Neben der Katastrophe: Was bleibt dem, der verschont wurde? Johan Harstad: Max, Mischa & Tetoffensiven (2015)

Der Norweger Johan Harstad (geb. 1979) ist als Autor ein geübter Post-Apokalyptiker: Das Theaterstück Krasnoyarsk (2008) zeigt einen Anthropologen auf der Suche nach Überlebenden nach dem Zusammenbruch der Kontinentalplatten; der Roman Darlah (2008 – dt. 2010) erzählt von der erfolgreichen Invasion der Erde durch Aliens – übrigens durch den Körper einer Norwegerin; das Theaterstück Osv. (usw. – 2010) trägt den Untertitel Vietnam, Bosnia, Rwanda, Tsjetsjenia, Somalia, Darfur, Afghanistan, Irak und weist damit darauf hin, dass die Reihe militärischer Konflikte, die die Welt in Atem hält, nicht abreißen wird. Kriege, Katastrophen, unterschiedliche Varianten des Weltuntergangs; der Roman Hässelby (2007) bietet vielleicht das originellste Szenario: Sein Protagonist heißt Albert Åberg – wie der kleine Junge, den die schwedische Autorin Gunilla Bergström in einer langen Serie von erfolgreichen Kinderbüchern auftreten lässt; im schwedischen Original heißt er Alfred Åberg, in den deutschsprachigen Übersetzungen Willi Wiberg. Die Bilderbuchreihe erzählt von den Alltagssituationen eines Vorschulkinds, wie der kleine Alfred Ängste überwindet, Freunde findet, sich mit anderen zu arrangieren lernt und seinem Papa zeigt, dass er ihn liebhat. An Alfred/Albert/Willi kann man erleben, wie eine gelungene Kindheit in der besten aller Welten, dem Wohlfahrtsstaat nordischer Ausprägung, aussehen kann. Bei Harstad ist Albert erwachsen geworden, doch er ist konfliktscheu, bindungsunfähig, apathisch und selbstbezogen. Seine ideale Sozialisation hat nicht dazu geführt, ihn zu einem Menschen zu machen, der seine privilegierte Stellung nutzt und mit Mut das Unrecht der Welt angeht, um es zum Guten zu wenden.

In Ibsens Drama Peer Gynt will der geheimnisvolle Knopfgießer die Hauptfigur Peer einschmelzen; ihn in Himmel oder Hölle weiterleben zu lassen, sei überflüssig, weil Peer es versäumt habe, eine Persönlichkeit zu werden. Harstad wendet Ibsens Knopfgießer-Szene ins Soziale: Das Menschheitsexperiment des Sozialstaats ist gescheitert, so dass Albert Åberg und mit ihm ganz Skandinavien am Ende des Romans abgebaut werden – im wahrsten Sinne des Wortes: Dämonen transportieren die Bewohner ab, reißen die Städte, Dörfer, Straßen und Brücken ein, versenken den Schutt in der Ostsee, wodurch der Meeresspiegel steigt und Europa überflutet. Das Szenario einer möglichen Klimakatastrophe wird als Konsequenz moralischen Fehlverhaltens und unterlassenen sozialen Handelns gedeutet (wenn auch auf andere Weise, als es uns die Meteorologen ankündigen). Der erhobene Zeigefinger am Ende des Romans überrumpelt den Leser derart, dass er nicht dazu kommt, sich über ihn zu ärgern.

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Auch in seinem neuesten Roman Max, Mischa & tetoffensiven (2015) bildet das Gravitationszentrum eine Katastrophe: Bereits der Titel nennt neben den beiden Hauptfiguren die Tet-Offensive, also jenen Moment im Januar 1968, als der Vietcong am Vorabend des vietnamesischen Neujahrsfestes, des Tết Nguyên Đán, eine breit angelegte Offensive gegen die Allianz von südvietnamesischer und US-amerikanischer Armee startete. Auch wenn der Angriff erfolgreich zurückgeschlagen werden konnte, brachte die Offensive doch eine entscheidende Wende im Kriegsverlauf. Die Bilder der Hinrichtung eines Vietcong-Generals vor den Kameras westlicher Reporter sowie die Berichte über Kriegsverbrechen der amerikanischen Soldaten als Reaktion auf die Tet-Offensive ließ die öffentliche Meinung in den USA kippen. In der Folge formierte sich in der US-Bevölkerung breiter Widerstand gegen das militärische Engagement in Südostasien.

