Sachbuch und Familienalbum: zu den Zwangsumsiedlungen der Sámi

Cover des Buchs "Herrarna satte oss hit" von Elin Anna Labba

Das kleine Kind schreit verängstigt, obwohl es seinen eigenen Vater sieht: Elle erkennt sein Gesicht nicht; die Sprache, die er spricht, ist ihr fremd. Aus Angst, dass sie als Säugling den Winter in der zeltähnlichen Kote nicht überleben könnte, wurde Elle als Baby bei einer anderen Familie untergebracht. Eigentlich möchten ihre Eltern sie so schnell wie möglich wiederhaben, doch als sie zwangsumgesiedelt werden, wird die Familie auseinandergerissen. Erst mit drei Jahren kann Elle von ihrem Vater abgeholt werden. 

Ihre Familie ist nur eine von vielen, deren Geschichte die samisch-schwedische Journalistin Elin Anna Labba in Herrarna satte oss hit beschreibt. Das Anfang 2020 erschienene Buch wurde im selben Jahr mit dem prestigeträchtigen Augustpreis in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet. Die Monografie enthält eine starke persönliche Note, die für ein dokumentarisches Format wohl etwas ungewöhnlich ist. Diese rührt jedoch daher, dass Herrarna satte oss hit Labbas Bedürfnis entsprang, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen,  da ihre Familienbande durch die Zwangsumsiedlungen durchtrennt wurden. Das Buch beschränkt sich aber keineswegs auf eine reine Aufarbeitung der Familiengeschichte, sondern möchte auf ein vernachlässigtes Kapitel der skandinavischen Geschichte aufmerksam machen. Zugleich setzt Labba die Zwangsumsiedlungen in einen globalen Kontext, indem sie darauf hinweist, dass diese Art der Vertreibung ein gängiges Muster in der Unterdrückung indigener Völker ist und dennoch zu selten thematisiert wird:

„Sverige följer i det här ett mönster som gäller för urfolk världen över. I Australien tvångsomhändertas aboriginers barn, på Kallallit Nunaat har man tvångsinternerat inuiter. I USA kallas stigarna som Cherokee och andra nationer har tvingats vandra för The Trail of Tears. Urfolks ärvda sår finns nästan aldrig i historieböckerna. Även i Sverige är den samiska historien samisk, den räknas inte som svensk. På norsk sida av Sápmi handlar det här om ’svensksamerna’. Där räknas det inte heller till något som rör dem.” (S. 181) 

„Schweden folgt hier einem Muster, das indigene Völker auf der ganzen Welt betrifft. In Australien wurden die Kinder der Aborigines in Gewahrsam genommen, auf Kallallit Nunaat [Grönland] wurden Inuit zwangsinterniert. In den USA werden die Pfade, die man Cherokee und andere Nationen zu gehen zwang, The Trail of Tears genannt. Die vererbten Wunden indigener Völker finden in Geschichtsbüchern fast nie Erwähnung. Auch in Schweden gilt die samische Geschichte als samisch und nicht als schwedisch. Auf der norwegischen Seite von Sápmi wird von ‚Schwedensam*innen‘ gesprochen. Dort wird es auch nicht als etwas wahrgenommen, was Norwegen betrifft.“ (alle Übersetzungen von HN)

Die Zwangsumsiedlungen begannen 1919 in Schweden; die Gründe dafür liegen jedoch um einiges weiter zurück. Ausschlaggebend waren die entstehenden Grenzen zwischen den skandinavischen Ländern und Finnland: Während sie in den vergangenen Jahrhunderten auf der Landkarte nur grob skizziert waren, wurden sie im Laufe des 18. Jahrhunderts immer präziser festgelegt. Auch der Zeitgeist der Nationalromantik verschlechterte die Situation für Minderheiten, denn in Norwegens „imagined community“ (Benedict Anderson) war kein Platz mehr für die Sámi. Der norwegische Staat beschloss, das Land im Norden, das viele nomadische Sámi seit langer Zeit als Rentierweide gebrauchten, nun nur für die ‚eigenen‘ Leute landwirtschaftlich verfügbar zu machen. Schweden und Norwegen einigen sich 1919 in der Renbeteskonvention (dt.: Rentierweidenübereinkommen), die Anzahl der Rentiere an vielen Orten zu beschränken, deren saisonale Routen zu unterbinden und Rentierhaltung an den Küsten sowie auf Inseln und Halbinseln überhaupt zu untersagen. Viele Sámi, die zuvor dort gelebt hatten, sollten an südlichere Orte umgesiedelt werden. Die zuständige staatliche Behörde in Schweden war das Lappväsendet, der die Lappvogte unterstanden, die die Umsiedlungen organisierten. Als Kontrollorgan fungierte dabei auch die Kirche, da die Pfarrer die Namen der Umzusiedelnden an ihre Kollegen im Süden weiterleiteten und so kontrollieren konnten, wer umgesiedelt worden war. Eine Alternative zu den Umsiedlungen gab es im Übrigen kaum – wer sich weigerte, hatte mit hohen Geldstrafen zu rechnen bzw. musste einen großen Teil der eigenen Rentiere schlachten – beides hätte den finanziellen Ruin für die meisten bedeutet. 

