive om min mor og vores forhold« (S. 44; Ich will über meine Mutter und unser Verhältnis schreiben). Im Dialog mit der Lebenspartnerin Annette wird nicht nur dieses Vorhaben, sondern es werden auch die anfänglich damit verbundenen Schwierigkeiten entfaltet, wobei es allerdings nicht um Darstellungsprobleme geht, sondern eher um ethische Fragen (Auslieferung der dargestellten Personen) und um die eigene Befindlichkeit beim Schreiben. Leider fällt auch dieser selbstreflexive Strang der Erinnerungsfülle des mittleren Teils mit all seinen high heels und Lippenstiftfarben zum Opfer. Eine kleine Passage in diesem bunten Teil enthält dann doch wieder ein wenig Selbstreflexion in einem witzigen Seitenhieb auf die minimalistische »forfatterskole«-Literatur: »Louisa skrev kort-prosa om tomme, hvide lejligheder« (241; Louisa schrieb Kurzprosa über leere weiße Wohnungen) und ihr Leben sieht genauso aus: »Hvide rum og ganske få ting [….] På den halvtomme reol stod der et par dusin bøger, en lille stak cd´er og en enkelt blyant i et glas« (243; Weiße Räume und ganz wenige Dinge […] Auf dem halbleeren Regal standen ein paar Dutzend Bücher, ein kleiner Stapel CDs und ein einzelner Bleistift in einem Glas). Mit wenigen Worten entwirft Skov hier nicht nur eine ironische Charakteristik einer Poetik und einer Lebensweise, sondern nimmt auch eine Abgrenzung dazu vor – sie trennt sich von Louisa und ihrem einsamen Bleistift. Eine solche Passage zeigt gleichzeitig den Wert und die Aussagekraft der sparsam gesetzten Worte, der Andeutungen, die das Buch ansonsten über weite Strecken vermissen lässt.

Es wird kein Zweifel am Wahrheitsgehalt gesät und schon gar nicht an der Bedeutung der vielen Episoden, Menschen, Orte und Songtitel für das erzählte Ich, doch die Relevanz für den Text (und die Leser*innen) ist in vielen Fällen unklar oder nicht gegeben. Die Identitätskonstruktion, die die Autobiographie aufbaut, verläuft bruchlos von einer problematischen Ausgangssituation hin zu einer Selbstfindung – mit Schriftstellererfolg und Liebeglück (mit Annette). Das zweite Anliegen des Textes, das initial gesetzte Rätsel, das das Verhalten der Mutter ihrer Tochter gegenüber aufgibt, wird nicht aufgelöst, auf einen diesbezüglichen Brief am Ende des Textes (der die Gattungskonvention der Gothic Fiction aufnimmt) gibt es keine Antwort. Die Lebenshaltung des »Den, der lever stille« (Wer still lebt) wird nicht wirklich erkundet oder begründet. Statt dessen ergibt sich als der überwiegende Einruck des Buches ein »Den, der lever offentligt« (Wer öffentlich lebt), eine Selbstinszenierung der Erfolgsautorin Leonora Christina Skov, der LGBT-Aktivistin, der Instagram-Selbstdarstellerin. Dem dänischen Lesepublikum hat dieses Programm offenbar gefallen: Die Gewährung voyeuristischer Einblicke in die Lebensgeschichte einer öffentlichen Person lässt sich wohl als modernes Märchen lesen.

Leonora Christina Skov: Den, der lever stille. Roman. Kopenhagen: Politikens forlag, 2018
(Annegret Heitmann, München)

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Poetische Fremdheitsstudie – Jesper Wung Sung: En anden gren (2017)

Jesper Wung Sung ist ein anerkannter dänischer Autor, der seit seinem Debüt im Jahr 1998 ein vielseitiges Werk vorgelegt hat: etliche Romane und Erzählbände, Theaterstücke, Filmmanuskripte und eine große Anzahl an Jugendbüchern. Einige seiner Texte sind ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt worden. Besonders für seine Kinder- und Jugendbücher ist er bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Für seinen jüngsten, sehr umfangreichen Roman En anden gren (Ein anderer Zweig; 534 Seiten) erhielt er den begehrten Preis „De gyldne Laurbær” (Die goldenen Lorbeeren) des dänischen Buchhandels.