Harstads Roman, dick und schwer wie ein Ziegelstein, erzählt in wechselnden Blöcken von Max und Owen: Max, der Ich-Erzähler, muss im Sommer 1990, als er 12 Jahr alt ist, mit seiner Familie aus Forus, einem Stadtteil von Stavanger, in die USA auswandern. Zwar trennen sich seine Eltern nach einigen Jahren, doch von außen gesehen gleicht sein Leben einer Erfolgsgeschichte: 2012, dem Jetzt des Romans, ist er ein junger und trotzdem schon anerkannter Theaterautor und -regisseur mit Wohnsitz in Manhattans Upper West Side. Doch sein Leben ist von einem existentiellen Unbehagen geprägt und der Suche nach dem Grund dieses Unbehagens. Die Dauerkrise führt schließlich dazu, dass sich seine langjährige Lebenspartnerin Mischa Grey von ihm trennt; sie ist eine erfolgreiche bildende Künstlerin, die der Schauspielerin Shelley Duvall gleicht, deren Portrait das Cover des Romans ziert.

Von Owen, einem Onkel von Max, wird in der dritten Person erzählt und es spricht einiges dafür, Max für den Autor auch dieses Erzählstrangs zu halten. Anfang der 1970er verabschiedet sich Ove, wie er damals noch heißt, aus der Geschichte seiner norwegischen Familie und emigriert in die USA, um Jazzmusiker zu werden. Um in Amerika eingebürgert zu werden, meldet er sich als Soldat im Vietnamkrieg. Auch wenn die Kriegserlebnisse Owen traumatisieren und sein Leben deshalb von einem rastlosen Grundton durchzogen ist, meistert er die Herausforderung seines Leidens doch auf unspektakuläre Weise. Sie, das Paar Max und Mischa, und Owen werden Freunde und leben zusammen in einer Künstler-WG.

Von diesem Onkel, genauer von der Tatsche, dass der Onkel ein Vietnamveteran ist, geht eine besondere Faszination auf Max aus. Kurz bevor er von den Emigrationsplänen seiner Eltern erfährt, sieht der 12-Jährige heimlich eine Kopie von Francis Ford Coppolas Apocalypse now auf dem heimischen Videoplayer; die Vorlage wird als Räuber-und-Gendarm-Version nachgespielt, Max erleidet dabei einen Schlüsselbeinbruch, „Du er krigsveteran nå, vi er alle sammen det“ (S. 95 – „Du bist jetzt ein Kriegsveteran, wir alle sind Kriegsveteranen“), flüstert ihm ein Mitspieler zu, als er im Gipskorsett im Krankenhaus liegt. „Vi hadde kjempet hardt og tappert og vi hadde vunnet. Vi hadde gjort oss fortjent til å reise hjem“ (S. 95 – „Wir hatten hart und tapfer gekämpft und wir hatte gewonnen. Wir hatten verdient, nach Hause reisen zu dürfen“). Mit dieser Episode war die Folie oder besser der Mythos fertig, vor dem Max den Verlust seiner Erstsozialisation im norwegischen Forus bearbeitet: Den Umzug an die Ostküste der USA deutet er als Trauma, das ihm noch als 35-Jährigem erlaubt, sein Unbehagen im eigenen Leben in Analogie zu Coppolas Hauptfigur, Captain Willard, zu deuten, der das Grauen im Dschungel von Vietnam kennen lernt. Und auch die Faszination für Mischa/Shelley Duvall erklärt sich als Begehren nach dem Trauma: Duvalls bekannteste Rolle ist schließlich Wendy in Kubricks Horrorfilm The Shining (1980), in der sie von Jack Nicholson mit einer Axt bedroht wird.

Auch wenn man als Leser anfangs bereit ist, die Interpretationsfolie – Kind verkraftet den Umzug nicht – zu akzeptieren, so wird doch mit zunehmender Seitenzahl immer deutlicher, wie unangemessen diese Selbstinterpretation des Ich-Erzählers ist. Denn zum einen hat Max nach dem Umzug keine Schwierigkeiten, sich in seiner neuen Lebenswelt einzufinden; zum anderen lag die Interpretationsfolie ja bereits seit dem Kriegsspiel, d.h. vor dem Umzug aus Forus nach New York, fest. Entsprechend geht es an der (erzählten) Realität vorbei, die Emigration als Grund von Max’ lebenslanger Haltlosigkeit zu akzeptieren. Im unfreiwilligen Ortswechsel manifestiert sich eher das, was sowieso hätte kommen müssen: der Verlust der kindlichen Welt und der familiären Selbstverständlichkeiten, der jede Pubertät einleitet. Den Zwang, erwachsen zu werden, dem Wiederholungszwang des Traumas gleichzustellen, das „Grauen“ von Coppolas Apokalypse als Dauerfolie einer erfolgreichen Künstlerbiographie anzunehmen, dieses Interpretationsmuster des eigenen Lebens entbehrt jeglichen Proportionsgefühls.