Das Rentierweidenübereinkommen blieb für viele Betroffene undurchsichtig – es wurde ins Schwedische, Norwegische und Finnische übersetzt, jedoch nie in die samischen Sprachen. Hinzu kam, dass wenige Sámi lesen oder schreiben konnten. Dies gereichte den Behörden mitunter zum Vorteil: Während der ersten Jahre brauchte es noch eine zustimmende Unterschrift der Umzusiedelnden, doch da viele Analphabet*innen waren, verstanden viele nicht, was sie unterschrieben. Die Behörden hatten schließlich auch kein Interesse daran, transparent zu kommunizieren – so erfuhren viele Umgesiedelte erst bei der Ankunft an ihrem zugewiesenen Wohnort, dass die Umsiedlungen permanent waren. Nicht nur das Verschweigen von Informationen, sogar das Vorgaukeln falscher Tatsachen war dabei nicht ungewöhnlich: Vielen Sámi wurde weites, ungenutztes Weideland für ihre Rentiere versprochen, dabei wurde das Land im Süden bereits von anderen Sámi und deren Rentieren genutzt; durch die Zwangsumgesiedelten wurde der Platz also knapp, was wiederum zu Spannungen zwischen den Sámi führte. Labba stieß in ihrer Recherche sogar auf gefälschte Dokumente. So soll sich jemand für finanzielle Unterstützung zur Umsiedlung bei den Behörden bedankt haben, bloß erklärt die erwähnte Person Labba im Interview, dass er nie einen Geldbetrag erhalten und dementsprechend auch nie ein Dankesschreiben eingereicht hätte. 

Verteidigt wurden die Umsiedlungen mit der Begründung, dass die Betroffenen ja Nomad*innen seien und somit ohnehin über keinen festen Wohnsitz verfügten. Dass die nomadischen Sámi nicht an willkürlichen Stellen Halt machten, sondern zwischen den altbekannten jahreszeitabhängigen Weideplätzen der Rentiere wanderten, kümmerte die Behörden nicht. 

Die Zwangsumsiedlungen waren nur ein Teil der vielen diskriminierenden Maßnahmen gegen die Sámi: Treibende Kraft hinter diesen waren im 19. und 20. Jahrhundert vor allem die rassistischen Ideen des Sozialdarwinismus, laut denen die Sámi weniger „entwickelt“ wären als die übrigen Menschen in Skandinavien – die letzten Reste einer primitiven Kultur, die bald vom Fortschritt hinweggerafft werden würde. An vielen der (zwangsumgesiedelten) Sámi wurden Untersuchungen nach damals akzeptierten wissenschaftlichen Maßstäben durchgeführt, um diese Hierarchisierung zu legitimieren: Schädel- und Körpervermessungen, Fotografien, für die sich die Sámi nackt ausziehen mussten – Methoden, die aus heutiger Sicht nur als Pseudowissenschaft bezeichnet werden können. Die Kataloge des Staatlichen Instituts für Rassenbiologie in Schweden sind nur einige der vielen Quellen, die Labba in ihrer Recherche für Herrarna herangezogen hat. Das Institut war lange unter der Führung von Herman Lundborg, dessen Leben und rassistische Einstellungen Maja Hagerman in Käraste Herman dokumentiert hat, welches 2015 für den Augustpreis nominiert war. 

Labbas Buch erzählt keine fortlaufende Geschichte, Berichte der historischen Begebenheiten wechseln sich mit Labbas Reflexionen über die eigene Familienvergangenheit ab. Fotografien wurden ebenso einbezogen wie Interviewausschnitte, Faksimiles von Gesetzestexten der schwedischen und norwegischen Behörden, Zeitungsartikel, Briefe, Landschaftsfotografien und -zeichnungen sowie Texte des Joik, des traditionellen samischen Gesangs. Die Präsentation der multimedialen Quellen macht das Buch auch zu einem überzeugenden ästhetischen Objekt. Der fragmentierte Aufbau des Buches mag gleichzeitig auch versuchen, der durch die Zwangsumsiedlungen ausgelöste Zersplitterung Ausdruck zu verleihen. 

Den größten Teil des Buches nehmen Abschnitte ein, die auf jeweils eine Person und deren Familie fokussieren und die Erlebnisse der bággojohtin, wie die Umsiedlungen auf Nordsamisch auch genannt werden, mit einer erzählerischen Dynamik wiedergeben. Durch die durchgehende Fokalisierung einer Figur schildert Labba die Zwangsumsiedlungen und gibt Einblick in die Gedanken der Betroffenen. Zwar kann das Gefühlsleben der Betroffenen nur rekonstruiert werden, aber die Innensicht wird nicht fiktiven Figuren überantwortet, sondern verweist auf dokumentarisch verbürgte Biographien: Im Zuge ihrer Recherchen, auf denen diese Schilderungen beruhen, hat die Autorin Interviews mit nahezu hundert 100 Zeitzeug*innen und deren Nachkommen geführt. Anstatt die Diversität der Schicksale einer vereinfachten und homogenisierenden Darstellung durch eine Reduktion auf Eckdaten zu opfern, wird die Vielfältigkeit der Erfahrungen durch diesen ‚Zoom‘ auf Individuen und deren unmittelbare Bezugspersonen verdeutlicht. 

