Den, der lever offentligt / Wer öffentlich lebt – Leonora Christina Skov: Den, der lever stille (2018)

Cover Leonora Christina Skow "Den, der lever stille"In Dänemark ist Leonora Christina Skov, wie man so schön sagt, weltberühmt. Sie hat bislang fünf Romane geschrieben, ist aber auch als Rezensentin, als LGBT-Aktivistin, Feuilletonistin und Herausgeberin aktiv; auf Instagram begleitet sie ihre Aktivitäten medial durch eine Fülle von Fotos. Schon allein durch ihre Medienpräsenz hat sie einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, der durch ihr neues autobiographisches Buch noch einmal gesteigert wird. Die Rezensenten bemühen Worte wie »hjertskærende, vidunderlig, rørende, bevægende, fantastisk, gribende« (herzzerreißend, wunderbar, rührend, bewegend, phantastisch, ergreifend) und Superlative wie »En stærk læseoplevelse af den ypperligste slags« (ein starkes Leseerlebnis der besten Art; alle auf der Werbeseite des Gyldendal Verlags).

Schon allein die Resonanz, die dieses Erinnerungsbuch in der dänischen Öffentlichkeit ausgelöst hat, fordert eine Beschäftigung damit heraus. Was hat dieses Buch zu bieten und worin besteht seine Faszinationskraft? Etwas grundsätzlich Neues stellt es nämlich nicht dar: Es ist ein Erinnerungs- und Bekenntnisbuch, eine Selbstfindungsgeschichte, eine Auseinandersetzung mit dem Herkunftsmilieu. All das haben wir in Autobiographien schon hundertfach gelesen und um eine Autobiographie handelt es sich, auch wenn »Roman« auf dem Titelblatt steht. Doch zum Genre später mehr.

Das Buch handelt von der Verwandlung der Christina Skov in Leonora Skov. Nach einer zwar gutsituierten, aber freudlosen Kindheit, in der sie sich nicht akzeptiert und besonders von der egozentrischen Mutter nicht geliebt fühlt, beginnt mit der Studienzeit in Kopenhagen die Selbst(er)findung als Lesbe und Schriftstellerin. Dieser Prozess geht einher mit der Namensänderung, dem Studium der Literaturwissenschaft, Lektüre- und Schreiberlebnissen, Liebesbeziehungen zu Frauen und der Entdeckung von farbenfroher Mode, Makeup und Lippenstiften. Das coming out hat den Verstoß aus dem Elternhaus zur Folge – was angesichts der Tatsache, dass er sich im Dänemark der 1990er Jahre abspielt, einigermaßen überraschend ist. Zur Erinnerung: Dänemark war das erste Land der Welt, das bereits am 26. Mai 1989 ein Gesetz zur Registrierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften eingeführt hat. Doch das Buch führt uns in ein Milieu, das offenbar weit entfernt ist von der gesetzgeberischen Liberalität.

Der Text setzt ein mit der Sterbeszene der Mutter, die zwölf Jahre lang an einer Krebskrankheit gelitten hat. Schonungslos wird nicht nur das Sterben, sondern auch die Entfremdung und Kälte zwischen Mutter und Tochter geschildert, die durch Rückblicke in die Kindheit intensiviert werden. Das Aufwachsen der Ich-Erzählerin war geprägt durch die Lieblosigkeit einer Mutter, die selbstbezogen, möglicherweise sogar psychisch krank, auf jeden Fall aber ohne Empathie für ihr Kind war. Immer standen ihre eigenen Gefühle im Zentrum, das Kind muss sich stets in Relation zur Mutter verhalten. Zudem herrschten im Elternhaus strenge Regeln: Geschlafen wird im eigenen Bett und im Dunkeln, Süßigkeiten sind verboten, das Haar wir streng zurückgekämmt, gute Noten sind selbstverständlich. Jegliches Zuwiderhandeln wurde nicht nur bestraft, sondern immer als Auflehnung gegen die Mutter interpretiert. Eine solche Erziehung produziert permanente Schuldgefühle des Kindes, die nur durch Fluchten in Fantasiewelten erträglich werden. Insofern wird eine extreme Kindheitserfahrung beschrieben. Anderseits enthält das Porträt der Mutter durchaus etwas Geschlechtstypisches: Der Roman entwirft das Bild einer sich zwanghaft über die Mutterschaft definierenden Frau, für deren fehlende Eigenständigkeit die Tochter verantwortlich gemacht und bestraft wird.