Es ist ein bemerkenswerter Roman, der die Geschichte des ungleichen Ehepaares Ingeborg Danielsen und San Wung Sung erzählt, die sich im Jahr 1902 in Kopenhagen kenngelernt haben. Die Namengleichheit zwischen dem Autor und dem männlichen Protagonisten deutet an, dass wir es mit einer Familiengeschichte zu tun haben, der Geschichte von Jesper Wung Sungs Urgroßvater. Eine im Buch abgedruckte Fotografie bezeugt die Authentizität der Romanpersonen. Doch der Roman leistet weit mehr als eine persönlich motivierte Spurensuche; er enthält – neben der familiären Thematik – mindestens vier weitere Verständnisebenen: ein Zeit- und Ortsbild der Jahre 1902 bis 1926, konzentriert vor allem auf Kopenhagen und Berlin, eine postkolonialistisch inspirierte Kritik an Diskriminierung und Rassismus, ein psychologisches Porträt zweier Liebender sowie eine Studie in Fremdheit. Diese Aspekte sind natürlich miteinander verschränkt und erhellen einander. Sie machen aus der Geschichte von San und Ingeborg einen reichen und trotz seiner ungewöhnlichen Geschichte repräsentativen Roman.

Sein erzählerischer Kern besteht in dem Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten im Kopenhagener Tivoli, wo die Bäckereiverkäuferin Ingeborg eine Ausstellung des sogenannten chinesischen Dorfes besucht, dort auf San trifft und sich sofort in ihn verliebt. Beide sind zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Zusammen mit einer Gruppe von 33 Landsleuten war San in seiner Heimatstadt Canton angeheuert worden, um als Ausstellungsobjekt dem dänischen Publikum chinesische Menschen, Traditionen und Alltagstätigkeiten vorzuführen, als ein »totaloplevelse af eksotisk virak. Se dér, og dér og dér« (S. 77; Totalerlebnis von exotischem Theater. Sieh dort, und dort und dort). Nach zunächst heimlichen Treffen beschließen die beiden zusammenzubleiben. Er kehrt nicht mit seiner Gruppe nach China zurück und sie nicht in ihr Elternhaus und ihre Bäckerei, aus denen sie wegen der ›Rassenschande‹ verstoßen wird. Es beginnen Jahre der Armut und der Anfeindungen in Abbruchhäusern und mit Gelegenheitsarbeiten, bis sie 1906 die Chance erhalten, nach Frederikshavn zu ziehen, wo San als Kellner eine Arbeit bekommt. Als sie bereits zwei Kinder haben, erhält Ingeborg endlich die Genehmigung ihres Vaters zur Eheschließung, verliert dadurch aber gleichzeitig ihre Staatsbürgerschaft:

»Du er en kvinde« [sagt der Standesbeamte zu ihr] »Du bestemmer ikke noget. Du har som sådan ingen rettigheder, men du har en nationalitet. Du ved, at hvis du gifter dig med en kineser, mister du dit statsborgerskab? […] Du er, hvad din mand er – og han er ingenting.«

(Du bist eine Frau. Du bestimmst nichts. Du hast als solche keine Rechte, aber du hast eine Nationalität. Du weißt, dass du deine Staatsbürgerschaft verlierst, wenn du einen Chinesen heiratest? […] Du bist, was dein Mann ist – und er ist nichts.)

Doch die beiden heiraten, und als sich Sans Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, ziehen sie um in ein milderes Klima. Im neuen Wohnort Berlin kommen sie erstmals zu bescheidenem Wohlstand, indem San seinen Traum von einem Restaurant verwirklichen kann. Der Traum nimmt ein jähes Ende, als der erste Weltkrieg ausbricht und der Fremdenhass in Deutschland gefährlich für die Familie wird, so dass sie zurück nach Dänemark fliehen. Die letzten zehn Jahre von Sans Leben verbringt die Familie mit vier von ursprünglich sechs Kindern – zwei sind in Berlin gestorben – dann wieder in der dänischen Hauptstadt. Als San im Jahr 1926 an Tuberkulose stirbt, bietet die Perspektive des Sohnes Herbert (der der Großvater des Autors ist) einen kurzen Ausblick auf die nachfolgende Generation. Den Plot des Romans stellt also zunächst einmal eine ungewöhnliche und große Liebesgeschichte dar, die entgegen allen Widrigkeiten Bestand hat.