”Vad finns kvar för dem om de stannar? Om de stannar, tvingas de nog ändå iväg senare. Första gången herrarna ville ha iväg dem var Jouná inte ens född. Han känner ingen som har klarat sig bra de sista åren. De har själva förlorat en tredjedel av renarna på bara några år. Sedan gränserna stängdes har det blivit mer och mer outhärdligt.” (S. 39)

„Was bleibt ihnen, wenn sie bleiben? Wenn sie hierbleiben, werden sie ja doch später gezwungen werden umzusiedeln. Beim ersten Mal, als die Herren sie loswerden wollten, war Jouná noch nicht einmal geboren. Er kennt niemanden, der oder die in den letzten Jahren gut zurechtgekommen ist. Sie selbst [Jouná und seine Familie] haben ein Drittel ihrer Rentiere in nur wenigen Jahren verloren. Seitdem die Grenzen geschlossen wurden, ist alles immer unerträglicher geworden.“ 

Auch die Fotografien (die jeweils mit den Namen der Abgebildeten versehen wurden) verstärken die persönliche Ebene. Insgesamt wird so eine Intimität zwischen Lesenden und Beschriebenem geschaffen. Dadurch kann bei der Lektüre der Monografie der Eindruck entstehen, es werde durch ein Familienalbum geblättert. Dies mag mitunter sogar ein intertextueller (bzw. intermedialer) Verweis auf einen der berühmtesten samischen Autor*innen sein: Nils-Aslak Valkeapää (Áillohaš) inkludierte in seinem Gedichtband Beaiviáhčážan (dt. Die Sonne, mein Vater) ebenso verschiedene Fotografien, um eine große, samische Familie und deren Verbundenheit darzustellen (Vuokko Hirvonen: „Saamische Literatur“. In: Jürg Glauser (Hg.) Skandinavische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 20162, S. 499).

Darüber hinaus trägt Herrarna, dazu bei, den kargen Forschungsstand zu den Zwangsumsiedlungen zu erweitern: Obwohl das Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten gegenüber den Sámi langsam wächst, gibt es bisher nur wenige Publikationen, die sich dezidiert mit den bággojohtin auseinandersetzen. (Darunter ist eine dreiteilige Doku-Reihe von SVT mit dem Titel Bággojohtin, in der Elin Anna Labba selbst auftritt und über ihre Forschungsarbeit erzählt). Darüber hinaus versucht das Buch auch, das Schweigen in der samischen Community zu brechen und einen Austausch zu ermöglichen, den das Trauma der Zwangsumsiedlungen lange unmöglich gemacht hat. In einem Interview erzählt die Enkelin einer Zwangsumgesiedelten über ihre Großmutter: 

„Hon ville tillbaka till Norge”.
”Berättade hon något om tvångsförflyttningarna?”
”Nej, det kom aldrig på tal. Hon nämnde det aldrig. Det var som att det var förträngt.” (S. 28)

„Sie wollte zurück nach Norwegen.“
„Hat sie von den Zwangsumsiedlungen erzählt?“
„Nein, das kam nie zur Sprache. Das hat sie nie erwähnt. Es war, als hätte sie es verdrängt.“ 

Elin Anna Labba: Herrarna satte oss hit. Om tvångsförflyttningarna i Sverige. Stockholm: Norstedts, 2020. 

(Hannah Nüchtern)

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Stine Pilgaard feiert die Sprache

Schon der Debütroman von Stine Pilgaard wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin bei dem dänischen Lesepublikum bekannt. Nach dem Erstling Min mor siger (Meine Mutter sagt), der 2012 an diesem Ort besprochen wurde, folgte 2015 der wiederum viel gelobte und ebenso viel gelesene Roman Lejlighedssange (Gelegenheitslieder). Von der Kritik hervorgehoben wurde auch hier vor allem das Sprachgefühl der Autorin, ihr Sinn für Komik und präzise Dialoggestaltung. Fünf Jahre später legt sie nun wieder einen Roman vor, der von den Rezensenten auf ähnliche Weise gepriesen wird. So schrieb Lone Nikolajsen in Information von einer „formfuldendt komedie om normalitet“ (formvollendeten Komödie über Normalität; 15.5.2020). Immer werden die humoristisch oder parodistisch geschilderte Alltäglichkeit der Ereignisse, die Wiedererkennbarkeit und der Sprachwitz betont. Merete Reinhold schrieb in Berlingske Tidende: „Man bliver med andre ord et både gladere og mildere menneske af at læse denne bog, og uden at man rigtig opdager det, får man tillige indsigt i dem og os, sig selv og de andre.“ (Man wird mit anderen Worten ein fröhlicherer und sanfterer Mensch durch die Lektüre dieses Buches, und ohne dass man es gewahr wird, gewinnt man gleichzeitig Einsichten in sie (die Figuren) und uns, in sich selbst und in andere; 20.5.2020). Insofern war das Buch eine gute Wahl, um den neuen Gutkind Verlag, der zu der schwedischen Bonniers Gruppe gehört, zu begründen.