Die Ablehnung durch die Mutter erreicht ihren Höhepunkt, als die Tochter, nachdem sie zum Studium nach Kopenhagen gezogen ist, ihr coming out als Lesbe hat. Auch das wird in Relation zur Mutter und zum Elterhaus verstanden und als absolut inakzeptabel bewertet. Die Tochter verstößt damit nicht nur gegen die heteronormativen Vorstellungen der Eltern, sondern auch gegen eine der Grundregeln des Elternhauses, die da lautet »Den, der lever stille, lever godt« (Wer still lebt, lebt gut). Es dürfte auf eine große Anzahl von Mädchen zutrfeffen, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren erzogen wurden, dass sie die Maxime des »Was sollen denn die Leute denken« zu beherrschen hatten. Die streng normierte Mädchenerziehung, die als Berufswunsch höchstens Krankenschwester oder Kindergärtnerin akzeptierte, die Schminke und schicke Kleider als unmoralisch abwertete und die jede Widerrede als Liebesentzug gegenüber der Mutter bewertete, war sicher kein Einzelfall und könnte sozialhistorisch und -psychologisch hergeleitet werden. Die extreme Form der empathielosen Erziehung, die dieses Buch beschreibt, verlangt aber eher nach einer individual- oder tiefenpsychologischen Erklärung. Beides bleibt in diesem Text jedoch aus, er steht ganz im Zeichen des Selbstfindungsverlaufs.

Als Schritt heraus aus dem repressiven Elternhaus erfolgt im Handlungsgang des Textes nun »En ny begyndelse« (Ein Neuanfang), wie eines der elf, sehr unterschiedlich langen Kapitel heißt, das genau in der Mitte des Buches platziert ist. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich der Charakter des Textes, es folgt eine lebhafte Schilderung des Daseins in der neuen großstädtischen Umgebung und Porträts neuer Freundinnen sowie zahlreicher Liebhaberinnen. Auch das Studium der Literaturwissenschaft und die Liebe zur Literatur, die schon seit frühester Kindheit auch das eigene Schreiben umfasst hatte, gehört zu dieser neuen Identität, beschränkt sich jedoch auf name-dropping und erhält in der Darstellung weit weniger Gewicht als die Veranschaulichung von Kleidern und Lippenstiften, Möbeln und Bars. Die vielen Beschreibungen von »røde glimmersko med plateau […] og min pinupkjole [med] leopardkanter« (314; roten Glitzerschuhen mit Plateausohlen […] und mein[em] Pinup-Kleid [mit] Leopardenkanten) erinnern an Mode-Blogs und sind oft geprägt von Klischees. Will man wirklich wissen, welches Parfum und welche Lippenstiftfarbe die Ich-Erzählerin jeweils bevorzugt? Und will man – als Leser*in – alle die Ingrids, Kikis, Marias, Jannis, Ellinors, Louisas, Pias, Dortes, Julies usw. wirklich kennenlernen? In dem (viel zu) langen Mittelteil verliert die Autorin die im Anfangsteil eröffnete Thematik der Beziehung zur Mutter aus den Augen und ergeht sich wortreich in Beschreibungen ihres Kopenhagener Milieus. Hätte sie sich doch an den Dialog mit der Verlegerin ihres ersten Romans erinnert, die sie ermahnt hat, ihren Text nicht zu überladen und zu erkennen, »at det handlede lige så meget om at holde igen« (296; dass es ebenso darum ging, sich zu beschränken). Diesen Rat hat sie leider in ihrem autobiographischen Werk nicht befolgt. Es gerät diesem Text nicht zum Vorteil, dass die Autorin sich auf 2000 Seiten Tagebuchaufzeichnungen stützen konnte, wie sie selbst angibt. Weniger wäre mehr gewesen.

Gegen Ende kehrt das Buch zu der sterbenden Mutter und der Mutter-Tochter-Beziehung zurück. Jetzt scheint sich das Verhältnis gebessert zu haben; psychologisch ist der harte Kontrast von dem schonungslosen Anfang zum eher versöhnlichen Ende nicht ganz nachvollziehbar, der Bogen über den munteren Mittelteil hinweg wird nicht wirklich überzeugend gespannt. Was vor allem verwundert, ist in Zeiten von Autofiktion und Selbstreflexivität die fast völlig fehlende Genrereflexion des Textes. Die Autorin ist immerhin ausgebildete Literaturwissenschaftlerin (mit einer Examensarbeit und eigenen Texten im Genre »gothic fiction«), doch die Gattung der Autobiographie hat ihr offenbar wenig Kopfzerbrechen bereitet. Dabei wurde das alte Genre von Anfang an von Überlegungen über Wahrheitsansprüche, Erinnerungsvermögen, Selektionsverfahren, Selbstwahrnehmung und Re-konstruktion begleitet. Autobiographie ist nicht nur auto und bios, sondern auch graphein, die Überformung durch Schrift. Im vorliegenden Fall stimmt der Inhalt des Buches in allen Details – bis auf ein paar geänderte Namen – mit den zahlreich vorhandenen Selbstaussagen in journalistischen Texten, Interviews und den sozialen Medien überein. Die angebliche Fiktionaliserung, die die Gattungsbezeichnung Roman erwarten lässt, wird nicht erkennbar; als Ausdrucksform genutzt und markiert ist sie zumindest nicht.

