Didaktische Dystopie: Maja Lundes Nekrolog auf die Bienen

Nach der Krimiwelle und nach Karl Ove Knausgaards Großprojekt Min kamp (2009—2011) wird Maja Lundes Roman Bienes historie (Die Geschichte der Bienen, 2017) als ein weiterer skandinavischer Bestseller gehandelt. In Norwegen begeisterte das Buch die Kritiker, erhielt den begehrten Buchhändlerpreis und stand lange auf den Verkaufslisten ganz oben. Schnell wurde es in knapp 20 Sprachen übersetzt und wird derzeit gerade vom deutschen Feuilleton gefeiert; auf der Spiegel-Bestsellerliste steht es auf dem ersten Platz. Die Autorin war bislang nur als Kinderbuchautorin und Drehbuchschreiberin hervorgetreten, Bienes historie ist ihr Debüt auf dem Sektor der Erwachsenenliteratur; ein Nachfolgeroman, der die ökologische Thematik weiterführen soll, ist bereits angekündigt.

Der Roman erzählt allerdings weniger die Geschichte der Bienen, wie es der Titel nahelegt, als vielmehr die Geschichte dreier Protagonisten, in deren Leben Bienen eine wichtige Rolle spielen. Diese fiktiven Szenarien spielen in drei unterschiedlichen Ländern – England, USA und China – und sind auf drei unterschiedlichen Zeitebenen – 1852, 2007 und 2098 – angesiedelt. Protagonisten sind der englische Samenhändler und Naturkundler William, der eine neue Form des Bienenkorbs entwirft, der Imker George aus Ohio, dessen Bienenvölker auf mysteriöse Weise verschwinden, und die chinesische Arbeiterin Tao aus der Provinz Sichuan, die in einer Welt ohne Bienen mühselig und Tag für Tag Obstbäume von Hand bestäuben muss. In dieser dystopischen Welt setzt der Roman an; nicht nur in China, sondern weltweit ist es nach dem Tod der Bienen zu einer katastrophalen Versorgungslage gekommen, es herrscht Lebensmittelknappheit und Umweltverschmutzung, die Menschen leben in einer extrem freudlosen, unfreien und autokratisch geführten Gesellschaft am Rande des Untergangs. Das Katastrophenszenario wird nicht in umfassender Weise politisch, ökonomisch oder gesellschaftlich hergeleitet, sondern mit dem Aussterben der Bienen in Zusammenhang gebracht. Pflanzenschutzmittel und Pestizide hatten schon zu einer Verringerung des Bienenbestandes geführt, bevor der sog. „Kollaps“ zu ihrem vollständigen, weltweiten Aussterben führte. Der Beginn dieses Prozesses wird auf der Handlungsebene der Gegenwart thematisiert. Die Arbeit des Imkers George in Ohio wird bedroht durch das rätselhafte Verschwinden ganzer Bienenvölker, den sog. Colony Collaps Disorder (CCD). Hierbei handelt es sich nicht um ein fiktives, sondern ein reales, allerdings bislang nur unzureichend erklärtes Phänomen, das die Existenz von Honigbienen in unserer Gegenwart bedroht. Zwar gab es dieses mysteriöse Verschwinden ganzer Bienenvölker immer schon, doch hat sich die Zahl der kollabierenden Kolonien vor allem in Nordamerika in den letzten Jahren drastisch erhöht, was zur Formulierung der Bezeichnung CCD im Jahre 2006 geführt hat. Die Gefährdung des Tierbestands, die in der Tat weitreichende Konsequenzen für die Bestäubung und damit Vermehrung und Existenzmöglichkeit von blühenden Pflanzen hat, ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans; die ökologische Botschaft stellt wohl auch den Schreibanlass dar und macht die Idee des Textes aus.

Um diesen zentralen Punkt herum sind die drei Erzählungen gruppiert, denen mit der Geschichte des Bienenkenners William Savage ein historisches Fundament und mit dem Katastrophenszenario im bienenlosen Jahr 2098 eine dezidierte ökokritische Perspektive gegeben wird. Hinzu kommen Spannungsbögen innerhalb der einzelnen Teilerzählungen, die vor allem um Eltern-Kind-Beziehungen kreisen. Das mysteriöse Verschwinden von Taos Sohn Wei-Wen, die problematischen Beziehungen von sowohl Georg als auch William zu ihren jeweiligen Söhnen formen die Handlungselemente der drei Geschichten, die im Wechsel erzählt werden. In relativ kurzen, mit den jeweiligen Namen der Hauptpersonen überschriebenen Kapiteln wechseln sich die Perspektiven der drei Ich-Erzähler regelmäßig ab – was nicht wenig an die Konstruktionsmerkmale von soap operas erinnert. Auch die etwas gezwungene cliff-hanger-Technik kennt man vor allem aus TV-Serien, die dieses Verfahren allerdings ihrerseits aus dem Feuilletonroman übernommen haben. Jeweils an spannenden Stellen wird die Handlung unterbrochen und auf einen der beiden anderen Erzählstränge hinübergeblendet. Diese Art der Spannungserzeugung sowie auch die etwas schematische Handlungskonstruktion verrät die Erfahrung der Autorin als Jugendbuch- und Drehbuchschreiberin. Während die Handlung in diesem Sinne leicht lesbar und abwechslungsreich ist, können die Lösungen der einzelnen Erzählstränge nicht recht überzeugen. Vor allem der Hoffnungsschimmer am Ende der Dystopie wirkt wenig glaubhaft.