Erzählt wird die Geschichte in oft poetischer Sprache aus wechselnden Perspektiven. Fokalisierungsinstanz der personalen Perspektive sind abwechselnd San und Ingeborg. Als Leser nehmen wir einerseits an ihrem jeweiligen Blick auf die Welt teil, in der sich beide auf ihre je eigene Art fremd und als Außenseiter fühlen. Andererseits bewirkt die Poetisierung, dass wir zwar die Sinnlichkeit dieser Liebe nachempfinden können, und doch immer eine Distanz zu den Personen bewahren. Gefühle werden vor allem durch die Handlungen der beiden Liebenden, durch Ingeborgs entschlossene Tatkraft und durch Sans unerschütterliche Ruhe umgesetzt. Beider Blick auf das Leben und aufeinander bleibt von einer Fremdheit bestimmt, der zeigt, dass Nähe und Liebe trotz eines Andersseins möglich sind. So gibt es vieles, was die beiden Liebenden trotz ihres bedingungslosen Vertrauens zueinander nicht verstehen oder offenbaren, wie z.B. Sans Hang zum Glücksspiel oder seine ewigen Wanderungen durch die Stadt, für die keine Erklärung geliefert wird.

Es ist diese Vermittlung von Alterität, die die erkenntnistheoretische Ebene des Romans ausmacht. Die Akzeptanz des Anderen verändert den eigenen Blick: »Hun ser byen som hun tror han ser den, og det kaster et nyt lys over gader og stræder« (224: Sie sieht die Stadt so wie sie glaubt, dass er sie sieht, und das wirft ein neues Licht auf die Straßen und Gassen). Die Ruhe des alles erduldenden San bleibt selbst für die Frau, die ihn sein Leben lang liebt und begleitet, ein Enigma, das die Erzählung zu bewahren sucht, ebenso wie auch ihre Suche nach einem anderen Leben und ihre Tapferkeit sich aus einem Gefühl der Nichtzugehörigkeit ergibt, das die Erzählstimme attestiert und respektiert. Fremdheit, so scheint der Roman wie Georg Simmel zeigen zu wollen, ist »permanent und potenziell« vorhanden. In der globalisierten Welt ist der Fremde nicht »der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern […] der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde«.[1] Und als buchstäblicher, unermüdlicher Wanderer in den Städten veranschaulicht San Wung Sung die ethische Herausforderung, die das Fremsein für die ›anderen‹ mit sich bringt.

Darüber hinaus hat der Text, schon durch seinen Authentizitätsanspruch, natürliche eine historisch-politische Ebene. Sie betrifft zum einen die detaillierten Zeitbilder des städtischen Lebens in Kopenhagen, das im Zeichen des gründerzeitlichen Aufbruchs steht, und in Berlin, das von einer weltoffenen Metropole in kürzester Zeit zu einer Hochburg des Nationalismus wird. Die Stadtschilderungen warten mit großer Detailfülle auf, die anschaulich den Umbruch zeigen, den die rapide Entwicklung von Gebäuden, Straßenzügen und Verkehrsmitteln mit sich bringt. Unterkunft und Schutz findet das Paar zunächst in diversen Kellern und Abbruchhäusern, die ein letztes Überbleibsel des alten Kopenhagen vor der Modernisierung ausmachen. Vor allem aber betrifft das Zeitbild die Mentalität der Menschen, die in dieser Welt des Übergangs leben.

Hier zeigen sich am Schicksal des als fremd empfundenen Chinesen und seiner aus der Gesellschaft ausgestoßenen Ehefrau der Chauvinismus, die Engstirnigkeit und der Rassismus gegenüber jeglicher Form der Alterität. Die Diskriminierung reicht vom Exotismus, der das Fremde als Objekt der Neugier behandelt, über Demütigungen bis hin zur offenen Gewalt, die den Fremden buchstäblich mit Füßen tritt und anspuckt. Kopenhagen, dessen Elite sich ungefähr gleichzeitig für die Kultur des fernen Ostens begeisterte – was sich nicht zuletzt populärkulturell in der Architektur des Tivoli niederschlug – tritt als eine fremdenfeindliche, engstirnige Gesellschaft hervor, in der Chauvinismus und Frauenfeindlichkeit ineinandergreifen. Einen einzigen friedfertigen Chinesen konnte diese Gesellschaft nicht tolerieren, ebenso wenig wie eine Frau, die sich dem vorgezeichneten Weg entzieht. Von ihrer eigenen Familie wird sie als eine Art Hexe verstoßen (Kap. 73). In dem zunächst kosmopolitisch scheinenden Berlin gab es Rückhalt durch eine kleine Gruppe chinesischer Landsleute, der aber nicht von Dauer sein konnte, weil durch die Kriegshetze gegen alles Fremde – insbesondere nach Eintritt Japans in den Krieg – der Aufenthalt für die dort lebenden Asiaten lebensgefährlich wurde. Alles Nicht-Deutsche wurde als Feind und alles Asiatische als Japanisch eingestuft.