Nach einem formal vielversprechenden Textbeginn, der mit den autobiographietypischen zwei Zeitebenen von ›Damals‹ und ›Jetzt‹ operiert und provokativ den Tod – einen Endpunkt – initial setzt, von dem aus Rückblicke auf Kindheitsepisoden eingeflochten werden, verliert sich zunehmend diese autobiographische Doppelbödigkeit. Zunächst wird auch der Entstehungprozess des Textes selbstreflexiv eingebracht: »Jeg vil skrive om min mor og vores forhold« (S. 44; Ich will über meine Mutter und unser Verhältnis schreiben). Im Dialog mit der Lebenspartnerin Annette wird nicht nur dieses Vorhaben, sondern es werden auch die anfänglich damit verbundenen Schwierigkeiten entfaltet, wobei es allerdings nicht um Darstellungsprobleme geht, sondern eher um ethische Fragen (Auslieferung der dargestellten Personen) und um die eigene Befindlichkeit beim Schreiben. Leider fällt auch dieser selbstreflexive Strang der Erinnerungsfülle des mittleren Teils mit all seinen high heels und Lippenstiftfarben zum Opfer. Eine kleine Passage in diesem bunten Teil enthält dann doch wieder ein wenig Selbstreflexion in einem witzigen Seitenhieb auf die minimalistische »forfatterskole«-Literatur: »Louisa skrev kort-prosa om tomme, hvide lejligheder« (241; Louisa schrieb Kurzprosa über leere weiße Wohnungen) und ihr Leben sieht genauso aus: »Hvide rum og ganske få ting [….] På den halvtomme reol stod der et par dusin bøger, en lille stak cd´er og en enkelt blyant i et glas« (243; Weiße Räume und ganz wenige Dinge […] Auf dem halbleeren Regal standen ein paar Dutzend Bücher, ein kleiner Stapel CDs und ein einzelner Bleistift in einem Glas). Mit wenigen Worten entwirft Skov hier nicht nur eine ironische Charakteristik einer Poetik und einer Lebensweise, sondern nimmt auch eine Abgrenzung dazu vor – sie trennt sich von Louisa und ihrem einsamen Bleistift. Eine solche Passage zeigt gleichzeitig den Wert und die Aussagekraft der sparsam gesetzten Worte, der Andeutungen, die das Buch ansonsten über weite Strecken vermissen lässt.

Es wird kein Zweifel am Wahrheitsgehalt gesät und schon gar nicht an der Bedeutung der vielen Episoden, Menschen, Orte und Songtitel für das erzählte Ich, doch die Relevanz für den Text (und die Leser*innen) ist in vielen Fällen unklar oder nicht gegeben. Die Identitätskonstruktion, die die Autobiographie aufbaut, verläuft bruchlos von einer problematischen Ausgangssituation hin zu einer Selbstfindung – mit Schriftstellererfolg und Liebeglück (mit Annette). Das zweite Anliegen des Textes, das initial gesetzte Rätsel, das das Verhalten der Mutter ihrer Tochter gegenüber aufgibt, wird nicht aufgelöst, auf einen diesbezüglichen Brief am Ende des Textes (der die Gattungskonvention der Gothic Fiction aufnimmt) gibt es keine Antwort. Die Lebenshaltung des »Den, der lever stille« (Wer still lebt) wird nicht wirklich erkundet oder begründet. Statt dessen ergibt sich als der überwiegende Einruck des Buches ein »Den, der lever offentligt« (Wer öffentlich lebt), eine Selbstinszenierung der Erfolgsautorin Leonora Christina Skov, der LGBT-Aktivistin, der Instagram-Selbstdarstellerin. Dem dänischen Lesepublikum hat dieses Programm offenbar gefallen: Die Gewährung voyeuristischer Einblicke in die Lebensgeschichte einer öffentlichen Person lässt sich wohl als modernes Märchen lesen.

Leonora Christina Skov: Den, der lever stille. Roman. Kopenhagen: Politikens forlag, 2018
(Annegret Heitmann, München)

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