Doch immerhin gelingt es der Autorin, auf diese Weise auf ein wichtiges Thema und dringendes ökologisches Problem aufmerksam zu machen – heiligt der Zweck also die Mittel? Durch eine leicht verständliche und ansprechende Geschichte werden Betroffenheit und Problembewusstsein erzeugt. Man kann dem Buch durchaus eine didaktische Kompetenz attestieren, die wohl zu seinem Bestsellerstatus beigetragen hat. Da jedoch weniger die fiktionalen Welten oder ihr Personal faszinieren, sondern das rätselhafte Bienensterben die Betroffenheit auslöst, neigt man dazu, genauer nachzufragen. Und weil die Autorin selbst am Ende ihres Buches auf eine große Anzahl von wissenschaftlichen Quellen verweist, scheint dieses sachliche Nachfragen durchaus berechtigt und erwünscht. Dass Bienen bedroht sind durch die großflächige Verwendung von Pestiziden und durch Milben, dass ihre Lebensbedingungen angesichts der immer dominanter werdenden Monokulturen und der modernen Agrarindustrie sich deutlich verschlechtert haben, ist bekannt und vielfach belegt. Dass ihre Zahl deswegen insgesamt gesunken ist, trifft allerdings nicht zu, da Züchtungen dem Bienensterben entgegenwirken; Wikipedia berichtet unter Berufung auf die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), dass die Zahl der kommerziellen Bienenstöcke zwischen 1961 und 2007 weltweit um ca. 45 % angestiegen ist. Sie ist zwar in Nordamerika und Europa gesunken, dafür aber vor allem in Asien und Afrika ganz erheblich gestiegen. Noch liegt also – zum Glück – das im Roman beschriebene Katastrophenszenario in weiter Ferne. Auch die Bestäubungsleistung der Bienen für die globale Landwirtschaft ist nicht so unverzichtbar, wie es der Roman suggeriert, da Nutzpflanzen, die nicht auf tierische Bestäubung angewiesen sind, den weitaus größten Teil der menschlichen Nahrung ausmachen (Kartoffeln, Reis, Getreide). Trotzdem wäre der Rückgang der Bestäubungsleistung nicht nur eine Verringerung, sondern vor allem eine Verarmung der landwirtschaftlichen Produktion, weil Nahrungsvielfalt und Früchte ganz entscheidend zu unserem Wohlbefinden und Lebensstandard beitragen.

Nun soll mit Sicherheit nicht argumentiert werden, dass das Bienensterben nicht so schlimm und die Industrialisierung der Landwirtschaft nicht potentiell gefährlich sei. Das Ausmaß des Artensterbens ist gewaltig und beunruhigend und betrifft nicht zuletzt die nützlichen Insekten. Manche der Szenarien des Romans – der Transport ganzer Bienenvölker zur Bestäubung von Plantagen und sogar die Bestäubung von Hand – sind bereits Wirklichkeit. Hinzu kommt, dass mit jeder Veränderung des ökologischen Gleichgewichts weitere, nicht absehbare Entwicklungen in Gang gesetzt werden. Insofern macht der Roman am Beispiel der Gefährdung der Bienen auf ein globales ökologisches Problem aufmerksam. Maja Lunde hat mit ihrem unterhaltsamen Buch erreicht, dass von der Gefährdung der Biene durch Umwelteinflüsse gesprochen wird! Doch obwohl jede Dystopie mit Übertreibungen, und jede Fiktion mit erfundenen Szenarien operiert, hat man das Gefühl, dass dieser Roman mit sehr einfachen und plakativen Mitteln arbeitet, um einen didaktischen Effekt zu erzielen – und eine große Zahl an Lesern und Leserinnen zu erreichen.

Maja Lunde: Bienes historie, Aschehoug: Oslo, 2015.
(Annegret Heitmann, München)

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