„Stories to go – oder: Von Texten und Nachbarn“

Wie viel Literatur lässt sich in einem handlichem DIN-A5-Schuber unterbringen? Die Themenbox Grannar (Nachbarn) des Novellix-Verlages, der mit dem Slogan „Stories to go“ wirbt, bietet Erstaunliches (siehe https://novellix.se/produkt/grannar/).

Zunächst einmal sind neun sehr unterschiedliche Erzählungen versammelt, wobei der internationale Anspruch, der im gleichlautenden Nachwort jedes Heftes formuliert wird, vor allem durch jeweils einen dänischen, norwegischen, amerikanischen und einen kanadischen Text eingelöst werden soll, was einen eher traditionellen Zuschnitt verrät. World Literature wird hier zwar nur zögerlich in den Blick genommen, aber ein wichtiger Grundstein für ein Literaturen übergreifendes und wohl auch transkulturell tragfähiges Projekt könnte gelegt sein. Die Initiatorin und Herausgeberin der Box, die emeritierte Professorin Margareta Petersson, hat nämlich bereits zu postkolonialen Fragestellungen und zum Feld ‚Literatur und Globalisierung‘ geforscht. Sie zeichnet nicht nur für die Auswahl und das Arrangement der Kurzprosa verantwortlich, sondern geht mit der höchst geschätzten Künstlerin Karin Mamma Andersson, die das Coverdesign übernommen hat, dem Verfasser des Vorworts (Jan Gradwall, Journalist und Experte für Populärkultur), den jeweiligen Übersetzenden, nicht zuletzt den involvierten Agenten oder LektorInnen und den skandinavisch- wie englischsprachigen AutorInnen eine Produktionsgemeinschaft ein, auch wenn nicht alle diese Mitakteure namentlich genannt sind. Petterssons Nachwort, ebenso wie Gradwalls Vorwort sind in jedem der neun Hefte abgedruckt und heben zum einen die politische Botschaft hervor, die ethische Verpflichtung zur Fürsorge und zur Solidarität gegenüber Geflüchteten oder MigrantInnen wahrzunehmen. Petersson pointiert, dass soziale und räumliche Nähe bzw. Distanz nicht getrennt voneinander zu denken sind: „Alla är vi grannar med varandras liv.“ (Wir befinden uns ein Leben lang in der Nachbarschaft anderer Leben.) Gradwall betont zum anderen die Schicksalshaftigkeit solcher ‚Nachbar-Lebens-Beziehungen‘: Obwohl sich auf allen lebensweltlichen Gebieten eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten biete, sei eine Auseinandersetzung mit Nachbarn eine klare Notwendigkeit – und das Gelingen oder Scheitern nachbarschaftlicher Beziehungen sowohl gestaltbar als auch kontingent.

Doch warum hat das Team um Petersson nicht einfach eine Anthologie herausgegeben? Warum soll das Ensemble dekorativer Buchobjekte beweglich gehalten werden? Hierauf gibt es eine ambitionierte und zwei schlichtere Antworten.

Das Umschlagdesign mit den farbigen Holzschnitten entfaltet ein reiches Eigenleben, wie ich in meiner ersten Antwort veranschaulichen möchte. Die Titelbilder fordern dazu auf, die Texte in Relation zueinander zu setzen und verschiedene Varianten der Anordnung durchzuspielen, beispielsweise visuell oder inhaltlich, auf die AutorInnen, Nationalliteraturen oder die jeweils problematisierte Facette von Nachbarschaft bezogen. Jede mögliche Reihenfolge kann dabei suggestive Kraft entwickeln.

Auf der Vorderseite der Box sind die Beitragenden in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen (!) genannt, von Aris Fioretos bis Merethe Lindström. Auf der Rückseite finden sich in zwei Reihen übereinander alle Titelbilder en miniature, so dass – in Leserichtung – mit der alltagsfantastischen Geschichte über eine Drachenhöhle (sprich: eine Stockholmer Baustelle mit Untiefen) von Augustin Erba (2017) begonnen werden sollte, und die Versöhnung eines intergenerationalen Mieterstreits bei Kjell Westö (2012) das Happy End bildet.