Obwohl auf dem Titelblatt die Gattungsbezeichnung Roman steht, sollte Stine Pilgaards neues Buch nicht um seines Plots willen gelesen werden, sondern mit Blick für das Detail. Die Erzählung hat zwar einen chronologischen Aufbau und einen gewissen drive, doch ein langsames Lesen, ein Genießen in kleinen Häppchen lohnt sich weit mehr als ein zielgerichtetes Verfolgen des Handlungsfadens. Es sind die kleinen Pointen, die nahezu aphoristisch daherkommen und die Einsichten versprechen. So geht es z.B. einmal um das Älterwerden und die Verärgerung darüber, dass Frauen „blive[r] opfattet som et madprodukt med en udløbsdato“ (als ein Lebensmittel mit einem Verfallsdatum aufgefasst werden; 32), ein anderes Mal um den Charakter der Volkshochschule als „et koncentrat, en Maggi-terning af menneskenes drømme om fællesskab“ (ein Konzentrat, ein Maggi-Würfel menschlicher Träume von einer Gemeinschaft; 29): ein drittes Mal geht es darum, dass ”[t]ermerne, der bruges i forbindelse med dating, er hentet fra forbrugersproget” (die Ausdrücke, die in Verbindung mit dating benutzt werden, aus der Verbrauchersprache entlehnt sind; 208).

Die Ich-Erzählerin berichtet in knappen, anekdotisch geprägten Abschnitten vom Leben einer Kleinkind-Mama, die als ”påhæng” (Anhang), wie sie es nennt, eines Lehrers nach Westjütland, gezogen ist, in ”de korte sætningers land” (das Land der kurzen Sätze; 264). Dazu muss man nun wissen, dass eine dänische Volkshochschule eine Art Internat mit einem Allgemeinbildungsauftrag ist, das meist von jungen Leuten direkt nach dem Schulabschuss für ein Jahr besucht wird. Weiterhin muss man wissen, dass der Westen von Jütland eine flache, von Wind und Windkraftanlagen dominierte Landschaft ist, die im Ruf steht, die Heimat sehr schweigsamer Menschen zu sein. Diese und andere in Dänemark bekannte Tatsachen lassen den Roman für deutsche Leser*innen zu einem Stück Landeskunde werden. Doch darum geht es natürlich nur am Rande. Im Zentrum der Handlung stehen die Erfahrungen der jungen Mutter in einer für sie fremden Umgebung. Sie verbringt unendlich viel Zeit damit, Fahrstunden zu nehmen und berichtet viel von der Müdigkeit der jungen Eltern und dem nicht einfachen Hineinwachsen in die Mutterrolle. Dazu gehört, dass sie neue Freunde und eine kompetente Tagesmutter findet. Am Rande bekommen wir auch ein paar Einblicke in das Volkshochschulleben, die Unterrichtsthemen und die Verliebtheiten der Jugendlichen. All das wird lebhaft und einem munteren Ton erzählt, und doch ist die Handlung nur von begrenztem Interesse. Über erfolglose Fahrstunden haben wir schon bei Dorte Nors, über Kleinkindeltern bei Nikolaj Zeuthen und über die dänische Provinz bei Helle Helle oder Ida Jessen gelesen; thematisch bietet der Roman also wenig Neues.

Aber nachdem Pilgaards Erzählerin einen Job als Kummerkasten-Redakteurin bei dem Lokalblatt bekommen und begonnen hat, zu dem berühmten dänischen Volkshochschul-Gesangbuch (noch so ein Landeskunde-Thema!) neue ”højskole(protest)sange” (Volkshochschul(protest)lieder) hinzuzudichten, bringt das nicht nur Abwechselung in ihr Leben, sondern auch in die Form des Romans. Die (natürlich fiktiven) Fragen und Antworten des Kummerkastens auf der einen und die Liedtexte auf der anderen Seite werden in den fortlaufenden Romantext über das Alltagsleben der Erzählerin eingefügt. So ergibt sich ein schneller Wechsel von drei unterschiedlichen Textsorten, was strukturell das häufig unterbrochene Dasein der schreibenden Mutter eines kleinen Kindes spiegelt. Bei genauerem Nachsehen entdeckt man allerdings, dass dieser zufällig wirkende Wechsel doch einer regelmäßigen Struktur folgt: Das Buch besteht aus drei Teilen und jeder Teil enthält genau neun Kummerkasten-Passagen und drei Lieder, von denen eines die jeweiligen Teile beschließt. Auf diese Weise macht die Form auf die Konstruiertheit der Schilderung aufmerksam und deutet an, dass es um anderes und mehr geht als um die meist lustigen Episoden. Auch wenn vieles davon sehr nah an dem Leben der Autorin ist und leicht wiedererkennbare Elemente aus der Wirklichkeit enthält (so tritt z.B. Anders Agger auf, ein in Dänemark bekannter Moderator, der an der Westküste lebt), geht es sicher nicht um eine autobiographische Selbstbespiegelung oder gar um Bekenntnisliteratur, was schon durch die Distanz schaffende Komik verhindert wird. Besonders deutlich wird das in den Kummerkasten-Antworten, die gerade keine psychologischen Tiefenbohrungen darstellen, sondern verallgemeinern, verwundern oder gar das Anliegen der Fragenden auf den Kopf stellen und verdrehen, wenn sie zu Konklusionen kommen wie: ”spørg ikke dig selv, hvem du vil giftes med, spørg, hvem du kunne tænke dig at blive skilt fra” (frag dich nicht, wen du heiraten willst, frag, von wem du gerne geschieden würdest; 135).