Von der Unverhältnismäßigkeit dieses Vergleichs handelt der Roman. Mischa verlässt die Künstlerkolonie, als sie nicht mehr bereit ist, die Dauerpubertät ihres Partners zu ertragen. Mit ihrem Bruch ist Max gezwungen, sein Leben einer Auswertung zu unterziehen. Der Roman – genauer: die Niederschrift seines Lebens, die wir als Roman lesen – bietet sich als diese Auswertung dar.

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Max steckt also offensichtlich in der liminalen Phase der Pubertät fest; er wartet darauf, dass sich etwas zeigt, was ihm ein Zentrum bietet, das ihm mit dem Verlust der kindlichen Erstsozialisation abhanden gekommen ist. In gewissem Sinn sehnt er sich nach dem Trauma, das in seinen Augen dem Leben seines Onkels Owen eine Peripetie gegeben hat (auch wenn Owen selbst diese Interpretation ablehnt). Dieses Begehren nach der Katastrophe, die das existentielle Leiden legitimieren und damit mit Sinn ausstatten würde, begegnet bereits dem Leser von Osv., Harstads Schauspiel aus dem Jahr 2010. Eine der Hauptfiguren dort ist ebenfalls ein Vietnamveteran, der anders als Owen tatsächlich an einem Trauma zerbricht. Eine der Nebenfiguren, ein Vietnam-Nerd, der alle Romane, Spielfilme und Dokumentationen über den Vietnamkrieg verschlingt, klagt die Veteranen an, dass sie ihn nicht an ihrem Trauma Anteil nehmen lassen. Er formuliert das Paradox, dass das Leiden der Veteranen Teil des amerikanischen Mythos geworden ist und damit ein zentrales Element (nationaler) Identität. Diese Ressource der Identitätsbildung sei ihm verwehrt. Dem Nerd sind nur wenige Minuten im Schauspiel zugemessen. Doch in der Hauptfigur von Max, Mischa & tetoffensiven wird das Begehren nach der Katastrophe in epischer Breite entwickelt. Dass Harstad angesichts der Unangemessenheit dieser Sehnsucht nicht zynisch wird, sondern es fertigbringt, die Sympathie des Lesers für den ewig pubertierenden Melancholiker über 1083 Seiten (von denen keine einzige langweilig ist) aufrecht zu erhalten, zeigt, dass er sein Handwerk als Erzähler beherrscht.

Tatsächlich hat sich Harstad viel von den popkulturellen Medien abgeschaut, die den Referenzraum des Romans bilden. Er verliert den Spannungsaufbau nie aus dem Blick trotz zahlreicher Digressionen, wie etwa seitenlangen Ausschnitten aus (fiktiven) Kunstkatalogen zu Mischa Greys Ausstellungen. Auf der vorderen Innenseite des Umschlags ist eine Prognose des National Weather Service vom 29. Oktober 2012 abgedruckt, die den Verlauf des Hurrikans Sandy mitteilt. Noch vor dem Beginn des Romantextes wird somit signalisiert, dass die Handlung unweigerlich auf „an extremely dangerous storm surge“ (eine extrem gefährliche Flutwelle) zusteuert und er/sie liest den Roman entsprechend auf ein angekündigtes Ereignis hin, das – so die offen gehaltene Erwartung – zu einer alles relativierenden Wende werden könnte … oder eben auch nicht. Und tatsächlich: Der Wirbelsturm wird im letzten Kapitel des Romans zur Katastrophe, die Max endlich aus der Rolle des Verschonten befreit. Die existenzielle Leere der Hauptperson wird erst durch eine existenzielle Bedrohung gefüllt.

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In der letzten Szene wartet Max auf seinen Flug nach Montreal – dort will er Mischa wiedersehen und die Chancen für eine Wiedervereinigung stehen gut. Da wird der Flug aufgerufen. Ein Mitreisender, mit dem Max geplaudert hat, „setter koppen fra seg, ser på meg og peker mot høyttaleren. Smiler. / ’Vel,’ sier han. ’This is for us.’ / Så løper vi.“ (S. 1083 – Der Mitreisende stellt die Tasse ab, sieht mich an und zeigt auf den Lautsprecher. Lächelt. / ‚Nun’, sagt er. ‚This for us.’ / Dann laufen wir zum Gate.) „This is for us“ / „This is Forus“. Das Wortspiel mit dem Namen des Stavanger Stadtteils, in dem Max bis zur Übersiedelung in die USA gelebt hat, wurde bereits im ersten Kapitel eingeführt. Nun schließt sich der Kreis. Max ist – nach ‚seiner’ Katastrophe – in einem neuen Leben angekommen. Die Tragödie des Verschonten wird zu einer Comedy of Remarriage.

Johan Harstad:Max, Mischa & tetoffensivenGyldendal: Oslo, 2015.
(Joachim Schiedermair, Greifswald)

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