Für meine Rezension wurde versuchsweise eine Farbskala durchgespielt (siehe oben), was bekanntlich als Anordnungsprinzip für Bücher meist mit verächtlichem Spott bedacht wird. Ordnet man jedoch die Cover von den Pastelltönen bis zu den erdigen, rotbraunen und sattschwarzen Farben an, treten unmittelbar eigensinnige Bezüge hervor: von den Baumstämmen in den schwefelgelben jütischen Sumpfgebieten bei Josefine Klougart (2017) zu den Extremitäten des Pudels, der in Lydia Davis Erzählung „Our strangers“ (1983) einen Kontakt zwischen isolierten Nachbarn herstellt. Die Hand des geheimnisvollen Mitschülers J., die sich über dessen unlesbare Palimpsest-Schrift legt (Fioretos‘ Text), verweist auf die Klaue des Leguan-Drachens. Die laut abgespielten LPs auf dem Westö-Cover sind zwar Anlass eines Konflikts, für den jungen einsamen Mann in Helsinki stellt die Musik aber ein ähnlich lebensintensivierendes Element im Weltverhältnis dar, wie der hohle, angeblich singende Stein für die Protagonistin in Elsie Johanssons Erzählung (2017). Der Kimono, Requisit aus Kim Thuys Kurztext (2017), spiegelt sich in einer Szene in einer Fensterscheibe, während die Trägerin dieses Kleidungsstücks sehnsuchtsvoll in die erleuchteten gegenüberliegenden Fenster blickt und glaubt, mit ihrem imaginären Geliebten in Kontakt zu treten. Die gesamte Serie führt – entlang meiner Farbskala – von der Kindheit (Klougart) bis zum Tod (Lars Norén): Das Maskengesicht auf dem Titelbild von Noréns Erzählung „De sista rummen“ (Die letzten Räume) verallgemeinert die Demenz der Figuren A, B und C, die auf einer Pflegestation ihre mühsame Konversation pflegen, wodurch überindividuelle, möglicherweise gar anthropologische Konstanten in den Blick geraten. Menschen bleiben, wie die Herausgeberin betont, auf ihre Nachbarn angewiesen, wodurch jegliche Autonomiekonzepte effektvoll in Frage gestellt werden. Gerade solche Aspekte sind für eine Nationalliteraturen übergreifende Diskussionsanregung voraussichtlich besonders wertvoll, auch wenn transnationale literarische Bezüge in Peterssons Projekt nur eine unausgesprochene Zielsetzung sind.

Hat man den Fokus auf Requisiten, Motive und Figuren ausprobiert, fällt die besondere Stellung der beiden Landschaftsdarstellungen auf den Covern von Klougarts und Lindströms Kurztexten ins Auge: Das dänische Beispiel („Regn“/‚Regen‘, übersetzt von Johanne Lykke Holm ins Schwedische übersetzt) und das norwegische („Ødelagte byer“/‚Zerstörte Städte‘, übersetzt von Urban Andersson) nutzen die Szenographie für eine atmosphärische Verdichtung, die insbesondere Klougarts Erzählung markant aus der Textsammlung heraushebt. Während sich Lindströms Lob der zufälligen Begegnung, deren Folgen unabsehbar sein können, in der Art der klassischen Short Story gestaltet, nämlich anhand der Figur eines ungarischen Trampers, der unverhofft zum Retter wird, öffnet Klougarts Text Perspektiven auf bohrende, existenzielle Fragen. Klougarts fragmentarische Familiengeschichte in Regn entfaltet (ähnlich sprunghaft und leerstellenreich dargeboten wie Thuys minimalistischer urbaner Schnappschuss in Hitomi) einen Sog des Niedergangs. Der Tod zieht sowohl in das aufgeweichte Terrain als auch in die unwirtlich gewordenen Stallungen und Häuser ein, er wurde durch die Verzweiflung eines Mädchens angekündigt, das die Bewohner des Nachbarhofes vergeblich um Hilfe gebeten hatte – und nicht zuletzt durch ein Gesicht aus Asche, das an diesem Tag auf dem Rahmen der Tür zu sehen war, dessen Schwelle das Mädchen trotz seiner Not noch nicht einmal übertreten durfte. Vielleicht begegnet den Lesenden dieses Aschegesicht in der antiken Totenmaske auf dem Norén-Cover wieder? Ein ganzes Spektrum zwischen Kontingenz und Willkür einerseits und Veränderlichkeit und Gestaltbarkeit des nachbarlichen Zusammenlebens scheint hier auf.