Was alle drei Texttypen verbindet, ist ein Subtext, der die Sprache selbst zum Gegenstand hat. Viele überraschende Formulierungen bringen den humoristischen Charakter des Romans hervor, aber sie machen darüber hinaus selbstreflexiv auf die elementare Bedeutung der Sprache, auf ihre Unentbehrlichkeit aufmerksam. Sprache, Subjekt und Wirklichkeit gehören zusammen. So heißt es, die Erzählerin ”tænker i prosa” (denkt in Prosa; 20), ja, sie wird selbst zu einer Erzählung (”jeg blev selv til en fortælling”, 43), und in einem sehr schönen, an ihren Partner gerichteten Liebeslied erklärt sie ”vi mødtes i sproget, et hemmeligt sted” (wir haben uns in der Sprache getroffen, an einem geheimen Ort; 100). Die Sprache tritt in ihren vielen Facetten als elementar für das menschliche Zusammenleben hervor: Es geht um den Spracherwerb des Kleinkindes, um die Bedeutung der Namengebung für das ganze Leben, um Sprache als Ausdrucksform und Kommunikation, um Gesprächstempo und verschiedene Codes und sprachliche Register sowie schließlich um Sprache als Erneuerung und schöpferische Kraft. All das funktioniert nicht reibungslos; wenn auch Sprache und Gedanken untrennbar verbunden sind, kann es problematisch sein ”når tanker transformeres til ord uden tegn på redigering” (wenn Gedanken in Wörter tranformiert werden ohne jegliches Zeichen der Überarbeitung; 83). Es kann zu Kommunikationsproblemen kommen, wenn es mit der Erzählerin durchgeht und sie gewissermaßen vom Diskurs gesteuert wird und schließlich ”står alene i en suppe af lyde” (alleine in einer Suppe von Lauten steht; 18). Es gibt Situationen, da überkommt sie das Gefühl ”af at have glemt mit manuskript” (mein Manuskript vergessen zu haben; 82) oder Menschen, die von Liebe sprechen wollen, ”går vild i en jungle af metaforer” (verlieren sich in einem Dschungel von Metaphern; 141). Sie warnt vor fehlender Präzision, ”mod forretsmetaforer i salatdiskussionen” (vor Vorspeisenmetaphern in der Salatdiskussion; 119). Aber es geht auch um sprachlichen Einfallsreichtum und um ihre Ausdruckskraft, wenn die Erzählerin Sprache mit ”en avanceret sexleg” (einem avancierten Sex-Spiel; 235) vergleicht und mahnt: ”Gør jer umage!” (Gebt Euch Mühe!; 235). Diese Überblendungen von Sprache, Leben und Subjektivität sind unterhaltsam und setzen die aus den vorherigen Romanen bekannte Dialog-Kunst und Sprach-Artistik fort. Doch über ein amüsantes oder unverpflichtendes Sprachspiel geht der permanent unterlegte Verweis auf die Sprache hinaus. Der Roman vertritt dadurch einen fundamentalen Glauben an die Sprache als eine elementare menschliche Fähigkeit zum Selbstausdruck sowie als Basis für Kommunikation, Gemeinschaftsbildung und Kreativität.

Besonders in den eingefügten Liedern zeigt sich die verwandelnde Kraft der Sprache, wenn nicht nur neue, sondern oft überraschende Wörter zu bekannten Melodien aus dem Volkshochschul-Gesangbuch hinzugefügt werden. Da findet sich ein sozialdemokratisches Kampflied neben bekannten Grundtvig- und Bellman-Liedern und dem in Dänemark legendären Poul Dissing (noch mehr Landeskunde!). ”Lille Idas sommervise” (aus Astrid Lindgrens Emil i Lönneberga) wird zu einer Elegi, religiöse Lieder werden säkularisiert, es gibt ein Frühlingslied ohne Hoffnung und ein Winterlied ohne Schnee. Begleitend zu dem Buch wird eine Musik-CD veröffentlicht, auf der Katrine Muff Enevoldsens neue Vertonungen der Lieder zu hören sind. Eines davon, das wunderbare ”Fortabt er jeg stadig” (Verloren bin ich immer noch; 100), wird in die kommende Ausgabe des Højskolesangbogen (Volkshochschul-Gesangbuch) aufgenommen werden und ist unter https://www.youtube.com/watch?v=7aLEDxP9f9w auf youtube zu hören.

Immer wieder überrascht die Sprache dieses Romans und gibt der Überzeugung Ausdruck, auf die Wirklichkeit einwirken und sie verändern zu können. Nach der in der Moderne vorherrschenden Sprachskepsis und der postmodernen These von der endlosen Zirkulation der Signifikanten, feiert Stine Pilgaard die Möglichkeiten und die Kraft der Sprache. Unprätentiös, witzig und souverän benutzt sie deren Werkzeuge und zeigt gleichzeitig den Reichtum an Möglichkeiten, den die Sprache bietet. Ausdrucks- und Kommunikationsschwierigkeiten sind durchaus Teil dieses sprachlichen Handelns, doch getragen wird der Roman von dem Glauben an die Sprache.

Stine Pilgaard: Meter i sekundet. Roman, Gutkind Verlag, Kopenhagen, 2020.