Der Authentizitätsanspruch des Romans wird nicht durch Quellenangaben untermauert. Nur einmal wird kurz ein Tagebuch Ingeborgs erwähnt und anzitiert, doch wir müssen annehmen, dass eher mündliche Überlieferungen innerhalb der Familie dem sorgfältig recherchierten Gerüst an Fakten und Daten zugrunde liegen. Schließlich ist die Protagonistin Ingeborg Wung Sung erst 1962 gestorben, neun Jahre vor der Geburt des Autors, der seine Informationen von seinem Großvater Herbert haben dürfte. Doch der Roman will sicher kein Geschichtsbuch sein; es sind die Empfindungen – sowohl der Liebe als auch der Alterität – , die im Vordergrund der Poetik stehen. Nicht nur die Traumsequenzen und Sprachbilder, sondern auch intertextuelle Anspielungen schreiben den dokumentarischen Fall in die dänische Literatur ein. Natürlich kommt H.C. Andersens Märchen von der Nachtigall vor – gegen Ende tritt San Wung Sung sogar in einer Ballettaufführung des Märchens im Königlichen Theater auf (Kap. 96). Er trifft auf Johannes V. Jensen (Kap. 25), der – wie wir wissen – sich für das und die Fremde interessiert hat und gerade seine Weltreise plante. Vor allem aber gibt es Szenen, die man als Reminiszenzen an Karen Blixen verstehen kann, eine andere Dänin, die Fremdheit literarisch erkundet hat. Ingeborgs Vorstellung, nicht das Kind ihrer Eltern zu sein, ruft Blixens »Det drømmende Barn« in Erinnerung (z.B. S. 292). Der schlaflose Mann, der durch Sklavenhandel reich geworden ist (Kap. 51), lässt an den reichen Kaufmann in »Den udødelige Historie«/»The immortal Story« (oder den Vater von Lincoln Forsner in «Drømmerne«) denken, und Sans Lebensleitbild vom Kranich (Kap. 23) kann man mit Blixens Storch aus Den afrikanske Farm vergleichen. Auch wenn es sich nicht um bewusste Anspielungen handeln sollte, zeigen die Szenen, welche Geschichten und Bilder Jesper Wung Sung schafft, um der Erzählung von seiner Familie eine verallgemeinernde und sinnlich nachvollziehbare Bedeutungsebene zu geben.

Auch der Titel des Romans vereint die poetische und die politische Dimension des Textes: »en anden gren« (ein anderer Zweig) ist einerseits ein Naturbild, das bereits die dominante Thematik der Alterität aufruft. Andererseits spielt es an auf Ingeborgs Lektüre in der Königlichen Bibliothek, die sie aufsucht, um etwas über die Nationalität des Mannes zu erfahren, in den sie sich verliebt hat. Sie findet dort Bücher über Rassenkunde, die Stammbäume abbilden, in denen die Arier an der Spitze stehen, während der Abstand »til den gren længere nede [… ] hvor der står: Kinesere« (S. 117; zu dem Zweig weiter unten […], auf dem Chinesen steht) groß zu sein scheint. Dieser Roman zeigt, wie falsch dieses Bild vom Stammbaum ist, weil es impliziert, dass es nur einen Stamm gäbe, dem die Zeige untergeordnet wären. Hier wird der Blick auf Zweige gerichtet, die unterschiedlich, aber gleichwertig sind. Die ethische Herausforderung des Fremdseins, von der Theoretiker wie Bernhard Waldenfels oder Anthony Appia schreiben,[2] inszeniert dieser Roman am eindringlichen Beispiel einer dänisch-chinesischen Liebes- und Familiengeschichte. Sie ist realistisch und poetisch zugleich, vielschichtig und anrührend, und sie weckt Empörung und Bewunderung gleichermaßen.

Jesper Wung Sung: En anden gren. Rosinante: Kopenhagen, 2017.
(Annegret Heitmann, München)

[1] Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe, hrsg. Von Rammstedt/Ottheim, Frankfurt a.M., 1992, S. 43.

[2] Bernhard Waldenfels: Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1, Frankfurt a.M., 1997; Kwame Anthony Appiah: Cosmopolitanism. Ethics in a World of Strangers, London, 2006.

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