Impulse der Materialität

Nun zu den beiden offensichtlicheren Antworten, die Materialität und die Distributionsform betreffend. Die Titelangaben der Texte sind nicht auf den Coverseiten, sondern auf den Rückseiten zu finden, jeweils über den Kürzest-Leseproben (mit 200 bis 320 Zeichen). Den Front-Illustrationen wird also, in Verbindung mit der Nennung der AutorInnen, besonders nachdrücklich ein großer ‚Handlungsspielraum‘ zuerkannt.

Statt eine stabil verleimte Anthologie zu lesen, können die Rezipierenden von Grannar mit konkreten Prosabausteinen hantieren, die Texte aufeinander zu wachsen lassen, intertextuell verknüpfen oder sie wieder entzerren und ausbreiten, um möglicherweise auch weitere Texte, Filme oder Songlyrics über Nachbarn oder neighbourhood ergänzend in das Mosaik einzufügen. Die Herausgeber von Anthologien sehen dagegen eine sinnstiftende Lesereihenfolge vor, wobei sich die gewählte Reihenfolge aus interpretatorischen Vorentscheidungen und der antizipierten Rezeption ableitet.

Regn kann auch auf dem Smartphone gelesen werden und ist beispielsweise in der E-Book-Version 20 Kronen billiger (siehe https://novellix.se/produkt/regn-e-bok/). Mit Novellix‘ Leitspruch „Novellix – Litteratur i fickformat“ (Literatur im Taschenformat) ist die digitale Nutzung allerdings nicht unbedingt mitgemeint, auch wenn jedes Heft eine passgerechte Leseportion im Pendleralltag bietet, in der Warteschlange, an der Bushaltestelle oder beim Multitasking. Auch wenn eine doppelte Verwertbarkeit sowohl in den Digital- als auch den Printmedien gegeben ist, signalisieren das aufwändige Buchdesign und die hochwertige Verarbeitung (wichtig für die haptische Wahrnehmung), dass die konkreten Hefte ein Deutungsvorrecht beanspruchen. Die Lesezeit von maximal 20 Minuten ist kürzer als bei einem Reclam-Heft: Das Layout der ca. 30 Seiten pro Ausgabe ist nämlich wesentlich spatiöser, der Seitenrand der Novellix-Bände etwas breiter, weshalb die zweistündige ‚Ganzschriftlektüre‘ eines Reclam-Klassikers von über 100 Seiten nur mehr als medienhistorische Rarität erscheint.

Die Materialität beider Darbietungsformen unterscheidet sich demnach gravierend. Natürlich bietet auch das ‚digitale Buchregal‘ die Option, die Einzeltitel von Grannar selbst zu arrangieren oder ein Mosaik der Titelbilder zusammenzufügen, aber nur, wenn man die einzelnen Hefte in der digitalen Version separat kauft. Außerdem gibt die digitale Bibliotheksfunktion der Leseprogramme (z.B. Adobe Bookshelf) bzw. die Smartphone-App in der Regel Ordnungsprinzipien vor, die von den Lesenden zunächst überprüft werden müssen. Welche Gestaltungsmöglichkeiten gestattet ihnen das mediale Dispositiv hier zu? Ein spielerischer Zugang scheint (noch) erschwert.

Darüber hinaus offenbart sich der Zusammenhang der digitalen Einzelhefte den Käufern erst, wenn sie von der Existenz der Box und damit auch dem Projekt-Zusammenhang ‚Nachbarschaft‘ wissen. Also ist das physische Handeln mit den Heften sowieso erst dann wahrscheinlich, wenn man die komplette Box erworben hat.

Zweifellos sollen mit der Novellix-Serie mittels just dieser Materialität Sammlerinstinkte angesprochen werden. In der Buchhandlung und zu Hause lassen die unterschiedlich umfangreichen Boxen (Dreier-, Vierer- oder Fünfer-Schuber) oder die Einzelhefte dekorativ platzieren. Zierliche Bücherregale oder Buchaufsteller, die ermöglichen, die Cover frontal zu präsentieren, ermöglichen eine mobile Bibliophilie jenseits des Digitalen. Auch eine kleine Holzstaffelei oder ein Fotoständer bieten sich an, um die persönlichen Lesefrüchte als Kunstobjekte darzubieten. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieses Möblement des compact reading eines Tages die ‚Kultur der Bücherregale‘ wiederbeleben kann.  

(Antje Wischmann, Wien)

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