(Annegret Heitmann)

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Sind graue Aale patrilinear?

Der Titel von Patrik Svenssons Topseller kündigt eine Erzählung an, doch werden in den 18 Buchkapiteln zahlreiche Erzählstränge zusammengeführt, um das geheimnisvolle Leben der Aale aus unterschiedlichen Perspektiven zu ‚erforschen‘. Von der allgemeinen Naturgeschichte des 17. Jahrhunderts über die Zoologie und Fischkunde bis zum Ecocriticism des 21. Jahrhunderts wird der kulturhistorische Zeitrahmen gespannt. Flankiert wird dies von einem autobiographischen Erinnerungsstrang des Ich-Erzählers, der einst von seinem Vater das Aalefischen lernte. Auf diese Weise macht der essayistische Roman die Analogführung der Lebenswege von Aalen und Menschen zu seinem Programm, bis schließlich sogar der Tod des Vaters mit dem Aussterben der Aale in Beziehung gesetzt wird. Wie Wissen entsteht und tradiert wird und zu welcher erstaunlichen bis absurden Sinnstiftung wissenschaftliche Forschung fähig sein kann, bildet einen weiteren Schwerpunkt des Buchs, das 2019 den Augustpreis erhielt.

Der ökokritischen Agenda entsprechend werden die Interdependenzen aller Lebewesen in einem ‚Netzwerk der Natur‘ herausgestellt, wobei die Schriften der Meeresbiologin Rachel Carson besonders gewürdigt werden. Carsons literarischer Griff, sich in die Wahrnehmungs- und Empfindungswelt eines weiblichen Aals hineinzuversetzen, legitimiert Svenssons Bemühungen, sich versuchsweise das potentielle ‚Bewusstsein‘ eines Aales anzueignen. Nichtsdestotrotz markiert er durch die Einbindung der skeptischen Resultate von Thomas Nagel in What is it like to be a bat? (1974) kritische Distanz zum emphatischen Verfahren, das in der Literatur durch den Einsatz von Erzählperspektiven und eine psychologisierende Figurencharakteristik allgemein anerkannt ist.

Mit seinem Suchauftrag identifiziert sich der Ich-Erzähler sowohl mit den Aalen, die er mit dem schweigsamen Vater gemeinsam erlebt hatte, als auch mit den Aal-Gestalten, die in verschiedenen Fachdisziplinen analysiert und (fehl-)gedeutet wurden. In den Resümees der Forschung tritt wie nebenbei hervor, wie sehr die fachwissenschaftlichen Texte auf literarische Verfahren angewiesen sind und dass selbst empirische Experimente nur dann plausibel gemacht werden können, wenn deren Beschreibungen eingängige Erzählmuster befolgen.

Seine metaphorische, symbolische oder allegorische Kraft behält der Aal selbst in vielen einschlägigen wissenschaftlichen Diskursen. Und damit nicht genug – mit Svensson könnte man sogar argumentieren, dass die Wissenschaft den Aalmythos ungewollt weiter bereichert hat. Selbst beim heutigen Forschungsstand sind wesentliche Bereiche des Aaldaseins nach wie vor Spekulationen überlassen.

Eines der Rätsel, die die sogenannte Aalfrage ausmachen, besteht in der unklaren Herkunft und Abstammung. Während Aristoteles auf die Erklärung verfiel, dass der Aal aus dem Lehm am Meeresgrund herausgewachsen sei, verwandten die Forschenden späterer Epochen viel Zeit darauf, die Fortpflanzung der Aale zu ergründen, insbesondere war es schwierig, das Laichen in der Sargassosee überhaupt beobachten zu können, wobei sich das geheimnisvolle Treiben in der Tiefsee – laut Svensson – bis heute jeglicher evidenzbasierten Forschung verweigert. Ohnehin wurde die Aalforschung dadurch erschwert, dass der Aal in seinen vier Lebensphasen in ganz unterschiedlichen Erscheinungen auftritt: Die Aal-Larven wurden erst 1923 vom dänischen Biologen Johannes Schmidt entdeckt („The breeding places of the eel“, in: Philosophical Transactions oft he Royal Society of London). Das zweite Stadium als kleiner Glasaal erinnert wenig an die späteren Weiterentwicklungen zum jugendlichen Gelbaal oder schließlich zum reifen schwarzgrauen Blankaal im vierten Stadium, der seinen Körper für die Fortpflanzung und die lange Reise zur Sargassosee regelrecht umbaut. Mitunter wurden ganz einfach die falschen Aale untersucht, um die virulenten Fragen anzugehen. Das Untersuchungsmaterial hätte die Antworten gar nicht liefern können.

Dies war beim 19-jährigen Sigmund Freud auf besonders eklatante und wohl auch entlarvende Weise der Fall: In Trieste sezierte er vergeblich Hunderte von Fischen – vermutlich Gelbaale – um den anatomischen Beweis zu führen, dass Aale mit Hoden ausgestattet sind. Svensson kostet es genüsslich aus, Freuds eigene Verwirrungen des Trieblebens mittels ‚metaphorischer Ansteckung‘ auszugestalten. Der ehrgeizige junge Mann habe sowohl attraktive Passantinnen in Trieste als auch seine rätselhaften Aale „las bestias“ genannt und zugleich eine interessante Frau namens Gisela Fluss als Fischechse (Ichthyosaura) tituliert. Durch die Vielstimmigkeit der forschungshistorischen Positionen wird meist vereitelt, den Aal als Phallussymbol oder geschlechtsspezifisch konnotiert aufzufassen. Die von Freud in die kulturelle Wissenszirkulation eingespeisten Ambivalenzen zwischen erotischer Reizung und Triebekel veranschaulicht, wie breit das metaphorische Spektrum ist. So erklärt sich auch, dass Aale weitaus schlechter als eine schützenswerte Art inszeniert werden können; mit Eisbären, Kiwi-Vögeln oder Honigbienen könnten sie niemals konkurrieren.

In Svenssons Interpretation der berühmten Aalszene aus Günter Grass‘ Roman Die Blechtrommel (1959) wird der Widerwillen gegen den Aas fressenden Fisch eindringlich geschildert. Nachdem ein Ostseefischer einen Pferdekopf als Köder verwendet hat, sammelt sich eine ganze Schlangengrube aus sich windenden Aalen im Kranium an. Dieses Gebilde zieht der Fischer aus der Tiefe des Wassers herauf und traumatisiert mit dem grotesken Anblick die schwangere Agnes, eine der Figuren des Grassschen Romanklassikers. Die Ähnlichkeit des gefüllten Kraniums mit einem Medusenhaupt bleibt in Svenssons Erörterung unberücksichtigt, obwohl er einen psychopathologischen Bezug herstellt zur verweigerten Mutterschaft der schwangeren Agnes. Sie entwickelt nach dieser Begebenheit einen krankhaften Appetit auf Aalfleisch und stirbt. Für die autobiographische Leitmotivik wiegt indes die unklare väterliche Herkunft der Grass‘schen Hauptfigur Oskar Matzerath schwerer. Der Junge Oskar weiß nicht, welcher Partner der Mutter sein Vater ist.

Der literarischen Szene stellt der Ich-Erzähler nun eine erinnerte Vater-Sohn-Episode mit einer vergleichbaren Fangmethode zur Seite, bei der eine besonders große Menge an Regenwürmern zur Anwendung kommt („klumning“): Die angelockten Aale verfallen in einen gierigen Rausch und vergessen ihre Wachsamkeit, so dass die Fischer sie mit der Hand fangen können. Vater und Sohns empfinden diese Art des Aalfischens als beklemmend. Unmissverständlich steht der Aal für verdrängte Lüste und für die Risiken einer Enthemmung. Svensson schließt etwas großzügig sogar auf das Unbewusste und das Metaphysische.

Die lange Wanderschaft des Aals mit seiner Zielausrichtung auf die Fortpflanzung und den Tod in der Sargossasee wird in diesem hybriden Werk als ein Antrieb dargestellt, nach Hause zu kommen, eher noch einen Lebensabschnitt oder Ort zum Eigenen zu erklären („hitta hem“, S. 83). Entsprechend des individuellen, unterschiedlich lang andauernden Gestaltwandels der Aale mag sich das Streben nach diesem Ziel mal offenkundig, mal eher latent verraten. Die Kontingenz menschlichen Lebens möchte Svensson ‚aalphilosophisch‘ damit begründen, dass Aale in unterschiedlichen Lebensaltern zum Blankaal werden und ihre Reise antreten. Aale scheinen den Zeitpunkt des Übergangs zur nächsten Metamorphose-Stufe geradezu eigen-sinnig mitzuentscheiden, auch können sie ein extrem hohes Alter erreichen.

Der Vater des Ich-Erzählers hatte seinen eigenen Vater (in der Großelterngeneration) nicht gekannt. Die gemeinsamen Angelerlebnisse von Vater und Sohn, deren Schilderungen sich zu einem coming of age-Verlauf anordnen, bilden daher ein nostalgisches Zentrum des Buchs. Anders ausgedrückt: Die anekdotischen Abschnitte zur Aalforschung, Emblematik oder Kulturgeschichte erhalten durch das ‘Aalevangelium für den Vater‘ einen roten Faden. Durch den Buchtitel ist die Option einer naturreligiösen Verklärung gegeben. Doch zugleich wird diesem Kitsch-Risiko entgegengewirkt: Der fiktionale Charakter und die Polyphonie der Bibel werden hervorgehoben, denn Vater und Sohn sind ausdrückliche Skeptiker. Beim Kindesgottesdienst hätte der Ich-Erzähler gefragt: „Men vem har hittat på allt det här egentligen?“ („Aber wer hat sich denn das alles ausgedacht?“ S. 217). Das Buch Mose, das den Aal als unreines Tier ohne Schuppen und Kiemen tabuisiert, wird somit als ein Text unter vielen relativiert.

Intelligenterweise werden das willkürliche Wuchern der Wissensbestände und das Kontingenzthema also auch auf eine textprogrammatische Ebene gehoben. Wie sich eine Tradierungskette ergibt, die bestimmte Strukturen und Metaphern begünstigt, ist auch in der Generierung der literarischen Texte angelegt. Svenssons Aalbuch hat nämlich eine berühmte Metamorphosen-Vorstufe: Graham Swifts Roman Våtmarker (Waterland) 1983, der einige der bei Svensson ausgeführten Episoden und Denkfiguren vorwegnimmt.

Svensson zollt diesem prägenden Werk Tribut:  

Ålens verkliga paradroll, åtminstone inom litteraturen, återfinns […] i den engelska författare Graham Swifts roman Våtmarker från 1983. Den handlar om historieläraren Tom Crick som försöker fånga sina uttråkade och naturvetenskapligt inriktade elevers intresse genom att berätta historier om sig själv och sin barndom. […] Berättelsen är opålitlig och prövande. Men ålen är där hela tiden. Från ursprunget till utslocknandet. Den slingrar sig genom berättelsen som en ständig påminnelse om allt det som under historien gömts undan eller glömts bort. (S. 130)

Die Paraderolle des Aals, wenigstens innerhalb der Literatur, findet sich […] im Roman Waterland (1983) des englischen Autors Graham Swift. In diesem Buch geht es um den Geschichtslehrer Tom Crick, der versucht, das Interesse seiner Schülerinnen und Schüler zu wecken, indem er persönliche Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. […] Der Erzählvorgang ist unzuverlässig, er tastet sich vor. Doch der Aal ist immer präsent. Von seinem Ursprung bis zur Auslöschung. Er windet sich durch die Erzählung hindurch, wie eine ständige Erinnerung an all das, was in der Geschichte verborgen geblieben ist oder vergessen wurde. (Arbeitsübersetzung, AW)

Als weitere prägende Text-Urheberin qualifiziert sich Rachel Carson, gerade mit ihrem Buch über die Aalin Anguilla (River and Sea, 1941). Auf diese Weise hat Svenssons Band sogar ein textliches Elternpaar.

Die konsequent verfolgte Mensch-Aal-Analogie gerät doch im Hinblick auf den Vater-Sohn-plot weniger überzeugend, da Svensson das hohe Pathos, das die Protestliteratur gegen das Artensterben inzwischen kennzeichnet, von der anthropozänen Skala aller Erdenbewohner auf das individuelle Schicksal herunterbrechen muss. Darüber hinaus deutet sich eine Neubewertung der Vaterschaft für den Ich-Erzähler an. Während der Großvater unbekannt blieb, scheint der eigene Vater durch das gemeinsame Hobby und die im Buch dokumentierten Aalstudien nah geworden. Auf dem Wege von Enthüllung und Verrätselung wird ein literarisches Denkmal für den zugewandten Vater geschaffen.

Das Aussterben der Aal-Art beruht auf Umweltgiften, der Überfischung sowie der Entstehung neuer Krankheiten und Parasiten. Der Tod des Vaters, eines in den 1940er Jahren geborenen Asphaltarbeiters, belegt den tragischen Niedergang der schwedischen Arbeiterklasse und die Abwicklung eines gesundheitsschädlichen Erwerbszweigs, so dass nun auch der krebskranke Straßenbauer als einer der letzten seiner Art erscheinen muss.

Darüber hinaus bleibt der Vater durch die erfolgreiche Natur-Sensibilisierung seines Sohnes zugleich in ein Netz aus guten Mächten eingebunden. Sein Auftrag an den Sohn, das Geheimnis des Aales zu erhalten und wie einen lebensweltlichen Erinnerungsschatz zu hüten, ruft naturromantische Vorstellungen auf. Dass der Sohn seinem Vater sogar möglicherweise in Gestalt eines Blankaals – in einem Süßwassersee des Sommerhauses – noch einmal wiederbegegnet, deutet die letzte Passage des Romans an.

„Jag vet att det var en ål för att jag såg den. Sakta slingrade en sig upp ur mörkret och kom mot mig. Den var stor och gråblek, men ögon som svarta knappar, och den såg på mig som för att försäkra sig om att jag också såg den. Och jag släppte linan och såg hur den lossnade från kroken precis när den nådde ytan, vände och gled ner i det fördolda igen.

En stund satt jag kvar på knä vid sjökanten. Det var alldeles tyst och sjön låg blank, solen glänste som ett vitt sken på vattenytan och allt där under doldes som bakom en spegel. Det var en hemlighet vad som gömdes där under, men denna hemlighet var nu också min.” (S. 269)

”Ich weiß, dass es ein Aal war, weil ich ihn sehen konnte. Zögerlich wand er sich aus der Dunkelheit herauf und schwamm auf mich zu. Er war groß und hellgrau, die Augen wie schwarze Knöpfe, und er sah mich an, als ob er sich vergewissern wollte, dass auch ich ihn gesehen hatte. Ich ließ die Schnur los und konnte sehen, wie er sich vom Haken befreite, gerade als er an die Wasseroberfläche gelangte, kehrtmachte und wieder ins Verborgene hinabglitt.

Es war völlig still, und der See lag ruhig da, das Sonnenlicht glitzerte weiß auf der Wasseroberfläche, alles darunter war wie hinter einem Spiegel verborgen. Was sich dort unten versteckte, war ein Geheimnis, aber dieses Geheimnis gehörte nun auch mir.“

Patrik Svensson: Ålevangeliet. Berättelsen om världens mest gåtfulla fisk, Stockholm: Bonniers, 2019. (Evangelium der Aale, übs. von Hanna Granz, München: Hanser, 2020)

(Antje Wischmann, Abt. Skandinavistik, Universität Wien)

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